11. Googles Bekanntheitslisten erwählen oder verdammen – die Trampelpfade der Besucher asphaltieren sich selber




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Einerseits erwählt und ordnet Google Anbieter im Internet und macht viele zu Stars. Anderseits führt es – das ist ebenso wichtig – vieles ins ewige Vergessen. Das geschieht maschinengesteuert mit ganz einfachen Algorithmen, fernab der menschlichen Kontrolle. Genau so wie in der Natur ist keine Gerechtigkeit auszumachen. Mit diesem Faktum müssen wir leben. Das ist Darwinsche Mutation und Selektion in Reinkultur. Die Suchmaschinen wie Google.com bewerten unter anderem die Anzahl der Links, die von aussen auf eine Website verweisen. Es geht um Bekanntheit und nicht um Beliebtheit, sonst wäre das Geschäftsgebaren von Microsoft anders. Es geht auch nur indirekt um Inhalte und Qualität. Die Bekanntheitslisten bestimmen letztlich die Struktur des Internet. Hitlisten in der Popmusik sind von Managern manipuliert um „den ihnen wohlbekannten Markt“ zu steuern. Die ersten 10 der Parade kassieren. Die andern singen in der Turnhalle. Im Internet ist es anders. Hier legt sich die kollektive Intelligenz zwischen Suchmaschine und die Besucher. Google präsentiert computergenerierte, ad hoc erstellte „Hitlisten“. Deren Inhalt ist abhängig vom Verhalten des einzelnen Besuchers, insbesondere seinem persönlichen Vokabular. Die Suchgewohnheiten des Besuchers entscheiden unmittelbar über die Abfolgen seiner Links. Jeder Besuch im Internet ändert die „Beliebtheitsskala“ und damit das Netz als Ganzes. Das zukünftige Verhalten ist nicht berechenbar. Die positive Rückkoppelung verstärkt die Plastizität. Googles Erfolgsskala hat drei Kardinalprobleme: 1. Eine irritierende Käuflichkeit. 2. Nichts macht so bekannt wie die Bekanntheit. Daran erstickt viel Neues. 3. Bekanntheit hat nur einen losen Zusammenhang mit Relevanz und Qualität und gar keinen mit Moral. Das belohnt die Raubtiere im Dschungel – es sei denn, sie wecken Abscheu.




Beliebtheit erzeugt Trampelpfade
Photo Friedrich Keller Visipix.com
11.1 Suchstrategien der Besucher
Entscheidend sind die richtigen Wörter. Wer sie kennt, kommt an das richtige Wissen. Wer sie nicht kennt, ist so lustig wie eine Biene, die in Rosenblättern fummelt und nicht weiß, wo es zum Nektar langgeht.

Längen von Google-Fundstellenlisten am 5. Mai 2005:
intelligence 3.670.000
"collective intelligence" 164.000
use of collective intelligence 2.600.000
"use of" "collective intelligence" 4.037.800


11.2 Sex sells

Verblüffend ist dies: Erotikseiten im Internet sind die Pioniere der erfolgreichen Geschäftsstrategien, der Zahlungsmethoden, der Werbung usw. Vielleicht ist Erotik der Pionier des öffentlichen Internets schlechthin. An Zeitungsständen in Europa hingegen ist Erotik im fröhlichen Nebeneinander mit den andern Druckerzeugnissen. Der renommierte Zürcher Tages- Anzeiger und ihre sehr große und sehr bürgerliche Leserschaft hat kein Problem mit einer täglichen Werbeseite mit etwa 500 sehr expliziten Angeboten von Prostituierten. Bloß die Preise fehlen aus irgendeinem Grunde in den Menüs. Im Internet hingegen sind die Bereiche Erotik und Nicht-Erotik hermetisch voneinander getrennt, obwohl die Erotikbranche im Geschäftsbereich liebend gerne Werbung kaufen möchte. Das hat folgende technische Bewandtnis: Wenn die Webseite A einen Link zu B legt, entsteht nicht automatisch auch der Link von B zu A. Nun ist es im Bereich Nicht-Erotik absolut verpönt, Werbung und Links für Erotik einzubeziehen. Uns ist so etwas jedenfalls noch nie begegnet. Das ist erstaunlich.


11.3 Das Bedürfnis nach Portalen

Eine Metropole wie Rom hat ein Dutzend weltbekannte Portale: Vatikan, Trevibrunnen, Spanische Treppe, Engelsburg usw. Auf diese konzentrieren sich die Besucherströme. Genau so gibt es im Internet ein Dutzend Großportale: Google, Yahoo, Amazon, Ebay usw. Sie alle erfüllen das Bedürfnis nach einer zentralen Anlaufstelle. Ganz wenige Positionen sind noch offen. Es besteht nach unserem Dafürhalten noch das Bedürfnis nach einer Superbibliothek. Ebenso nach einem Supermuseum für klassische Kunst und Fotografie, wo man die größte Chance hat, z. B. ein bestimmtes Bild von Rembrandt oder van Gogh zu finden, zudem in einer als Druckvorlage geeigneten Qualität – und gratis. Unser www.visipix.com mit 1.2 Millionen Exponaten (Mai 2005) hält gegenwärtig diese Position. Die realen Kunstwerke sind weltweit verstreut. Ein Museum wie der Louvre kann etwa 3% der Hauptwerke der Kunstgeschichte zeigen. Demgegenüber bietet www.visipix.com bereits etwa 30%. Das Bedürfnis nach einem „zweitgrößten“ Museum ist gering. Die Rembrandts wären dieselben, nur spärlicher.



Ein Portal: Die Spanische Treppe, Rom
Photo: Josh and Janetta
11.4 Dynamisches Wissen im Internet
Für fast alle möglichen Suchbegriffe besteht eine Fülle von Informationen für alle erdenklichen Aspekte. Die Mechanismen der kollektiven Intelligenz eliminieren das Unbeliebte, viel Dubioses, vor allem aber Webseiten die nicht regelmäßig gepflegt und erneuert werden. Webseiten müssen sich dauernd mit einer gewissen Anstrengung ihre Position verdienen. Sonst werden sie „nach hinten“ verdrängt. Anders als herkömmliche Bibliotheken produziert das Internet einen erwünschten Erfolgs- und Zeitdruck.
11.5 Blitznews – Tuscheln – Öffentlichkeit

Geheimnisse wollen partout verbreitet werden. Sie poltern gar von innen gegen die Schädeldecke.
Darauf kann man sich verlassen. Man braucht nur jemand schweigend anzusehen und schon sprudelt das Neue. Das Internet ist auch eine superlative Quatschbude. Wie so vieles im Internet ist auch dies gut für die Demokratie. Mit Blogs, Foren, Wikis usw verbreiten sich News blitzartig. In totalitären Staaten ist dies eine Gefahr für die Regimes.



Photo: Lisa Whiteman


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