9. Was ist kollektive Intelligenz?
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Die Welt gleicht einer Zwiebel oder einer Babushka aus einigen übereinander
liegenden Schichten, als da sind: subatomare Quantenräume,
Atome, Moleküle, Zellulares, höhere Lebewesen, Nationen, die Welt, das
Sonnensystem, die Milchstrasse, das Universum. Innerhalb einer Schicht
bestehen intensive Wechselwirkungen. Von Schicht zu Schicht bestehen
wenige Beziehungen.
Jede Daseins-Schicht hat ihre eigene Wissenschaft. Die Chemie taugt
zum Umgang mit den Molekülen, nicht aber der Atome oder der Lebewesen.
Kollektive Intelligenz ergibt sich auf einer „höheren Schicht“ als
wundersame und zweckmässige Addition einer Myriade von kleinen Geschehnissen
zwischen egoistisch handelnden Individuen auf der „nächst
tieferen Schicht“. Auf keiner der beiden Schichten braucht es dazu ein
Management oder eine Planung.
- Beispiel: Der Bärenwald wandert südwärts
Als der Bärenwald entstand, war das Klima im ganzen Schwarztal lieblich.
Das hat sich geändert, jetzt weht ein unwirtlicher Nordwind. Der
Wald besteht aus der Summe der Bäume und deren individuellen Fähigkeiten
plus seiner kollektiven Intelligenz. Wanderschaften kann sich kein
Baumindividuum auch nur vorstellen (ausgenommen jene im "Herr der
Ringe"). Die kollektive Intelligenz jedoch hat unsichtbare Hände und Füße.
Im Norden verzichten die Bäume auf Fortpflanzung und sterben vor
sich hin. Im Süden vermehren sie sich eifrig. Der Nord- und der Südrand
und damit der Wald als Ganzes bewegen sich südwärts.
- Beispiel: Das Gebiet der analogen Fotografie wird unwirtlich
Das Gebiet der digitalen Fotografie ist fruchtbar. Falls Kodak sich wandelt,
die Fortpflanzung im Analogen einstellt und die Reserven so lange
noch Zeit ist zur Geburt von Digitalem einsetzt, kann dieser „Baum" Teil
des „wandernden Waldes" sein. Es ist offenkundig eine Wackelpartie. Polaroid
hat sie nicht geschafft. Leica ist moribund. Beispiel einer Chance:
Durchdachte Bedienbarkeit – die Japaner lassen diese Flanke in sträflicher
Ignoranz weit offen.
- Beispiel: Kollektive Intelligenz leitet die Bienenschwärme
Anthropozentrische Zoologen aus Kaisers Zeit beschrieben „die Bienenkönigin"
als Leitkuh des Bienenschwarms, die über „ihr glückliches Volk
von Arbeiterinnen" herrschte. In Wirklichkeit ist „die Königin" eher ein
Proteintransformator als ein Lebewesen. Kollektive Intelligenz lenkt und
koordiniert die gesamte Tätigkeit des Bienenvolkes. Es gibt keine Administration,
keinerlei Führung. Die „Intelligenz des Volkes“ übersteigt bei
weitem die Intelligenz jedes Individuums. Es gibt keine körperliche Repräsentation
der kollektiven Intelligenz. Sie wirkt wie eine unsichtbare
Hand.
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- Beispiel: Das Schwarmgedächtnis
Nach 8 Tagen verblasst einer Arbeitsbiene die Erinnerung an einen Futterplatz.
Das Bienenvolk jedoch erinnert sich 30 Tage lang. Dem liegt ein
einfacher und überaus wichtiger Prozess zugrunde.
Jede Biene die etwas weiss, verkündet ihr Wissen durch einen Schwänzeltanz. Weil alle gerne
tanzen, kann das Gedächtnis im Bienenvolk beliebig lange aufgefrischt
werden. Trillionen von DRAM machen das in unseren Computern.
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Eine Biene kommuniziert den Kompasskurs
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- Beispiel: Darwinsche Selektion der Birkenspinner in England
In Abhängigkeit von den durch Kohleverfeuerung zeitweise schwarz verrussten Birken sah man abwechselnd je nachdem viele helle oder viele dunkle und dann wieder helle Birkenspinner.
Man glaubte das Paradebeispiel der Darwinschen Entstehung einer jeweils neuen Spezies zu erleben. Indessen stellte man fest, dass es immer helle und dunkle Birkenspinner gegeben hatte, nur der Mix änderte sich.
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Die "Birkenspinner" gediehen auf den weisssen Birken. Die meisten Insekten dieser Nachtfalterfamilie waren hell gefärbt.
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Im 18. Jahrhundert begann man in England mit Kohle zu heizen und Fabriken zu betreiben. Der Russ färbte die Birken dunkel. Die hellen Birkenspinner wurden zur leichten Beute ihrer Fressfeinde. Es gab aber immer eine Anzahl dunkler Seidenspinner. Diese vermehrten sich jetzt prächtig. Das war ein Selektions- aber kein Muationsvorgang. Die hellen Seidenspinner wurden nicht dunkel sondern nur seltener.
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Als im 20. Jahrhundert das Oel die Kohle ersetzte, wurden die Birken wieder heller. Die hellen Seidenspinner vermehrten sich und die dunklen wurden wieder seltener.
Etwa so wie ein Quartier in Detroit bei Krisen in der Autoindustrie verslumen kann. Die Gebäude verfallen. Wenn die Krise vorbei ist wird plötzlich saniert, die Löhne und die Schulen werden besser. Der Slum entwickelt sich wieder zum Guten. Hier sind die Menschen für begrenzte Zeit weitgehend das Produkt ihrer Umwelt. Es finden aber keine Mutationen statt.
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- Beispiel: Die freie Marktwirtschaft mit Eigenverantwortung
Adam Smith schilderte 1776 die freie Marktwirtschaft mit Gewerbefreiheit,
freien Preisen und faszinierenden Superrenditen für neue Technologien.
In diesem Falle besteht eine stabilisierende negative Rückkopplung.
Je mehr Verkaufserfolge - umso mehr Konkurrenz. Der Markt hält
sich selbst regulierend im Zaume und stabilisiert sich beim optimalen

Freie Marktwirtschaft
Photo: Peter Glogg Visipix.com
Nutzen für eine maximale Zahl von Konsumenten. Im Gegensatz dazu
entgleitet jede verwaltete Planwirtschaft in ruinöse Ineffizienz. Keine geniale
Regierung vermöchte die komplexen Zusammenhänge zu ordnen.
Der Staat hat die Aufgabe, Monopole wie jene des Salzhandels, von ATT
und MS zu zerschlagen.
Einer macht gute Schokolade. Die Nachfrage steigt rasant. Er kann
die Produktionskosten senken und gleichzeitig die Verkaufspreise anheben.
Sogleich wird er von Konkurrenten bedrängt. Die Preise stabilisieren
sich bei einer vernünftigen konsumentenfreundlichen Marge. Die Traumrenditen
sind weg. Konkurrenten mit schlechter Produktivität machen
pleite. Das ist Darwinismus in Reinkultur.
- Beispiel: Kollektive Intelligenz will sich in der Umwelt einnisten
An dieser Stelle ist zu bemerken, dass menschliche Intelligenz die Umwelt
verändert bis ihre Projekte hineinpassen. Demgegenüber verändert
sich die kollektive Intelligenz bis sie sich ihrerseits in einer gegebenen
Umwelt einnisten kann.
- Beispiel: Regale im Supermarkt
Computer kontrollieren den Absatz jedes einzelnen Produktes. Die Rendite
der hervorragenden aber teuren Zahnpasta Trybol bleibt tief. Der
Hersteller kann in der Brand-Promotion nicht mithalten. Er wird – zur
Enttäuschung einiger Fans – aus dem Markt geworfen. Die Folge: Große
Konzerne mit mediokren Produkten eliminieren den „theoretisch freien"
Marktzugang.
- Beispiel: Fussballspiele und die Ästhetik der kollektiven Intelligenz
Alles konzentriert sich auf das Verhalten des Balles (dem Projekt). Gemäß
dem Handlungs-Repertoire der einzelnen Spieler erfolgt eine riesige Anzahl
kleiner lokaler Aktionen und Reaktionen. Auf dem Spielfeld als Ganzem
entwickeln sich schnell und unvorhersehbar immer neue Konstellationen.
Eine Änderung weitab veranlasst z. B. ohne direkten Anlass eine
präventive Umpositionierung der Verteidiger. Alles beeinflusst alles, als
ob alles sich gegenseitig mit Magneten anziehen oder abstoßen würde.
Das Ganze ist mehr als die Summe der kleinen Geschehnisse (Pierre Lévy:
Stigmergie).
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- Beispiel: Gruppendynamik
Gruppen von z. B. 12 Menschen konstituieren automatisch einen Chef,
einen Vize, einen Kassenwart und - einen Zweifler sowie einen Verräter.
Das ergibt sich automatisch als Summe einer Myriade von hauptsächlich
bilateralen winzigen Berührungen. Jedes Individuum hat sein Sortiment
von banalen Reaktionen gegenüber jedem anderen Individuum. Das ergibt
sich spontan, kaum bewusst und unorganisiert. Auch das ist kollektive
Intelligenz.
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Ronald Raefle Visipix.com
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- Beispiel: Kleine Expertengruppen versus große Laiengruppen
Es wird ein sehr komplexes Problem vorgelegt, dessen Fragestellung jedoch
gut verständlich ist. In einer für eine tiefe Analyse nicht ausreichenden
Zeitspanne müssen die konkurrierenden Gruppen darüber entscheiden.
Beispiele: Strategiespiele, Geldanlagen, Managemententscheide.
Die Qualität der Expertenentscheide ist der kollektiven Intelligenz der
Laien nicht überlegen, sehr oft unterliegen sie. Hingegen wird der Einzelentscheid
des besten Experten kaum je übertroffen. Allerdings sind
dessen gelegentliche Fehlleistungen sehr gefährlich. (Surowiecki). Gruppen
liefern im Vergleich zum brillanten Einzelexperten sowohl eine geringere
Qualität als auch eine geringere Fehlergefahr. Die ganze Welt
lässt einmütig Gruppen entscheiden.
- Gegenbeispiel: Massenpanik
Aus dem individuellen "rette sich wer kann" ergibt sich eine ruinöse Massenpanik.
Befohlene Ordnung wäre besser.
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- Gegenbeispiel: Rüstungswettläufe
Fichten investieren blindwütig in Hochstämmigkeit, um den Nachbarn
Sonne wegzunehmen.
Am Ende bezahlen alle den maximalen Aufwand,
bei einer Kronenhöhe von 20 (statt 5) Metern geht ihnen der Saft aus.
Von dieser Fehlleistung lebt die Werbeindustrie. Demgegenüber rätselt
die Tabakindustrie darüber, bei welchen Profitspannen ein generelles
Werbeverbot – das den Wettbewerb ja nicht verzerrt – allen Herstellern
viel Geld sparen könnte.
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Mali Veith Visipix.com
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- Gegenbeispiel: Die Hierarchie der Elefantenherden
Eine Elefantenherde hat einen Leitbullen, eine Leitmama, Tanten, Onkel,
Kinder usw. Der Leitbulle bestimmt wo es lang geht, und sorgt dafür,
dass man anderen Herden sorglich aus dem Weg geht. Damit ist die Hierarchie
geregelt. Herumirrende Fremde können sich allenfalls anschließen.
Herden bilden kein Elefantenvolk.
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