6. Zur Geschichte des Wissensmanagements
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Sieben Schritte des systematischen Wissens:
- Die Schrift
8000 BC erfand man den Wein. Sogleich folgte die Erfindung der Schenken,
deren Besucher sich prompt die selektive Vergesslichkeit zulegten,
was die Gastwirte zur Erfindung des Anschreibens mit Kritzel-Bits animierte.
Differenzierte Produktlinien mehrten den EBIT und dies wiederum
führte zum Anschreiben mit fantasievollen Pictogrammen. Eines für
den guten Wein, ein anderes für den beinahe so guten usw. Ich glaube
fest, dass sich die Geschichte so zugetragen hat. Oder ähnlich. Ab 2800
BC vereinheitlichten die Sumerer die Pictogramme zur phonetischen
Schrift. Damit konnte man Sätze und Texte auf kleinen robusten Ton-
Chips speichern. Lesen und Schreiben wurden wichtig.
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- Die Bibliothek
Die große Bibliothek von Alexandrien wurde 288 BC von Ptolemäus als
geistiges Weltzentrum gegründet. Jegliches schriftliche Wissen wurde
hier zentral aufgestapelt.
Der Stapel wurde immer wieder lädiert. Als Staatsmänner auftretende
Terroristen marodierten durch die Welt.
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Die Bibliothek von Alexandrien
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415 AC riss sich der päpstliche
Vertreter Kyrill in Alexandria im Namen Christi auch die weltliche Macht
unter den Nagel.
Brutal beseitigte er alle Hindernisse, So sorgte er für die
bestialische Ermordung der genialen, erst 45 Jahre alten Hypatia, seit 15
Jahren Professorin für Mathematik, Physik und Philosophie.
Diese Neuplatonikerin
hatte die ganze Aufklärung um 1350 Jahre vorweggenommen
mit der sensationellen Einsicht: „Es ist besser, falsch zu denken als
gar nicht". Raffael hat - nicht ohne Risiko - ihr Bild in ein Fresko eingebracht
und ausgerechnet ins Privatstudio des Papstes geschmuggelt.3
Nach dem Mord verzog sich die Intelligenzia. Alexandrien und die
Bibliothek waren erledigt. Der berühmte Brand war nicht die Ursache,
sondern die Verruchtheit und Machtbesoffenheit des Kyrill. Hypatias
Ideen konnte man freilich nicht auslöschen und die Idee der Bibliothek
behielt ihre Bedeutung.
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Raphael: Stanzen
Hypatia von Alexandrien
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- Der Buchdruck
Jahrhunderte lang gingen wohl 90 % der Druckkosten an die Ganzseitendruckplattenschnitzer.
1515 wurden sie von Gutenberg aus dem
Textdruck in den Illustrationsbereich verdrängt. Man konnte jetzt billige
bleierne Einzelbuchstaben giessen. Der Preis einer Bibel fiel von etwa
60.000 EUR auf etwa 7.000 für die Grossauflagen in vielen Landessprachen.
Etwas Vierrädriges kostete im Vergleich zwischen 8.000 und
30.000, ein Preis der sich in Jahrtausenden nie änderte. Einen der ersten
Bibelübersetzer ins Englische konnte die Kirche noch rechtmässig köpfen
lassen. Eine Dauerlösung war das nicht. Es gab fortan mittelständische
Haushalte „mit" und Haushalte „ohne". Die Katholiken trösteten ihre
standhaften Klienten: "Ohne" sei sowieso gottgefälliger und ein gewisser
Analphabetismus charmant. Max Weber zeigte wie die Protestanten
wohlhabend wurden.
- Massenmedien kommen dazu
Im Laufe der Jahrhunderte hielten weltweit Bücher, Bilder, Musik, Theater
und Zeitungen Einzug im bürgerlichen Alltag. War Wissenschaft lange
eine Sache von Folianten und die Generationenzeit eines Paradigmas
30 Jahre – publizierten nun die beiden Nobelpreismacher "Science" und
"Nature" im Monatsrhythmus. "Economist", "Newsweek", "Der Spiegel",
"FAZ", "NZZ" usw. kolportieren im Wochen- und gar Tagesrhythmus. Wissen,
Informationen wurden schneller. Es gab ein Riesenproblem. In den
Haushalten der Intellektuellen stapeln sich alte Zeitungen. Wegwerfen
bringt man nicht übers Herz. Alte Artikel zu finden wird immer aufwendiger
und derweilen werden unsere Gedächtnisse alt und brüchig. Das
Internet und seine Indexierungen auch riesiger Archive lösen das Problem.
„Die führende Idee", das Paradigma einer Wissenschaft kann sich
nun in ein paar Wochen ändern.
Die Bibliotheken versuchten Schritt zu halten, indem sie taten, was
sie immer taten: Das publizierte Rohmaterial stapeln. Keine einzige jedoch
konnte die Bibliothekare bezahlen, die es zum gründlichen Indexieren
der Inhalte in Zettelkasten gebraucht hätte. Die Library of Congress
ist zum Weinen unterindexiert.
- Erprobung eines Holzweges: Das Neo-napoleonische Minitel
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Ab 1982 verteilte France Telecom nach und nach 7 Millionen Minitels an
die begeisterten Franzosen.
Kistchen mit Bildschirm und Tastatur, angeschlossen
an die ganz große zentrale CPU und die Speicher (mutmasslich
im Keller des Elysée-Palastes). Das von den Ministerien verwaltete Wissen wurde an die Bürger verteilt, dankbar entgegengenommen und man
konnte nach dem Fahrplan fragen. Das Minitel war rational, viereckig,
sauber, keine Viren, keine Spams, kein Porno. Könnte es sein, dass der
Teufel im letzten Punkt rückwärts geritten ist, beim US-Konkurrenten Internet
jedoch vorwärts galoppierte?
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Das Minitel, Vorläufer des Internet
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- INTERNET - das reale und unerwartet vielseitige Paradies!
Es trifft sich gut, dass kein Mensch auf Erden einen Rechnerchip anfertigen
kann. Wir können nur milliardenteure Maschinen anfertigen, die ihrerseits
Serien von vielen Millionen Chips herstellen können. Kleiner geht
es nicht. Daraus ergibt sich der ökonomische Zwang zu Massenabsatz
und Demokratie. Deshalb befinden sich die Hersteller in einem panikartigen
Rüstungswettlauf, der sie trotz fallender Preise zu irrwitzigen Leistungen
anspornt. Hier waltet, wunderschön zu beobachten, die unsichtbare
Hand bzw. die kollektive Intelligenz der freien Marktwirtschaft.
Ergo werden wir alle zum Umgang mit allem erdenklichen Wissen
reichlich versorgt mit lokaler Intelligenz und Speichern, Multimediabandbreiten
und Handytechnologien. Das ist grundsätzlich anders geartet
als Bibliotheken und Minitels.
Joseph Weizenbaum nennt das Internet eine Müllkippe, in der wir alle
untergehen werden. Eine dümmere Bemerkung kann ich mir nicht
ausdenken. Sein Grundirrtum entstand, weil das Wissen in Bibliotheken
als „feste Materie“ aufgehäuft ist. Dort wäre ein Durcheinander fatal.
Und nun glaubt er, im Internet müsse das Wissen altbibliothekarisch organisiert
sein. Dies jedoch ist weder möglich noch notwendig und schon
gar nicht wünschenswert.
Man muss das Unbehagen am kulturellen Fortschritt dennoch ernst
nehmen. Plato beklagt den unausweichlichen Zerfall der idealen Urformen
und rät dazu, Armageddon durch die Bewahrung konservativer
Werte hinauszuzögern. Der Gott der Bibel findet sein Werk zunächst
„gut getan". Kurz darauf ersäuft er es mit Mann und Maus und behält
nur mal ein DNA-Set. Dann findet er das doch etwas harsch und verspricht
dem Noah, so etwas nie mehr zu tun. Mit Regenbögen werde er
signalisieren, dass er fortan jeden Regen vernünftig beende.
Für mich ist das Internet das Grösste. Es ist meine Wahlheimat.
Im Internet ist Wissen sozusagen flüssig, das heißt mühelos beweglich.
Das Wissen sucht sich sogar selber seine menschlichen Träger. Wissen
im Internet vergeht und entsteht in unendlicher Formenpracht.
Internet - Chaos has a face
Fractal by Hannes Keller, Visipix,com
Vor allem aber vergeht und entsteht „Beliebtheit“ und vergehen und entstehen
die Links, die Verknüpfungen und die Positionen (Ranks) in den
Suchmaschinen. Umschichtungen können sich innert Stunden ereignen. Unser Vokabular ändert sich laufend. Wer nicht über das geeignete Vokabular
verfügt, dem entgeht „das flüssige Wissen“ und er/sie verdurstet.
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- Das Wesentliche:
- Die kollektive Intelligenz des Internet strukturiert und wandelt
sich in der menschlichen Realzeit. Die Generationszeiten der auf
Wissen basierenden Paradigmen reduzieren sich von bisher drei
Generationen auf Monate und gar Tage. Das schnellste vor dem
Internet war der Monatsrhythmus der auf Hits limitierten Wissenschaftsjournale
SCIENCE und NATURE.
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- Das Menschenrecht auf öffentliche und persönliche Verfügbarkeit
aller Medien. Einige chinesische Parteibonzen und amerikanische
Medienmogulen kämpfen dagegen und freuen sich über
drakonische Bestrafungen der Gegner mit Geld oder Gefängnis.
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- Verfügbarkeit aller Medien überall, jederzeit für jedermann mit
steigender Bandbreite. Internet, Email, zeitversetztes TV, Handy
usw. Die Tarife streben gegen Null. Kommt noch eine Leistungsschub
durch Quantencomputer, wird der Teufel los sein.
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Quantum computing
Wolfgang Harneit / Organics
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- Ortsunabhängigkeit statt Mobilität. Zeitunabhängigkeit durch
direkte, jedoch asynchrone Kommunikation (Email und SMS).
- Weltweite Vernetzung, Verbund unterschiedlicher Medien und
Speicher führen letztendlich zum Wissensverbund
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