Wissensmanagement und die kollektive Intelligenz
von Hannes Keller Visipix.com
Illustrierte Version 16. Januar 2006
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1. Mich interessiert die Welt als ein Schwarm von kosmopolitsch aktiven Wesen
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Wissen - diese Ressource hat es in sich
Tiere haben seit Jahrmilliarden ihr Wissensmanagement. Jedes einzelne Tier hat seine Begabungen, Lernfähigkeiten und Schwächen. Das eine Wiesel kann gut jagen, hat aber Mühe mit dem Heimweg. Bei einem andern ist es umgekehrt. Die einen Tiere schaffen im Zirkus erstaunliches Lernen, andere sind ungeeignet.
Der Extremfall bei Menschen sind die Kalenderidioten. Das sind Hirngeschädigte mit „Kalenderwissen“. Sie sagen spontan den Wochentag für beliebige Daten, z.B. des 16. Januar 1435. Ein frappantes Beispiel: Nobelpreisträger der Theoretischen Physik sind oft phänomenal mit dem Wissen auf ihrem Fachgebiet, erzählen jedoch Stuss über Religion und Politik. Was Religionsfunktionäre genau besehen unredlich über Physik zu schwafeln belieben ist hingegen . . .
Wissensmanagement – eine uralte Sache bei Mensch und Tier – hat jetzt einen imposanten Namen. Zunächst geht es darum, die Ressource Wissen – zB Handbuchtexte oder die Begründungen von supranationalen Verkaufsstrategien – so zu verwalten dass das Kosten-Nutzenverhältnis optimal wird.
Es geht aber um sehr viel mehr. Der weise Umgang mit Wissen betrifft die gesamte Kultur der Menschen vom Alltag zur Religion und den im Unbewussten verborgenen Lebensregeln.
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Für die Menschheit geht es um Leben oder Tod.
Grafik von Hans Erni für ein Symposium von Hannes Keller mit Karl Popper, Hans Jonas u.a. 1985
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Die Verbreitung von solidem Wissen ist das einzige taugliche Mittel gegen Fundamentalismus und den damit verbundenen Terrorismus
Denken Sie sich einen – z.B. iranischen – Staatsführer, der es für die ihm von Allah aufgetragene Lebensaufgabe hält, Israel oder die USA mit Atombomben anzugreifen. Einen der sich vor dem atomaren Gegenangriff keineswegs fürchtet, sondern freudig Märtyrer werden will.
Breite Bevölkerungsteile in islamischen Ländern aber beispielsweise auch in den USA (ich denke mit Grauen an den Kreationismus in „God’s own country“) sind einem bornierten, militanten Fundamentalismus verfallen.
Ich setze Hoffung ins Internet, das grundsätzlich demokratisch und pluralistisch funktioniert und gegen jede Vereinnahmung resistent zu sein scheint.
Grosse Schwärme von Wanderheuschrecken bestehen aus 10 Milliarden Individuen. Beispielsweise die Flugrichtung des ganzen Schwarmes ergibt sich durch das instinktive Verhalten der einzelnen Tiere gegenüber den jeweiligen Nachbarn. Ein Drängen nach links kann sich im Schwarm als Ganzem durchsetzen oder verblassen. So sind die "kleinen Nachbarschaftsregeln" der kollektiven Intelligenz im Tierreich.
Wir Menschen haben Internet und andere kosmopolitisch wirkende Aktivitäten. Es ergibt sich ein riesiges Geflecht von Gesamtwirkungen insbesondere auch Trends. Wir nennen das die Menschheitsgeschichte. So wie es im Christentum festgehalten ist zählt unser Verhalten gegenüber unsern Nachbarn, sei es im eigenen Haus, sei es im Internet, sei es als Verantwortung gegenüber der Menschheit als Ganzem.
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1.1 Wie Google & Co. Wissen prägen und steuern
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Internet und Globalismus sind Eins. Das Internet ist kein Medium, sondern
ein Lebensraum. Wir Menschen entfalten unsere Doppelnatur als
individuelles Ego einerseits und als soziales Schwarmwesen andererseits.
Wissen in Form von Informationen und Meinungen gebärden sich im Internet
wie kleine Lebewesen, die von sich aus auf größtmögliche Weiterentwicklung
und Verbreitung drängen. Die symbiotischen Interaktionen
von Menschen, Computern und Informationen führen zu einem virtuellen
Kontinuum, das sich von sich aus als Ganzes mit kollektiver Intelligenz
ausstattet. Das Ganze ist sehr viel mehr als die Summe seiner Teile.
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"Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen,
sondern ein Feuer zu entfachen" - Aristophanes
Wissen ist ein Rohstoff, ein Mittel zum Zweck – für jetzt oder später.
Wissen dient dem Verstehen und unterstützt effizientes Handeln. Ohne
Wissen bleibt nur das blinde Probieren mit einem Wirkungsgrad von bestenfalls
10 %. Mit Wissen kann man dagegen 100 % erreichen.
Eine gewisse Vorratshaltung macht auch beim Wissen Sinn. Die Person
von Welt hat dazu auch eine Handbibliothek von z. B. 2.000 Bänden
plus einem wohlgeordneten Lexikon neueren Datums. Keiner liest das
alles. Es genügt zu wissen, wo man was suchen könnte. Der PC am Internet
erweitert diesen Wissensvorrat ins Unermessliche.
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1.3 Studienobjekt 1: Der Faktensammler Alexander von Humboldt (1769-
1859)
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Unglaublich intensiver Weltreisender. Liebling der Götter. Sein Ziel: Aus
persönlich erlebten Fakten frei von Spekulationen ein Weltmuseum als
Abbild des Kosmos zu präsentieren.
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Humboldt im Urwaldlaboratorium am Orinoco
Gemälde von Eduard Ender
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1.4 Studienobjekt 2: Der reine Denker Immanuel Kant (1724-1804)
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Dieser vielleicht größte aller Denker brauchte seine Heimatstadt Königsberg
zeitlebens nie zu verlassen. Das Wissen holte er sich aus Büchern
und Gesprächen. Mit Nachdenken und einem Stapel Papier konstruierte
er daraus neues Wissen in kosmischen Dimensionen. Seine Gedanken
sind zur selbstverständlichen Grundlage der modernen Welt geworden.
Sein Anliegen: Durch Gedankenarbeit das angebliche Offenbarungswissen
der Religionen durch eine für jedermann nachprüfbare und
verbesserbare Gedankenwelt mit entsprechenden Denkmethoden zu ergänzen
bzw. zu ersetzen. Religionen taugen für manches, nur nicht zum
Ergründen der Welt. Obwohl uns der Gott des Moses gerade dies aufgetragen
hat. Man kann es drehen wie man will: Religion kann z. B. niemandes
Leben bewahren etwa durch das Entfernen des Blinddarms.
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Immanuel Kant 1724-1804
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1.5 Studienobjekt 3: Kevin Kelly: Das Ende der Kontrolle
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Dieses bahnbechende und brillant geschriebene Buch des Chefredaktors
von WIRED erklärt das Wesen der kollektiven Intelligenz.
Kommentare bei Google.com. Eine sehr gute Zusammenfassung findet sich
unter: http://www.bertramkoehler.de/Kontrolle.htm
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1.6 Studienobjekt 4: John Perry Barlow: The Economy of Ideas
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Dieser legendäre Essay eines weiteren Chefredakteurs von WIRED analysiert
die kommende Wissensgesellschaft, insbesondere den Umgang mit
geistigem Eigentum.
Den Essay und viele Kommentare finden Sie bei Google.com.
http://homes.eff.org/~barlow/EconomyOfIdeas.html oder unter
http://www.wired.com/wired/archive/2.03/economy.ideas_pr.html
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