Mensch - Arbeit - Zukunft:
Prognostische Analysen zur technologischen Postmoderne

     Von Walther Ch. Zimmerli




Inhalt dieses Kapitels:
Vorurteil und Postmoderne
Eine Warnung hat stets Aussicht darauf, den Beifall des Publikums zu finden, denn an ihr ist immer eine Spur von Wahrheit. Diese Warnung lautet:
Es lohnt sich, vorsichtig zu sein mit Verallgemeinerungen und mit Substantialisierungen.
Und dennoch sollten wir - obwohl es sich dabei um eine vielfach verwendbare Warnung mit begründeten Aussichten auf Beifall handelt - nie vergessen, dass diese Warnung daran krankt, dass sie auch selbstbezüglich gilt: Sie beruht auf einer Verallgemeinerung, die ihrerseits eine Substantialisierung beinhaltet, also auf einem Vor-Urteil. Auf dem Vorurteil nämlich, Verallgemeinerungen und Substantialisierungen seien eo ipso schlecht. Und dahinter steckt das ebenfalls selbstbezügliche Vorurteil, dasselbe gelte für Vorurteile schlechthin. Anders: Der Grund dafür, dass gegen diese genannte Warnung nur selten Einspruch erhoben wird, liegt in unserem generellen Vorurteil gegenüber Vorurteilen. Warum aber sollten Vorurteile, wenn sie denn schon, wie unsere Überlegung zeigt, unvermeidlich sind, schlecht sein?
Als Spätlinge jener Phase der Neuzeit indessen, die wir die «Moderne» nennen, als Angehörige des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts, die inzwischen bereits den Punkt erreicht haben, wieder ernsthaft - und das heisst: ohne Wagnerei, aber auch ohne Wagnerächtung - Nietzsche lesen zu lernen (ich lehre gerade an einer der exklusivsten Südstaaten-Universitäten der USA, wo ich ausgerechnet über Nietzsche zu lesen habe), als Spätlinge der Moderne, sind wir uns auch dessen eingedenk, dass die aufklärerische Kritik der Vorurteile ihrerseits bereits einer vernichtenden Kritik ausgesetzt ist. So wissen wir zwar, dass Vorurteile im allgemeinen schlecht und zu vermeiden sind, wissen aber im gleichen auch, dass dieses erste Wissen auf einem Vorurteil beruht, das seine historischen Wurzeln hat und daher auch nicht immer gelten muss.
Und so geht es uns - wir sehen das, wenn wir nur genau genug aufmerken - in vielen Hinsichten: in Hinsicht auf Patriotismus und Familie ebenso wie in Hinsicht auf den Glauben an Technik und Wissenschaft, bezüglich der Pflege der Tradition ebenso wie bezüglich der Religion, und was dergleichen Beispiele des objektiven und absoluten Geistes (wie der hegelianisierende Philosoph das nennen würde) mehr sein mögen. Und auch vor dem subjektiven Geist macht diese Zwiespältigkeit der entwickelten Reflexionskultur nicht halt: Seit der Rückwendung auf die «Hinterwelt» und «Unterwelt», auf das, was unterhalb und jenseits der Grenzen unseres Bewusstseins liegt, seit jenem reflexiven Ereignis von säkularem Rang, das sich durch die Namen Marx, Nietzsche, Freud illustrieren lässt, wissen wir zwar, dass unser Bewusstsein nicht alles ist und zumal nicht alles in den Griff und zuvörderst nicht alles unter den Begriff bringen kann, was uns und es selbst bestimmt, dass wir - um einmal mehr mit Nietzsche zu sprechen - mit unserem Bewusstsein «auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend» uns befinden. Und obwohl wir dies alles nicht nur wissen, sondern darüber hinaus auch zu einem florierenden Zweig der Psychotherapie elaboriert haben (was mir hier, im Limmat-Mekka der Psychoanalyse und -therapie, zu vermerken erlaubt sei), obwohl also all das uns bewusst ist, wissen wir zugleich auch, wie dünn das Eis über den unbekannten Abgründen ist, auf dem wir uns da bewegen. Wir kennen die möglichen Einwände, deren Zahl Legion ist; wir wissen, dass wir einer Verdinglichung, einer erneuten Substantialisierung, einem Fetisch aufgesessen sein könnten, der uns Pseudo-Erklärungen und Surrogatheilungen liefert. Und der durchschaute Placebo zeitigt keinen Placebo-Effekt mehr…
Unsere erste zustimmungsträchtig erscheinende Warnung vor Verallgemeinerungen und Verdinglichungen lässt uns zwar vor Wesensaussagen ohne Angabe eines Zeitindex für deren Genese und Geltung zurückschrecken. Trotzdem scheint es sich hier aber um einen relativ konstanten Faktor zumindest unter dem Zeitindex der gegenwärtigen Situation zu handeln. Ich meine damit, dass es offensichtlich gegenwärtig zur conditio humana gehört (wobei dieser Begriff selbst auch schon genügend Immunität gegen wie auch immer geartete Verdinglichung bereitstellen können sollte), in der ausgeführten Weise um die Relativität und Vorläufigkeit all unseres Wissens wissen zu können und - zu messen. Dabei handelt es sich um eine Radikalisierung von Poppers trial and error-Prinzip, um eine Radikalisierung allerdings, die, da sie auch noch das trial and mw-Prinzip selbst betrifft, den Fallstricken eines allgemeinen Relativismus zu entgehen versuchen muss. Weder die Ersetzung der rationalistisch-empiristischen Götter der Vernunft und der Sinneserfahrung durch Rückfall in mittelalterliche Autoritätsbeweise helfen hier (heissen diese Autoritäten nun Foucault, Derrida oder Papst Johannes Paul II.), noch das amüsante Feyerabend-Spiel* der permanenten Säkularisierung; weder Go noch Go-bang noch anything goes!
Wenn aber zutrifft, dass gegenwärtig zur conditio humana die prinzipielle und unaufhebbare Situation des «zwar-aber» gehört (die nebenbei äusserst zynismusfördernd ist), dann bedeutet dies negativ, dass kein wie auch immer geartetes situationsabhängiges Argument gefunden werden kann, das eine Aktion vor der anderen, eine Erkenntnisquelle gegenüber der anderen, eine Vertrauensperson oder Autorität gegenüber einer anderen vorzuziehen mit guten Gründen nahelegen kann. Es fehlt hierfür am Bezugsrahmen. Das heisst aber positiv, dass aufgrund des Fehlens eines solchen Bezugsrahmens nun die Wahl freigestellt ist; die Berufung auf Sachzwänge und übergeordnete Gesichtspunkte entfällt weitgehend. An ihre Stelle tritt die immanente Argumentation über das bessere Vor-Urteil. Um es noch etwas zuzuspitzen:
Der Eklektizismus tritt an die Stelle des rigiden Systemzwangs. Der Mensch, heute offensichtlich ein Wesen des Vor-Urteils in der gedoppelten Form, kann und muss wählen, was er haben oder sein will. Also ist unsere Frage nicht: «Welche Zukunft werden wir haben?», sondern: «Welche unter Gegenwartsbedingungen denkbare Zukunft wollen wir?» Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um eine blinde Wahl -ganz im Gegenteil! Auch was die möglichen Argumentationen betrifft, steht ein breites Spektrum von Möglichkeiten zur Verfügung.
Wenn wir wiederum genau hinsehen, entdecken wir, dass diese Bestimmung, der Mensch sei - zumindest heute - das Wesen des positiv anzuerkennenden Vor-Urteils, durchaus im Wortsinne zutrifft, wenn man sie mit einem anderen Befund aus der philosophischen Anthropologie in Verbindung bringt, dem Befund nämlich, dass der Mensch als zeitliches Wesen eines der Zukunft sei. All die wichtigen Bestimmungen von Husserl, Scheler und Heidegger, um nur die wichtigsten zu nennen, drücken nichts anderes aus als dies: Dass der Mensch seinem eigenen Sein in seinem Dasein stets voraus sei, sich entwerfend, planend, projektierend, kurz: verstehend. Und da andere Argumente transzendenter Art fehlen, mag dieses immanente Übereinstimmungsargument ausreichen: Nicht wird der Mensch zwingend, was er werden will, wohl aber ist er zwingend, was er sein will. «Transzendenz» hat Martin Heidegger das genannt und in ihr den Wesenszug menschlicher Freiheit geortet. Und was sollte ein Urteil über Zukunft, das den Bereich der eigenen Gegenwart und Erfahrung übersteigt (denn das heisst hier transcendere), jemals anderes sein können als ein Vor-Urteil, das aber - wenn das Entwickelte zutrifft -ebenso sicher relativ falsch wie unvermeidbar ist.
Eben diese Züge des gegenwärtigen denkenden Menschen nun aber -so meine ich - werfen ein Licht nicht nur auf den gegenwärtig lebenden *Der Philosoph Paul Feyerabend will mit seinen Veröffentlichungen die Gesellschaft «aus dem Würgegriff einer erstarrten Wissenschaft» befreien helfen. Menschen (ebenfalls wieder eine verbotene Verallgemeinerung und Substantialisierung!), sondern auch und gerade auf seine Zeit. Wir nennen diese die «Postmoderne» und drücken mit diesem via Jencks aus der Architektursprache importierten Begriff neben vielem anderem, was im einzelnen variieren mag, eben dies aus: die Unsicherheit über das Neue bei gleichzeitiger absoluter Sicherheit, dass das Alte, die Moderne, zu Ende gegangen ist. Die Theorien der Postmoderne florieren derzeit nicht nur in Frankreich, und es fehlt auch nicht an kritischen Stimmen. Gewiss, man muss nicht gleich - wie dies im Gefolge der architekturästhetischen Theoretisierung der Postmoderne geschehen ist - das Zeitalter der Postmoderne mit dem exakten Datum 1973 beginnen lassen, es aber andererseits zu ignorieren und als Ausgeburt neokonservativer Ideologie abzutun, wie Habermas dies in seiner «Neuen Unübersichtlichkeit» tut, ist mit Sicherheit ebenfalls nicht weiterführend.
Für unsere Überlegungen hinsichtlich unserer Zukunft resultiert hieraus: Reflexion, Denken über die Zukunft geschieht zwar erneut und immer wieder unter der Voraussetzung, dass der Mensch ein ungleichzeitiges Wesen ist, das heisst eines, das sich im gleichen stets voraus ist und hinterherhinkt, aber es geschieht heute unter dem veränderten Vorzeichen der Postmoderne: nämlich dass der Unterschied zwischen Vorurteil und begründetem Urteil verschwunden ist und dass sich das nicht nur so verhält, sondern dass wir das auch wissen. Das heisst aber, dass sich für uns nun die Aufgabe ergibt, unter den Vorurteilen, die uns unweigerlich begleiten, diejenigen auszuwählen, die wir wollen und immanent argumentativ begründen können.

Wissenschaft, Technik und das technologische Zeitalter
Hinter dieser Aufgabe verbirgt sich die Einsicht, dass es nicht zuletzt unsere eigene Prognose ist, was denn dazu führt, dass die prognostizierte Zukunft eintrifft oder nicht. Zwar trifft zu, dass eine Folge der vorhin benannten reflexiven Rückwendung auf die «Hinter-» und die «Unterwelt» gewesen ist, dass nicht allein das, was wir tun, weil wir es wollen, den Effekt unseres Handelns und überhaupt unser Dasein bestimmt. Aber die zusätzliche postmoderne Reflexion lässt auch diese Annahme zu einer neben anderen werden, unter denen es zu wählen gilt; und es scheint mir alle Kriterien eines guten, rein immanenten Arguments zu erfüllen, wenn ich sage, dass man besser über solches debattieren kann, was innerhalb der Reichweite unseres Bewusstseins liegt, als über anderes. Mithin mag das wissenschaftstheoretische Theorem von der self-fulfilling und self-destroying prophecy vorläufig akzeptiert sein. Unser Denken über die Zukunft wird sich daher als ein Argumentieren über das verstehen lassen müssen, was wir unter Gegenwartsbedingungen als so wünschenswert betrachten, dass wir es gerne realisiert sehen würden, uns in der Rolle, die wir uns zugedacht haben, inbegriffen. Man wird allerdings die Warnung Leibnizens nicht leichtfertig in den Wind schlagen dürfen, dass jeder Versuch, die Welt zu verbessern, diese zum Schlechteren verändern müsse, da jeder Eingriff eine Unzahl von nicht bedachten negativen Nebenfolgen resultieren lasse.
Wie auch immer sich dies verhalten möge (und an der Gewichtigkeit dieses Arguments vermag vor allem der nicht zu zweifeln, der die Auswirkungen der Bildungspolitik in besonders reformfreudigen Ländern in den letzten Jahrzehnten aufmerksam verfolgt hat), wenn also das bisher Entwickelte einleuchtet, ist es nun jedenfalls angebracht, die für unser Thema relevanten Vorurteile einer kritischen Revision zu unterziehen. Das kann selbstredend nur exemplarisch geschehen, die Liste solcher potentieller Revisionskandidaten ist prinzipiell offen und zu ergänzen. Ich beginne mit einer weitverbreiteten Ansicht, die aber meines Erachtens trotzdem zutrifft.
Ich meine damit die Auffassung, für die Gegenwart und Zukunft des Menschen sei sein Verhältnis zur Technik massgebend. Es handelt sich dabei um eine Auffassung, die erst seit einer gewissen Zeit unverstellt die Einsicht der Menschen bestimmt. Und wenn ich ihr eine andere, ebenfalls weitverbreitete These gegenüberstelle, wird deutlicher, was damit gemeint ist: die These nämlich, Technik sei Anwendung der reinen Naturwissenschaft. Technik in diesem Sinne bestimmt allerdings nicht die Gegenwart und Zukunft, sondern nur einen gewissen, wenn auch nicht unerheblichen Teil der Vergangenheit. Anders: die Vorstellung, zuerst komme die reine Naturwissenschaft, die dann später in Form von Technik angewendet werde, ist - ebenso wie andere Vorstellungen - zeitabhängig und in gewissem Sinne insofern «wahr», als sie für eine bestimmte Zeitspanne eine eindeutig positive und produktive Funktion gehabt hat. Sie ist sozusagen eine nützliche Illusion gewesen, die die neuzeitlichen Wissenschaften vom unmittelbaren Verwertungs- und Erfolgszwang freizusetzen und damit zu ihrem eigentlichen Erfolg zu führen vermochte. Das darf uns indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass heute die Trennung von reiner Grundlagenforschung, angewandter Forschung und Technik obsolet geworden ist. Bereits Martin Heidegger hatte in seinem Aufsatz über Technik von 1950 darauf hingewiesen, dass Naturwissenschaft und Technik nicht in Anwendungsbeziehung zueinander stehen, sondern dass die Technik von allem neuzeitlichen Anfang der Wissenschaften an deren innerstes Wesen ausgemacht habe. Und blickt man etwa zurück auf die philosophische Reflexion dieses Anfangs, so findet man das sowohl bei Descartes in seiner Anmessung der neuen Wissenschaften an das Ideal der Handwerkstechnik als auch bei Francis Bacon, und zwar bei ihm in seiner Utopie des Idealstaates, in der «Nova Atlantis», bestätigt, die -ebenso wie sein «Novum Organon scientiarum» (1620) die aristotelische Logik - die klassischen Utopien zumal Piatons zu überbieten die Aufgabe hatte. Dort kann man an herausgehobener Stelle anlässlich der Schilderung des Zweckes des Hauses Salomos lesen:
«Der Zweck unserer Gründung ist es, die Ursachen und die Bewegungen sowie die verborgenen Kräfte der Natur zu ergründen und die Grenzen der menschlichen Macht soweit wie möglich zu erweitern.» Erweiterung der menschlichen Macht über die Natur usw., also Technik, Kunst des Umganges (ars mechanica) ist die Funktionsbestimmung der Erforschung (scientia) der Ursachen und verborgenen Kräfte der Natur. Heute, in der Postmoderne, bewahrheitet sich das - so habe ich behauptet - in einem geradezu handgreiflichen und augenfälligen Sinn. Damit meine ich das, was ich sonst die Wendung zur Technologie genannt und weswegen ich die Postmoderne auch im Gegensatz zur wissenschaftlich-technischen Moderne gern als das «technologische Zeitalter» bezeichne. Das soll heissen, dass sich in der Technik selbst eine Veränderung vollzogen hat und noch vollzieht, die den zuvor verborgenen Charakter des Verhältnisses von Wissenschaft und Technik ans Tageslicht bringt. Das lässt sich besonders deutlich am Beispiel von drei heute zentral diskutierten Schlüsseltechnologien zeigen. In Mitteleuropa und zumal in der Bundesrepublik Deutschland spricht man davon, dass die Technologie zur Freisetzung von Energie durch Kernspaltung die Schlüsseltechnologie der siebziger Jahre gewesen sei, während die informationsverarbeitenden Technologien die der achtziger und die gentechnisch verfahrende Biotechnologie die der neunziger Jahre sein werden. Gegen die in dieser an sich einleuchtenden Annahme - die zudem über den Vorzug schlagwortartiger Einprägsamkeit verfügt - implizierte Gleichsetzung habe ich bereits auf dem letzten deutschen Soziologentag in Dortmund festgehalten:
«Obwohl sich in gewissen Bereichen Ähnlichkeiten feststellen lassen, krankt der Vergleich der drei genannten Schlüsseltechnologien an deren technologietheoretischen Ungleichzeitigkeit. Während die Kerntechnik (auf Kernspaltung beruhende Energieumwandlungstechnologie) im Prinzip energietechnisch traditionell verfährt, handelt es sich bei der mikroelektronisch verfahrenden Informations- und Robotertechnologie und der gentechnisch verfahrenden Biotechnologie um, wie ich es nennen möchte, Diese These bedarf fraglos des Kommentars. Ich will mit ihr natürlich nicht leugnen, dass auch mit der Kernspaltungstechnologie sich qualitativ neue Probleme stellten, aber diese Probleme waren und sind keine technologisch induzierten neuen Probleme. Ihre Neuheit beruht vor allem darauf, dass unabsehbar grosse Zeiträume in den Bereich der Folgelast mit eingehen, die diese Technologie mit sich bringt, was weder eine wirtschaftliche noch eine politische Kalkulierung der Folgekosten im engeren Sinne zulässt. Technologisch gesehen dagegen handelt es sich nur um eine graduelle Änderung, die dem Typ «Energietechnologie der zweiten Stufe» im grossen und ganzen entspricht. Damit ist jener Typ von Technologie gemeint, bei dem mindestens zwei Umwandlungsschritte nötig sind: Heizen durch Verbrennen von Holz etwa ist eine Technologie erster Stufe, während Heizen durch Verbrennen von Holz zur Erhitzung von Wasser, das die Heizkörper füllt, eine Energietechnologie zweiter Stufe ist, wie alle Wasserdampftechnologien und so auch die Kerntechnologie. So trifft denn zwar das häufig gehörte Argument zu, dass diese Technologie Naturgeschichte durch einen künstlichen Prozess ersetzt, aber dies trifft -genauer betrachtet - auf alle zwei- oder mehrstufigen Energietechnologien zu. Und auch die sozialen Auswirkungen, etwa bezüglich der Arbeitsmarktsituation sind nicht von der Art, dass hier ein qualitativer Sprung geschähe, sondern es werden nur quantitative Änderungen erzielt, indem durch die industrielle Nutzung der Kerntechnologie die Zahl der im Energiesektor Tätigen drastisch reduziert wird.
Ganz anders verhält es sich dagegen bei der auf Mikroelektronik basierenden Informations- und Robotertechnologie. Man geht meiner Einschätzung nach kaum zu weit, wenn man in dieser Technologie eine sowohl quantitativ als auch qualitativ umwälzende Änderung unseres ganzen Systems erblickt. Walther Heiberg hat bereits 1962 die Differenz zwischen klassischer Technik und nichtklassischer Ausweitung derselben weit vorausblickend so formuliert: «Die bisherige Erfahrung hat … erwiesen, dass die zuerst in Anlehnung an die Mechanik gegebene klassische Charakterisierung der Technik zu eng geworden ist. Technik ist mehr als nur herstellender und gebrauchender Umgang mit Gegenständen. Technik wird heute als Umwandlung und Veränderung von vorgefundenen oder vorgegebenen Daten sehr verschiedener Art erfahren.»
Während zwar auch jede andere Technik jene menschlichen Leistungen, die sie ersetzt (Organprojektionsthese, Kapp 1877), übertrifft, bleibt aber immer noch die intellektuelle Steuer- und Kontrollfunktion im Besitz und im Griff des Menschen. Die Informationstechnologie ersetzt nun aber eben die Steuer- und Kontrollkapazität selbst, und zwar durch ihre Hybridbildung von intelligenten Maschinen und Handhabungsautomaten der Robotertechnologie auch im Bereich der produktiven Arbeit. Diese Technologie ist deswegen wesentlich reflexiv, und seit es sie gibt und seit sie in alle anderen Techniken und in die Wissenschaften hinein ausstrahlt, macht es keinen Sinn mehr, die Differenz zwischen reiner, theoretischer Grundlagenforschung, angewandter Forschung und Entwicklung zu machen, da alle diese Bereiche dadurch geeint sind, dass sie durch Informationstechnologie vermittelt sind. Insofern sprechen wir seither - und zwar mit Recht - nicht mehr schlicht von «Technik», sondern von «Technologie», und zwar in einem anderen Sinn als demjenigen, in dem dieser Ausdruck ursprünglich von Beckmann im 18. Jahrhundert verwendet worden war. Der epochale Wandel, den wir erleben, besteht also im Wandel vom wissenschaftlich-technischen zum technologischen, in einem beschränkten Aspekt auch als «technetronisch» bezeichneten Zeitalter. Die Durchsetzung dieser Sorte von Technologie bedarf nahezu keiner politischen Lobby, wie das etwa in der Kerntechnologie der Fall war, und es ist nicht verwunderlich, dass die Proteste gegen sie eine andere und viel kleinere Dimension haben als diejenigen gegen die Kernenergie. Kurz: Ich denke, dass die im Kontext der auf Mikroelektronik beruhenden Informations- und Robotertechnologie sich ergebenden Probleme Hauptgegenstände einer wissenschafts- und technikpolitischen Aktivität von Gegenwart und naher Zukunft sind.
Und die gentechnologisch verfahrende Biotechnologie? Ich hielte es für zu eng betrachtet, wollte man sich hier auf die Gentechnik beschränken, oder darunter - wie das irrtümlicherweise häufig geschieht - vordringlich die Humananwendung, genauer noch: die Humananwendung durch Gentransfer in Keimbahnzellen, verstehen. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine mit der Informations- und Robotertechnologie vergleichbare wirtschaftlich angewendete, industriell genutzte Technologie. Dagegen muss in unserer Analyse die industriell bereits breit genutzte Enzym-Biotechnologie einbezogen werden.
Das qualitativ völlig Neue besteht hier darin, dass nun nicht mehr die naturgesetzlichen Evolutions- und Vererbungsmechanismen abgewartet werden müssen und nur so genutzt werden können, sondern dass hier die Möglichkeit besteht, in die Evolution selbst einzugreifen und ihre Faktoren zu ändern. Der zweistufige Mechanismus von Mutation und Selektion schrumpft damit - gentechnisch gesprochen - auf die eine Stufe des technischen Eingriffs zusammen. Damit werden Teilbereiche der vorher unverfügbaren Zukunft planbar und verfügbar. Wir brauchen nicht an spektakuläre Horrorvisionen von Frankenstein und Homunkulus zu erinnern - es reicht bereits, sich vorzustellen, dass die natürliche Umwelt des Menschen nicht mehr als das opake Ganze gesehen werden muss, das man - das davon Erkannte nutzend - im Effekt verändern kann, sondern dass hier neue Dimensionen zugänglich werden. Diese zeigen dieselbe Struktur, die wir bereits in der mikroelektronisch verfahrenden Informations- und Robotertechnologie gesehen hatten: Es werden - gerade und besonders in kombinatorischen Verfahren von gentechnischer Biotechnologie und mikroelektronischer Informationstechnologie - Kontroll- und Steuerungskapazitäten definitiv aus der Hand gegeben. Es hat keinen Zweck, davor die Augen zu verschliessen: Computer und DNA erhalten -ies sedimentiert sich bis tief in das Bewusstsein und das Sprachverhalten der davon Betroffenen - Omnipotenzfunktionen, die früher Gott und dann frühneuzeitlich säkularisiert dem Menschen zugeschrieben wurden. Die Eroberung des göttlichen Mittelpunkts in der Welt hat über wissenschaftliche und technische Effekte ihrer selbst zur Dezentralisierung und zum Bewusstsein über die Zufälligkeit des menschlichen Wesens geführt.
Also halten wir fest: Ein erstes Vor-Urteil prognostischer Art, an dem aus guten immanenten Gründen festzuhalten ist, besteht in der Annahme, dass nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart von Technik bestimmt sind, sondern dass dies erst recht und vermutlich in noch weit stärkerem Mass in Zukunft der Fall sein wird. Während allerdings in der Vergangenheit die Auffassung, Technik und Naturwissenschaft seien zu trennen und jene sei die Anwendung von dieser, zumal im 19. Jahrhundert einen gewissen funktionalen Sinn machte, ist das heute nicht mehr der Fall. Die Schlusstechnologien der Gegenwart und Zukunft, vordringlich die informationsverarbeitenden Technologien und die gentechnisch verfahrende Biotechnologie, lassen die Trennung von reiner Wissenschaft, angewandter Wissenschaft und Technik als obsolet erscheinen. Diese qualitativ neuartigen Technologien sind insofern reflexiv, als sie die ureigensten Domänen des menschlichen Vernunftwesens, sein unvordenkliches Kontrolldenken und seine unvordenkliche Naturbasis, selbst zu Gegenständen der Technik machen. Die absehbare vollständige Durchdringung aller Lebensbereiche mit diesen (und vermutlich weiteren und neuen) Technologien macht das postmoderne Zeitalter zu einem im Wortsinne «techno-logischen».

Revision der gemachten Vorurteile
Aber da gilt es noch andere Spezifikationen dieses Vor-Urteils zu prüfen. Dabei sind insbesondere jene Vorurteile zu untersuchen, die erst unlängst die Stelle anderer, älterer Vorurteile eingenommen haben. Ich nenne und diskutiere im folgenden die zwei mir hier zentral erscheinenden:

A. Da ist einmal das, wie ich es nennen will, «grüne» Vorurteil, das erst in jüngerer Zeit das technophile Vorurteil ersetzt hat. Dieses bestand in der grundsätzlich positiven Einstellung gegenüber allen technischen Neuerungen; seine extreme Formulierung fand es in Thorstein Veblens Technokratieprogramm. Der Technik wurde dabei die göttliche Kraft des allgemeinen Remediums zugebilligt. Gab es irgendwo ein Problem - die Technik würde es schon richten. Die Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte, die Weck- und Mahnrufe nicht nur der Mitglieder des Club of Rome (Pestel), sondern auch der stärker werdenden politischen Bewegungen für eine allgemeine Pflicht zur Technikfolgenabschätzung und die erwachende Forderung nach ethischer Reflexion auf unsere Verantwortung für die und gegenüber der Natur (Jonas) haben einen bemerkenswerten Umschwung im Bewusstsein erbracht. B. Dass das zumal das Ferienvergnügen erheblich einschränkende Waldsterben - oder was - oft irrtümlicher- und fast immer laienhafterweise dafür gehalten wird - hierbei einen nicht zu unterschätzenden Anteil gehabt hat, sei nur am Rande erwähnt. Kurz: Was an die Stelle des technophilen Vorurteils getreten ist, ist dessen Korrektur, die aus zwei neuen Teilvorurteilen besteht:

  • Teilvorurteil: Natur und Technik schliessen sich aus. Diese Annahme, die wohl auf die ältere Auffassung des gegenseitigen Ausschlusses von Natur und Kunst (vgl. Kant, Schiller, Hegel) zurückgreift, muss sich indessen schwerwiegende immanente Einwände gefallen lassen, zum Beispiel den der Unterscheidbarkeit gewisser Elemente von Natur, besonders, was die Bewertung betrifft; aber auch etwa den erkenntnistheoretischen Einwand, dass sich im Wandel der Zeit heute Natur weitgehend nur noch durch Abwesenheit von Technik definieren lässt, wodurch sich zwar eine Ausschliessungsbeziehung auf der Ebene der Begriffe, aber eine Vermittlungsbeziehung auf der Ebene der Wahrnehmung ergäbe…
  • Teilvorurteil: Natur ist als gut, Technik als schlecht zu bewerten. Dieses zweite Teilvorurteil nun ist es offensichtlich, was die Abwendung vom Technophilie-Vorurteil ausmacht. Ebenso ersichtlich hängt allerdings die Bewertung de facto von der Frage ab, ob Technik und Natur sich tatsächlich ausschliessen müssen. Und da zeigt sich etwa, dass die gängigen Bewertungsmassstäbe hier keineswegs eindeutige Resultate liefern. Altere Elemente von Technik etwa gemessen dieselbe Verehrung wie Naturelemente, und die erstaunlichen Artefakte der Angehörigen der Tierwelt, etwa die Bienenwaben oder die Biberburgen, werden keineswegs mit antitechnischen Affekten bedacht.
Kurz: Das grüne Vorurteil ist, so ehrenwert seine Motive und so segensreich seine Folgen auch sein mögen, nicht zu halten. Weder sind die Bereiche von Technik und Natur heute streng getrennt, noch ist es deren Bewertung. Mit anderen Worten: Es hinderte uns nichts, eine positive Wertschätzung der Natur (was auch immer darunter zu verstehen sein mag) zugrunde zu legen, ohne die Technik beziehungsweise heute die Technologien zu verdammen.

B. Da ist zum anderen im Zusammenhang mit dem historischen Charakter der Technik das, wie ich es nennen möchte, Arbeitsplatzvernichtungs-Vorurteil. Es lässt sich in drei Teilvorurteile zerlegen:

  • Teilvorurteil: Technik und (körperliche) Arbeit stehen in einer Ausschliessungsbeziehung, so dass der Anteil an körperlicher Arbeit sinkt,wenn der Anteil an Technik steigt.
  • Teilvorurteil: (Körperliche) Arbeit ist für den Menschen unabdingbar und daher gut.
  • Teilvorurteil: Technik, die dem Menschen dadurch die Möglichkeit nimmt, sich zu verwirklichen, dass sie ihm seine (körperliche) Arbeit abnimmt, zerstört seinen Arbeitsplatz und ist deswegen schlecht.
Man sieht leicht, dass die entscheidende Wertannahme, an der letztlich dieses ganze Vorurteil hängt, das zweite Teilvorurteil ist. Diesem wird daher nachzufragen sein. Da ist einmal ein immanentes Argument, wie es nach dem Ausgeführten erforderlich ist. Es lässt sich, merkt man genau auf, leicht ein Widerspruch zwischen dem ersten und dem zweiten Teilvorurteil aufdecken: Fragt man sich, zu welchem Zweck die Menschen denn die Technik entwickelt haben, dann lautet die Antwort evidenter-massen: «um sich die körperliche Arbeit zu erleichtern». Dies aber wiederum steht gemäss dem zweiten Teilvorurteil in eklatantem Widerspruch zu dem, was gut ist für den Menschen. Daher drängt sich eine genauere Analyse auf.

Arbeitsplätze und der «Wert» der Arbeit
Dabei geraten wir natürlich in das Dilemma, dass wir zwar von der künftigen Arbeitswelt sprechen wollen, aber die Beschreibungskategorien und analytischen Begriffe benutzen müssen, die sich aus der Beschäftigung mit der gegenwärtigen Arbeitswelt ergeben haben. Trotzdem stelle ich nun die Frage: In welche Sektoren lässt sich die Arbeitswelt einteilen, und in welchem dieser Sektore können die neuen Technologien hauptsächlich angreifen? Dabei will ich mich zunächst exemplarisch mit den Robotertechnologien oder, terminologisch, mit den Technologien der «industriellen Handhabungsgeräte» befassen. Dieser Bereich ist nicht nur deswegen besonders interessant, weil er besonders nahe greifbar und aktuell ist, sondern auch deswegen, weil sich ihm gegenüber die uralte Angst der Menschen - vom «Zauberlehrling» bis zum «Golem» immer wieder dichterisch beschworen und formuliert -, die Angst, ein Artefakt zu produzieren, das körperliche und geistige Funktionen erfüllen und mithin den Menschen im Arbeitsprozess ersetzen könnte, in nicht bloss rationaler, sondern auch emotionaler Form äussert.
Wenn wir die Funktionen in der Industrie zu unterscheiden versuchen, dann lässt sich zunächst eine Grobdifferenzierung in die Sektorender Produktion, der Distribution und des Managements treffen. Da fraglos der erste Bereich, der der Produktion, in unserem Kontext der aktuellste und wichtigste ist, der zudem mit dem zusammenfällt, was wir traditionell «Technik» zu nennen pflegen, muss dieser vordringlich Gegenstand unserer Analyse sein. Produktion als System kann allerdings wiederum nicht unabhängig von den anderen Systemen ausserhalb der Industrie betrachtet werden, mit denen es in Wechselwirkung steht. Hier etwa wäre an die - wie auch immer weiter zu differenzierende - Gesellschaft und das politische System sowie deren Bedürfnisse und Wünsche, an die Wissenschaft, an die Kultur usw. zu denken. Verfahren wir bei der Analyse der Produktion systemimmanent, müssen wir also stets im Auge behalten, dass Möglichkeiten für Inputs und Outputs freizuhalten sind. In grober Einteilung lässt sich das System der Produktion aufgliedern in die beiden Teilsysteme erstens der Innovation und Optimierung (früher oft «Forschung und Entwicklung» genannt) - das seinerseits wieder in mannigfacher Weise weiterdifferenziert werden muss - und zweitens in das Teilsystem der Herstellung. Die uns bei der Analyse dieser Teilsysteme leitende Fragestellung ist nun: Welche Funktionen in welchen Teilsystemen erfordern welche Leistungen, die auch vom «Roboter» übernommen werden könnten?
Betrachten wir zunächst die Herstellung. Bislang wurden von Robotern - genauer: «von industriellen Handhabungsgeräten» - in der Bundesrepublik jedenfalls vordringlich die Funktionen «Lackieren», «Schweissen», «Bandmontage» und «Maschinenbeschicken» ausgeübt, also ausschliesslich Funktionen im Zusammenhang taylorisierter beziehungsweise taylorisierbarer Arbeitsgänge, die sich dadurch auszeichnen, dass sie in identischer Form bei jedem Werkstück reproduzierbar sein müssen. Die Kontroll- und Steuerungstätigkeit, die nicht-taylorisierbar ist, wird zum grossen Teil noch von menschlichen Arbeitskräften ausgeübt. Ähnlich steht es mit jenen Tätigkeiten, die den Output des Produktionssystems zum Vertrieb markieren, nämlich den Verpackungs- und Versandtätigkeiten.
Wenn wir eine ähnliche Grobanalyse von Innovation und Optimierung vornehmen wollen, müssen wir zunächst feststellen, dass Klassifikationen hier äusserst schwierig sind. Welche Funktionen praktisch ausgeübt und welche Problemlösungsverfahren befolgt werden, liegt weitgehend im Dunkel der Individualität des tätigen Menschen. Allerdings lässt sich allgemein feststellen, dass zum einen der Rechner in zunehmendem Mass immer weitere Dienstleistungsaufgaben übernimmt und dass zum anderen - jedenfalls wenn in der Tat optimiert werden soll - ein hohes Mass an Rückkoppelung zwischen den einzelnen ausgeübten Funktionen bestehen muss. Sicher ist, dass in Innovation und Optimierung das, was wir «technisches Wissen» nennen, eine entscheidende Rolle spielt. Mit Ropohl können wir fünf Sorten technischen Wissens unterscheiden: a) technisches Können, b) funktionales Regelwissen, c) strukturelles Regelwissen und d) technologisches Gesetzeswissen; diese sind ins soziale System nur durch e) soziotechnologisches Systemwissen einzubetten.
Wenn wir uns diese Wissensformen nach Massgabe unserer Frage ansehen, stellen wir fest, dass das, was «technisches Können», also die spezifische Fertigkeit und Geschicklichkeit, mit Artefakten umzugehen, angeht, weitgehend von technischen Hilfsmitteln aller Art übernommen werden kann. Im Bereich von Innovation und Optimierung können auch Menschen «mit zwei linken Händen» erfolgreich arbeiten, solange die Bedienungsfertigkeiten der technischen Geräte gegeben sind. Ein Ingenieur oder Architekt, der zwar Ideen hat, aber selbst nicht gut zeichnen kann, muss nur seinen Computer bedienen können, um das CAD (com-puter-aided design) perfekt vornehmen zu können. Und mit Hilfe von ausgeklügelten Expertensystemen können auch die anderen Wissensformen im Prinzip vom Rechner übernommen werden. Weiter lassen sich alle Funktionen der Fertigung bis auf eine, nämlich die Steuerungs- und Kontrollfunktion, prinzipiell bereits jetzt durch Roboter erledigen.
Was dies bislang - jedenfalls in entwickelten Sozialstaaten - verhindert hat, sind nicht technologische, sondern primär soziale, das heisst gewerkschaftliche Gründe und auf Arbeitgeberseite Gründe der Vermeidung hoher Anschaffungskosten. Eine Verbreiterung des Angebots auf dem Markt, eine damit verbundene Senkung der Amortisationszeit und eine entsprechende Vereinbarung mit den Gewerkschaften würden hier allerdings sehr schnell Abhilfe und japanische Verhältnisse schaffen. In der Innovation und Optimierung dagegen sind noch viele Funktionen (bis auf die rein instrumentellen Tätigkeiten) dem Menschen vorbehalten. Allerdings sind es - wie sich durch Analyse der Leistungen, die aus einer Koppelung zwischen industriellen Handhabungsgeräten und künstlicher Intelligenz entspringen, leicht zeigen lässt - wiederum keine prinzipiellen Gründe, die sich dafür anführen Hessen, dass nicht auch diese Funktionen (mit Ausnahme der Funktion der letzten Sollwert-Vorgabe) von Maschinen ausgeübt werden könnten. Und das geht natürlich an die Substanz eines Sozialstaates: an den Arbeitsmarkt. Betrachtet man den Gesamtprozess, so sieht man, dass etwa in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1978 und 1982 644000 herkömmliche Arbeitsplatz verlorengegangen sind. Im gleichen Zeitraum wurden 613000 neue Arbeitsplätze im Zusammenhang mit neuen Technologien geschaffen. Das ist zum einen eine gewaltige Umschichtung, zum anderen aber auch ein Netto-Arbeitsplatzverlust von 31000 Arbeitsplätzen. Extrapoliert man diesen Trend (wogegen, wenn man es rein heuristisch tut, methodologisch nichts einzuwenden ist), dann lässt sich ständiger Wandel bei gleichzeitiger Reduktion der gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeit voraussagen. (Bekannte Zahlen: Betrug die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch 80 bis 85 Stunden, waren es vor dem Ersten Weltkrieg noch 60, vor dem zweiten Weltkrieg 50, und heute sind es zwischen 42 und 35 Stunden.)
John Naisbitt erinnert in seinem Bestseller «Megatrends» daran, dass in Japan, und zwar in der Yamasaki-Werkzeugmaschinenfabrik, bereits ausschliesslich Roboter die Nachtschichtarbeit erledigen; die einzige Ausnahme stellt ein Nachtwächter dar. Naisbitt errechnet bei Robotern einen durchschnittlichen Stundenaufwand von 5 Dollar im Gegensatz zu den 15 Dollar seines gewerkschaftlich organisierten Kollegen. Rechnet man die Störanfälligkeit der menschlichen Psyche und Physis sowie Problemgeneratoren wie Arbeitskampf und Betriebsausflug mit ein, kostet ein menschlicher Arbeitnehmer rund fünfmal soviel wie ein Roboter, von denen es in der Bundesrepublik zurzeit erst eine Population von rund 5000 Exemplaren gibt, in Japan dagegen von über einer Million. John Naisbitt formuliert noch zurückhaltend, der Gastarbeiter der Zukunft sei der Roboter; pointiert man diesen Satz, so lässt er sich dahingehend umformulieren, dass der Gastarbeiter der Zukunft vermutlich eher der Mensch ist. Denn extrapoliert man auch hier wieder, so lassen sich alle Lücken, die sich zwischen den alten und neuen Anzahlen von Jobs auftun, durch Industrieroboter schliessen.
Hinzu kommt das Problem des rückläufigen Wachstums: Alle hochindustrialisierten Länder der Erde befinden sich im Prozess der Deindustrialisierung. Die Wachstumsrate in den grossen Industrie- und Wirtschaftsländern USA, Japan, Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Kanada betrug, was die Industrie betrifft, 1980 ein Prozent, 1982 minus 1,25 Prozent, und darüber täuscht auch der derzeitige leichte Anstieg nicht hinweg. Dass dennoch weltweit nicht sehr alarmierende Zahlen über die Wachstumsraten resultieren, liegt nur daran, dass die sogenannten Schwellenländer hohe Wachstumsraten aufweisen. Daran ändern auch die Theorien der Kondratieff-Zyklen und die Wachstumsprognose Kahns (1983) für das Ende des Jahrhunderts nichts. Schliesslich zeigt sich bei genauerer Betrachtung noch, dass die neugeschaffenen Arbeitsplätze und die vernichteten Arbeitsplätze nicht in denselben Sektoren hegen. Die Arbeitsplätze werden aus dem traditionellen ersten Sektor (Rohstoffgewinnung) und dem zweiten Sektor (Rohstoffverarbeitung) in immer stärkerem Mass in den dritten Sektor (Dienstleistung) verschoben, und viele der dadurch freigestellten Arbeitskräfte sind durch mangelhafte Qualifikation zur Übernahme von Arbeitsleistungen in den neuen Jobs gar nicht fähig.
Ich fasse zusammen:
Zu den knappen Ressourcen, die in die Randbedingungen aller Zukunftsszenarien gehören, muss in starkem Mass zukünftig auch die knappe Ressource Arbeit gerechnet werden. Die neuen Technologien, zumal die Schlüsseltechnologien der achtziger und neunziger Jahre - die Informations- einschliesslich der Robotertechnologie sowie auch die in dieser Hinsicht noch kaum thematisierte Biotechnologie - stellen uns hier vor neue Probleme.
Es gibt keinen Grund, warum man annehmen sollte, dass intelligente Maschinen nicht nahezu alle Funktionen im Produktionsprozess (mit Ausnahme der Funktion der letzten Sollwert-Vorgabe) übernehmen könnten. Die runde Million Industrieroboter, die in Japan bereits im Einsatz sind, sprechen hier eine deutliche Sprache. Auch die Tatsache, dass in allen biochemischen Labors der Welt an der gentechnischen Revolution des Biochemie- und Pharmaziemarktes gearbeitet wird, weist in diese Richtung. Das an sich zutreffende Argument, dass jede Vernichtung von Arbeitsplätzen bisher immer auch neue Arbeitsplätze geschaffen hat, lässt ausser acht, dass zum einen die gesamtgesellschaftliche menschliche Arbeitszeit trotz exponentiellen Bevölkerungswachstums ständig sinkt und dass zum anderen die neugeschaffenen Arbeitsplätze nicht mehr in die traditionelle Sektorenaufteilung der produktiven Arbeit gehören. Es handelt sich dabei nicht mehr um Arbeitsplätze im primären und sekundären Sektor der körperlichen Rohstoffgewinnung und -Veredelung, sondern um Kontroll- und Steuerungsarbeitsplätze sowie um Arbeitsplätze im tertiären Sektor der Ausbildung und Umschulung. Indessen werden auch diese neuen Arbeitsplätze nicht ausreichen, um die freiwerdenden Arbeitskräfte aufzunehmen, die zudem für diese Arbeitsplätze im Regelfall nicht qualifiziert sind.

Ein neues Athen
Aus dem bisher Entwickelten wird klar, dass hier im weiteren die Frage von Interesse ist, was sich aus den aufgezeigten Überlegungen für eine Gesellschaft ergibt, in der viele heute noch von Menschen erfüllte Aufgaben von Robotern oder von Mikroorganismen übernommen werden beziehungsweise bereits übernommen worden sind. Bei der Beschäftigung mit dieser Frage soll weiterhin primär die Produktion im Blick behalten werden. Nun können - wie gesagt - umfassende Prognosen für die Zukunft unserer Gesellschaft nicht in Form von kategorischen Urteilen gegeben werden; Vorhersagen gehören vielmehr dem Typus von Konditionalsätzen an. Ausserdem gilt, dass auch diese Konditionalsätze jeweils nur Teilaspekte betreffen und niemals alle Parameter berücksichtigen können, die in einem noch so ausgegrenzten Gebiet in Ansatz zu bringen wären. Man hat sich deswegen das Verfahren angewöhnt, jeweils nur einen Faktor zu variieren und sich die anderen Faktoren als «Randbedingungen» unverändert zu denken. Eine Kombination einer beliebigen Menge solcher miteinander zusammenhängender Konditionalaussagen über die Veränderung einzelner Faktoren bei im übrigen unveränderten Randbedingungen nennt man ein Szenario. Jedes Szenario legt einen bestimmten Schnitt durch eine ausgedachte Gesellschaft und untersucht die Konsequenzen, die aus den angenommenen Voraussetzungen für verschiedene Bereiche der so ausgedachten
Gesellschaft resultieren.
Es soll nun ein Rumpfszenario skizziert werden, und zwar genauer: ein Szenario, das sich mit einigen philosophisch interessierenden Konsequenzen der Möglichkeit umfassender Robotisierung und Biotechnisierung beschäftigt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass einer der Faktoren, die in diesem Szenario als Randbedingungen konstant gehalten werden sollten, darin besteht, dass neue Technologien zunehmend Steuerungs-, Sicherungs- und Kompensationstechnologien für die Effekte älterer, noch nicht auf Folgen und Nebenfolgen hin überdachter Technologien sind. Dies ist eine der konkreten Auswirkungen des Gedankens, dass mit grossem quantitativem Wachstum im Produktionssektor nicht gerechnet werden kann. Die Übernahme von zuvor durch Menschen ausgeübten Produktionsfunktionen durch Roboter - von der wir als im Prinzip möglich ausgehen - kann also nicht durch einen Zuwachs an Produktivität aufgefangen werden. Mit anderen Worten: Es kommt in diesem Szenario weitgehend zum vorhin empirisch festgestellten Verlust von Arbeitsplätzen.
Was geschieht - so kann man sich fragen -, wenn die als im Prinzip als möglich erkannte Übernahme aller logisch regelbaren Tätigkeiten (mit Ausnahme der Sollwert-Vorgaben) im Produktionssektor durch Roboter und aller chemischen Prozesse durch Mikroorganismen faktisch eintritt? Zunächst würde man wohl annehmen, dass sich unter dieser Bedingung die gesamte Produktivität in die Herstellung von Robotern und die Manipulation von Mikroorganismen verlagern würde; nur noch hier würden Menschen arbeiten. Bei genauerem Zusehen erweist sich jedoch dieser Gedanke als zu wenig radikal: Denn selbstverständlich spricht nichts dagegen, dass das, was für die Produktion im allgemeinen gesagt wurde, auch für die Produktion von Robotern und die Manipulation von Mikroorganismen zutrifft. Mit anderen Worten: Nach einer gewissen Weile würde die Produktion von Robotern und die Manipulation von Mikroorganismen allein durch Roboter vorgenommen werden, wiederum allerdings mit Ausnahme der Sollwert-Vorgaben, und das japanische Beispiel zeigt uns, dass diese Annahme unseres Szenarios durchaus realistisch ist.
Die sich hieraus ergebende mögliche Konsequenz wäre generelle Arbeitslosigkeit mit allen damit zusammenhängenden sozialen und politischen Nebenfolgen. Indessen ist die Arbeitslosigkeit bereits heute weit von ihrer klassisch gewordenen Gestalt entfernt: Sie ist in entwickelten Industrienationen nicht mehr mit Hunger und Entbehrungen verbunden; sie hat - jedenfalls einstweilen - in den entwickelten Sozialstaaten nicht revolutionäre Sprengkraft. Intressant hieran ist: Die technologiebedingte Arbeitslosigkeit bedeutet nicht, dass die gesamtgesellschaftliche Wertproduktion stagnierte oder gar zurückginge. Vielmehr werden die produzierten Wertanteile nun nur in wachsendem Mass nicht durch die direkte körperliche Arbeit der Menschen, sondern durch die Arbeit der von ihnen entwickelten «intelligenten» Maschinen und der Mikroorganismen hervorgebracht. Was der Arbeitslose mit seiner Arbeit verliert, ist also nicht die Möglichkeit, an den gesellschaftlich geschaffenen Werten und dem Mehrwert zu partizipieren, sondern die Möglichkeit zur Entwicklung, Entäusserung und Verwirklichung seiner selbst in der Arbeit. Arbeitslosigkeit wird zunehmend nicht nur zu einem wirtschaftlichen, sondern zu einem sozialpsychologischen Problem.
Was aber sind die eigentlichen Gründe dafür, dass in einem System wie dem geschilderten (und das heisst im Prinzip: in unserem) Arbeitslosigkeit in dieser Weise sozialpsychologisch negativ besetzt ist? Zur Diskussion dieser Frage ist ein Rückgriff in die Geschichte unserer christlich geprägten Tradition unabdingbar. Noch für die Antike war Arbeit, und zumal körperliche, ponera, also Mühsal und Sklaverei, und auch die Schöpfungsgeschichte formuliert im Zusammenhang mit der Vertreibung aus dem Paradies die Strafformel für den sündenfällig gewordenen Menschen: «Im Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde kehrst, von der du genommen bist; denn Erde bist du, und zur Erde musst du zurück» (l.Mose 3,19). Diese nach der antiken Vorstellung eindeutig negative Wertbesetzung von körperlicher Arbeit, die sie in die Nähe des ebenfalls negativ gewerteten Todes rückt, kann natürlich nicht unabhängig von der Struktur eines Gesellschaftssystems begriffen werden, in dem Sklaven und Freie, arbeitende und nichtarbeitende Bevölkerung scharf unterschieden sind. Und auch im Feudalsystem des Mittelalters gilt Entsprechendes, wie sich in der sukzessiven christlichen Neubewertung der Arbeit zeigt, die mit eschatologischen Motiven operiert.
Die nachreformatorische theologische Entwicklung der Religion sieht sich gezwungen, hier genauer zu differenzieren: Körperliche Arbeit, das heisst Werke, die dem Katholiken Eingangsbedingung ins Paradies sind, wird zwar bei Luther durch sola fides ersetzt. Nicht die Werke, sondern der Glaube zählt allein. Die Prädestinationslehre Calvins und die, wie Max Weber sie nennt, protestantische Ethik führen dann zu einer ganz unmittelbaren Verbindung von schwerer Arbeit, Ökonomie und Jenseits-verheissung. Durch die jahrtausendelange Koppelung von Arbeit und Überlebenssicherung beziehungsweise Reproduktion der Arbeitskraft wird also Arbeit - in einer Art von Kompensationsbewegung der ursprünglichen Auffassung von Arbeit als Fluch und Strafe - durch die christliche Religion und ihre säkularisierten Formen (am eindeutigsten durch den Marxismus) sukzessive in den Adelsstand eines moralischen Wertes erhoben. Arbeit ist für Marx als Selbstverwirklichung des Menschen die Möglichkeit der Herstellung des Paradieses auf Erden. Noch heute, in einer Zeit, in der nur noch ein geringer Prozentsatz der arbeitenden Bevölkerung in Europa körperlich schwere Arbeit leisten muss, gilt diese als das Mass moralischer Bewertung von Tätigkeiten. Der Arbeitslose wird damit also nicht nur seiner Arbeit, das heisst seiner Selbstverwirklichungsmöglichkeit, sondern im Extremfall auch seines Status als eines moralischen Wesens beraubt. Wenn aber - wie in unserem Szenario - im Extremfall überhaupt niemand mehr körperliche Arbeit leistet, dann wird evident, dass Arbeit nicht weiterhin der höchste moralische Wert sein kann. Der moralische Status eines menschlichen Wesens kann dann nicht mehr an die Arbeit gebunden werden, und mit der christlichen und marxistischen Vorstellung, dass Arbeit adele, wird auch die moralische Verunglimpfung desjenigen, der nicht über einen Arbeitsplatz in der Produktion verfügt, verschwinden müssen.
Eine zukünftige Gesellschaft, wie sie jetzt im Extrem skizziert worden ist, wird sich also - hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen - wohl oder übel insofern zu wandeln haben, als an die Stelle der moralischen Hochschätzung der Arbeit andere Werte treten müssen. Ein Blick auf die Geschichte zeigt denn auch, dass die Arbeit im Grunde immer nur Stellvertreterfunktion hatte. Um etwas anderes zu erreichen, nämlich den erneuten Zugang zum Paradies, befinde sich dieser nun - christlich - im Jenseits oder - marxistisch - im Diesseits, sollte das getan werden, was als Strafe für den Sündenfall mit der Vertreibung aus dem Paradies verbunden war: körperliche Arbeit. Das Paradies auf Erden - nun, das wird niemand mehr erträumen, und der Zugang zum Paradies im Jenseits ist ersichtlich nicht mehr an die körperliche Arbeit gebunden. Allein schon die Aufrechterhaltung von Welt und Umwelt, wie sie waren, sowie die Herstellung zwischenmenschlicher Beziehungen ist ein schwer genug zu realisierendes Ziel. Tätigkeit in diesen Bereichen wird, so könnte man sich denken, in einem Extremszenario der geschilderten Art die Selbstverwirklichungs- und die Moralitätsfunktion übernehmen können, die einstweilen - anachronistischerweise - immer noch die körperliche Arbeit hat.
Dies ist fraglos ein Wertwandelprozess ersten Ranges, und viele der gegenwärtigen auch intergenerationellen Probleme beruhen darauf. Die zu beobachtende kritische Einstellung eines Teils der jungen Generation gegenüber dem von ihren Vorfahren fraglos akzeptierten hohen Wertstatus von Arbeit ist nicht nur ein Effekt der «sauren Trauben».
Nun haben Extremszenarios die Funktion, realistische Szenarios hinsichtlich ihrer markanten Züge vorzubereiten oder deutlicher zu machen. Wie bereits angedeutet, werden - rechnet man andere Faktoren mit ein -die Extremvorstellungen einer völlig von menschlicher Arbeit befreiten Produktionssphäre sich wohl kaum verwirklichen. Mit anderen Worten: Es wird auch in Zukunft Funktionen geben, die nicht, weil sie nicht von Maschinen ausgeübt werden könnten, sondern weil die Menschen sie weiter ausüben wollen, von Menschen ausgeübt werden. Der radikale Umschwung, der aufgrund des Extremszenarios und der darin aufgestellten Annahme denkbar wäre, wird also - wenn überhaupt - langsam und nur teilweise vor sich gehen, vermutlich sogar so, dass er von vielen Betroffenen gar nicht bemerkt wird.
Dass sich bereits jetzt eine Zukunft ohne körperliche Arbeit im Prinzip denken lässt, ist insbesondere deswegen von Bedeutung, weil körperliche Arbeit zu jenen wenigen Werten gehört, die sich bislang durch die verschiedenen Wertwandlungen in Neuzeit und Moderne erhalten haben. Mit der Verschiebung des Hauptanteils der menschlichen Arbeit auf Sektoren, die nicht mehr unmittelbar mit Rohstoffgewinnung und -Verarbeitung zu tun haben, und mit der Verlagerung von der körperlichen zur geistigen Arbeit würde eine erhebliche Änderung unserer realen Welt einhergehen, die ihrerseits wieder einen neuen und gewaltigen Prozess des Wertwandels auslösen könnte. In einer Gesellschaft der Zukunft, in der grosse Anteile der gesellschaftlich notwendigen Arbeit von Robotern und von gentechnisch veränderten Mikroorganismen verrichtet werden könnten, würde Arbeitslosigkeit nicht mehr moralisch negativ bewertet werden dürfen. Das bedeutet, dass sowohl eine neue Werthaltung gegenüber den nicht produktiv Tätigen als auch ein neuer Typus von nichtproduktiver Tätigkeit entwickelt werden muss. White-collar-Jobs im Bereich des ersten und zweiten Sektors sowie eine starke Ausdifferenzierung des dritten Sektors und schliesslich die Schaffung eines neuen vierten Sektors könnten die Folge sein. Dieser vierte Sektor müsste, unter Verwendung aller technologischen Möglichkeiten, das «bearbeiten», was als Resultat der reflexiven Wendung an neuen Problemen anfällt; ökologische und alternativ-energetische Versuche sind hiervon die Spitze des Eisbergs.
Die - reflexive - Geschichte der Menschheit beginnt für uns humanistisch geprägte Mitteleuropäer mit den Griechen. Ihr Land suchen wir mit der Seele, nicht nur in Neckermann- und Kuoni-Urlaubsreisen. Die Griechen sind - so hat es Schiller gesagt -, was wir waren, sie sind, was wir werden sollen. Da Technik, Natur und Selbstverwirklichung sich -wie gezeigt - nicht ausschliessen, stehen wir vor der Wahl: Am Horizont zeichnet sich die Möglichkeit eines neuen Athen ab, einer Gesellschaft, in der nicht mehr Sklaven, sondern Maschinen und Mikroben die produktive Arbeit verrichten. Unserer Gegenwart tun jedenfalls differenzierte Utopien dieser Art not. Wir haben nicht zuviel, sondern zuwenig davon… und jedenfalls die falschen!

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