Die Referenten aus der Sicht des Veranstalters




Inhalt dieser Seite:

Nachdem alle Referenten zugesagt hatten und in einigen Telefonaten ein Konzept zustande gekommen war, hielt ich es für geboten, den Interessenten in einer Vorschau das gedankliche Gebäude des Symposiums vorzustellen. Für die Niederschrift, den Druck und den Versand standen leider nur wenige Tage zur Verfügung. Deshalb war es nicht möglich, die Referenten noch um ihre Kommentare und ihre Zustimmung zu bitten. Dieses Programmheft enthielt auch die Biographien und Porträts der Referenten, die in diesem Buch den Referaten vorangestellt sind. Die Texte wurden gegenüber dem Programmheft geringfügig redigiert.
Die folgenden Ausführungen sind meine persönlichen Gedanken zu den Referenten und zu einzelnen Aspekten von deren Werk. Vorgestellt werden sie in alphabetischer Reihenfolge, mit dem Veranstalter am Schluss. Ich trage die alleinige Verantwortung für Ungenauigkeiten und Irrtümer, möchte aber den Referenten meinen Dank aussprechen für alle Gespräche und gedanklichen Hilfen. Insbesondere möchte ich Sir Karl Popper für seine geduldigen Erklärungen und Korrekturen danken. Er möge mir verzeihen, dass ich die Texte erneut völlig verändert habe, so wie ich die Dinge eben zu verstehen glaube.
Für uns alle sind sowohl die Gruppierung der Referenten als auch einige Fragestellungen neu. Die Referenten möchten sich bis zum Symposium die Inhalte und die genauen Titel ihrer Referate noch offenhalten. Das wird den angestrebten engagierten Gesprächen zugute kommen.

Zürich, 30. Juli 1985 HANNES KELLER

Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Die klassische Ethologie (Verhaltensforschung) untersucht die Tierwelt. 1966 führten Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Hans Hass den Begriff Human-Ethologie ein; dieser Wissenszweig bezieht nach der erkenntnistheoretischen Methodik des kritischen Realismus gemäss Karl Popper auch die Kultur in die Untersuchungen ein. Der Mensch ist einerseits durch Angeborenes vorprogrammiert, anderseits zeigt er eine offenbare Appetenz nach Kultur. Die Human-Ethologie kommt zum Schluss, dass sich die Bedeutung des Angeborenen und des Gelernten beim Menschen etwa entsprechen. Die kulturellen Bedürfnisse sind hochspezifisch für Völker, Gruppen und Individuen, und die kulturelle Entwicklung hat eine gewisse Parallelität zur biologischen Evolution.
Das menschliche Gewissen ist das sowohl biologisch als auch kulturell ausgebildete Regulativ, das die alles entscheidende Ausgewogenheit beider Komponenten gewährleistet. Konrad Lorenz: «Niemand ist imstande, die Einzigartigkeit der spezifisch menschlichen Leistungen so klar zu sehen, wie derjenige, der sie abgehoben vor dem Hintergrund jener weit primitiveren Aktions- und Reaktionsnormen sieht, die uns auch noch mit höheren Tieren gemeinsam sind.»
Irenäus Eibl-Eibesfeldt: «Die Notwendigkeit, uns selbst zu verstehen, war noch nie so dringend wie heute. Eine ideologisch zerstrittene Menschheit ringt um ihr Überleben. Das erstaunliche Geschöpf, das in der Lage ist, Sonden zum Mars und zur Venus zu schicken und Bilder von Saturn und Jupiter aus dem Weltall zu funken, steht hilflos vor seinen sozialen Problemen. Es weiss nicht, wie es seine Arbeiter bezahlen soll, und experimentiert mit verschiedenen Wirtschaftsformen, Verfassungen und Regierungsformen. Es bemüht sich um Frieden und stolpert in immer neue Konflikte… Unsere Hoffnung ist, durch Einsicht in die biologischen Abläufe eine Überlebensethik zu entwickeln. Wir müssen das Geschehen rational betrachten, um es in den Griff zu bekommen. Aber sicher nicht mit kaltem Verstand, sondern mit dem warmen Gefühl des engagierten Herzens, dem am Glück auch kommender Generationen gelegen ist.» («Die Biologie des menschlichen Verhaltens», München 1984.)

Prof. Dr. Hans Jonas
Die Grössenordnung der Möglichkeiten und die Art der Hochtechnologien stellen den Menschen vor völlig neue ethische Anforderungen, ausserhalb der bisherigen Kategorien des «Gut oder Böse». Sie sind mit Gesinnungsethik nicht mehr zu bewältigen. Die Wagnisse der Technologie sind auch körperliche und seelische Wagnisse der Menschheit. Es bedarf der Verantwortung als Zentrum einer Ethik, die sowohl den jetzt möglichen Fernwirkungen als auch der Unkorrigierbarkeit des Tuns entspricht.
Der Titel des neuen Werks, «Das Prinzip Verantwortung», steht bewusst dem «Prinzip Hoffnung» im Werk Ernst Blochs gegenüber. Hans Jonas wehrt sich gegen die Utopien, insbesondere jene des Marxismus. Mit der Utopie, «dass die Freiheit beginnt, wo die Notwendigkeit aufhört», wird die Gegenwart verächtlich gemacht, dem Menschen die Wirklichkeit und die Würde genommen. Von besonderer Gefahr ist die Paarung mit der technischen Utopie - auch sie trägt das Merkmal der Verachtung des Heutigen, das zum Gestrigen veraltet.
Zitat: «Der Mensch muss sich offen halten für den Gedanken, dass die Naturwissenschaft nicht die ganze Wahrheit über die Natur aussagt.»

Prof. Dr. Hansjürg Mey
Die Schweiz ist das pro Kopf am stärksten computerisierte Land der Welt. Hansjürg Mey steht mitten in der schweizerischen Zukunftsplanung, zu der auch die Ausbildung der jungen «Informatiker-Generation» gehört. Er sieht den Computer als ein Gerät hoher Komplexität in einer schnellen Entwicklung, die nach oben offen ist. Die Komplexität ist zunächst rein quantitativ. Sie schlägt jedoch um in Qualität, und die Computer beginnen irgendwo gar «denkähnliche Züge» anzunehmen. Die klassischen technischen Generationen ergaben rund alle dreissig Jahre eine Leistungssteigerung etwa um den Faktor 10. In der Mikroelektronik geht dies alles fünf- bis zehnmal schneller, und daraus ergibt sich eine Wirkung von unerhörter Wucht. Sie manifestiert sich unter anderem in einem tiefgreifenden Generationenkonflikt. Der natürliche Umgang der jungen Generation mit den neuen Technologien berechtigt jedoch zu Optimismus für die Bewältigung dieser Probleme. Hansjürg Mey hat sich intensiv mit den daraus erwachsenden philosophischen Fragen auseinandergesetzt, insbesondere mit jener des Computers nicht als Gerät, sondern als ein geschichtliches Phänomen im Spannungsfeld Wirtschaft -Technik - Gesellschaft. Er bringt die Erfahrung der täglichen politischen Wirklichkeit im Umgang mit der Hochtechnologie in unser Symposium. Diese Erfahrungen sind vielfach ganz anders, als von der rein philosophischen Analyse und den vielzitierten «Trends» her zu erwarten wäre.

Prof. Dr. Eduard Pestel
Weltmodelle werden auf dem Computer erprobt. Diese Modelle stehen als ganzheitlich überblickbare Bilder hinter den Begriffen «Grenzen des Wachstums» und «Menschheit am Wendepunkt». Diese Begriffe haben sich zusammen mit dem Bild der «Erdkugel vom Monde aus gesehen» der Menschheit unauslöschlich eingeprägt. Es wurde sehr viel über die Mängel der frühen Weltmodelle auf dem Computer diskutiert. Wesentlich sind aber nicht heutige Mängel in den Details, sondern die mutmasslich unbeschränkte und historisch schnelle Verbesserbarkeit der Computermodelle. In absehbarer Zeit wird der Mensch Entscheide von globaler Tragweite wesentlich auf Computersimulationen stützen müssen, denn nur diese werden die Fülle der Fakten über das politische und ökonomische Weltgeschehen noch zusammenhängend und für den Menschen sinnvoll darstellen können.
Die jetzt wichtige Einsicht ist, dass wir uns in jeder Beziehung auf das Leben in einer begrenzten Welt einrichten müssen. Dies ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Zukunft, vielleicht der allerwichtigste. Eduard Pestel sieht den Anbruch einer neuen Epoche mit einer stagnierenden Bevölkerungszahl, wie es dies in der Geschichte mehrmals gab.
Zitate aus «Menschheit am Wendepunkt» (1974): «Das Konzept des organischen Wachstums für die Menschheit… wird als unser Beitrag zur Suche nach einer dauerhaft gedeihlichen Entwicklung der Welt angeboten… Jeglicher für eine derartige Aufgabe brauchbare Ansatz muss von der regionalen Mannigfaltigkeit unserer Welt ausgehen… Zwei Klüfte, in ständiger Erweiterung begriffen, scheinen die gegenwärtigen Menschheitskrisen zu kennzeichnen: die Kluft zwischen Mensch und Natur und die Kluft zwischen (Nord) und (Süd), reich und arm. Dem weiteren Auseinanderklaffen muss kräftig entgegengewirkt werden, sollen welterschütternde Katastrophen vermieden werden… Sind wir überzeugt, dass die fortwährende Eskalation der Rüstung ständig die Stabilität des Friedens herabsetzt, und dies im angeblichen Bemühen, das Gleichgewicht der Macht zu erhalten.»

Sir Karl Popper
Karl Poppers Werk hat wie kein anderes die Wissenschaft unseres Jahrhunderts geprägt. Dank seiner Klarheit ist es ein Werk für jeden ernsthaften Leser.

Zur Erkenntnistheorie:
Die frühe Formulierung der Erkenntnislehre von den wissenschaftlichen Theorien: Der menschliche Verstand vermag die Falschheit von Aussagen (Falsifikation) als Wahrheit zu erkennen. Umgekehrt kann jedoch die Widerspruchslosigkeit von Aussagen nicht als Wahrheitsbeweis gelten. Aussagen der Mathematik (etwa der Zahlenlehre) und der Physik erreichen objektive Wahrheit, jedoch nur innerhalb eines Rahmens von einschränkenden Prämissen. Zum Beispiel ist die Aussage, «dass sich Licht in bestimmten Experimenten so verhält, als ob es eine Welle wäre», wahr - die Aussage, «Licht ist eine Welle», wäre hingegen eine spekulative Extrapolation. Albert Einstein formulierte nach Gesprächen mit Karl Popper: «…Wir stellen viele Fragen an die Natur; die Natur sagt meistens , manchmal , aber niemals .» Und Ilya Prigogine zu Karl Popper: «Zwar ist die Wissenschaft ein riskantes Spiel, doch scheint sie Fragen entdeckt zu haben, auf welche die Natur in konsistenter Weise antwortet. Dieser Erfolg der abendländischen Wissenschaft stellt eine historische Tatsache dar, die nicht vorherzusehen war.»
Karl Poppers Werk ist optimistisch, von Vernunft, gesundem Menschenverstand und der Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft geprägt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich meinen Nachbarn mit offenkundiger Zufriedenheit an einem Gartenbeet arbeiten. Dieses Bild ist mit dem Darwinschen Selektionsdruck als Quelle des natürlichen Handelns nicht vereinbar - abgesehen davon, dass hier selbstverständlich noch verschiedenste andere Faktoren im Spiel sind. Karl Popper hat eine ganz andere Auffassung von der Evolution. Lebendigkeit bedeutet Aktivsein. Diese Aktivität ist auf die Verbesserung von sich selbst und der Umwelt ausgerichtet. Alles Lebendige experimentiert und entwickelt Neues. Darwin schilderte das Leben als «leidendes Opfer» des Selektionsdruckes. Karl Popper schildert das Leben als triumphales Weiterentwickeln seiner selbst im Sinne des «elan vital» (Henri Bergson). Beide Auffassungen sind sich einig über den Mechanismus der natürlichen Auslese. Ge-mäss Karl Popper hat sich die Pflanzenwelt selbst erschaffen, indem sie die Verwendung der Sonnenenergie und die sauerstoffreiche Atmosphäre «erfunden hat». Genauso erfinden die menschliche Vernunft und die Wissenschaft sich selbst. Zwischen der «von den Fledermäusen verwirklichten Theorie der Ultraschallortung» und der «von Einstein verwirklichten Relativitätstheorie» besteht eine Gemeinsamkeit. Beides sind Versuche in der realen Welt. Es besteht der Vorteil, dass man Fehler in der Wissenschaft - im Gegensatz zur Natur - nicht mit dem Leben bezahlt. Eine Theorie kann sich als nicht funktionierend, beziehungsweise als falsch erweisen. Solange sie nicht falsch ist, besteht sie, bis sie durch eine bessere Theorie ersetzt wird. Das klassische Beispiel ist der Ersatz der Bewegungsgleichungen von Newton durch jene von Einstein.
Karl Popper sagt: «Alles Lebendige ist auf der Suche nach einer besseren Welt.» Er bezeichnet die Welt, in der wir heute leben, als die beste aller bisherigen Welten. Natürlich sind viele Dinge zu verbessern. Aber wir haben viele funktionierende Demokratien, und für einen Teil der Menschheit wenigstens ist das Massenelend verschwunden. Das Strafrecht wurde in vielen Ländern menschlicher. Wir haben die Arbeitslosigkeit nicht besiegt, aber sie ist nicht mehr vom Verhungern begleitet. Es gibt die Emanzipation der Frauen und mancher Minderheiten.

Zur Geschichtsphilosophie:
Mendel und Darwin haben gezeigt, dass in der Evolution der Natur mathematische Gesetzmässigkeiten wirksam sind. Hegel glaubte, auch im Gang der Geschichte Gesetzmässigkeiten nachweisen zu können (Historizismus). Eine geschichtliche Periode beruhe jeweils auf einer These, sie werde gefolgt von einer Antithese. Darauf folge die Synthese als eine Überwindung des Gegensatzes auf höherer Ebene. Die Synthese wirke erneut als These, der wiederum eine Antithese folge. Insbesondere der Marxismus folgerte daraus einen «spiralförmigen», vorausberechenbaren, unausweichlichen Gang der Geschichte. Revolutionen sollten schneller zum unausweichlichen Ziel der Geschichte führen. Marx erwartete auch eine Mathematisierung aller ökonomischen Transaktionen, indem er jedem Objekt seinen festen «Wert» zuordnete, die der Zahl der zur Erstellung benötigten menschlichen Arbeitsstunden entsprach.
Nach Karl Popper kann man Geschichte nicht vorausberechnen. Und daran scheitern die Utopien: «Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, endet jedesmal in der Etablierung einer Hölle.» Dies sei deswegen so, weil der Mensch die Wirkungen seines Tuns niemals voraussehen könne. Weder die gute Absicht noch die allersorgfältigste Vorbereitung des Tuns kann katastrophale Folgen mit Sicherheit ausschliessen. Deshalb seien Revolutionen unkontrollierbar. Eine Politik der kleinen Schritte mit dauernden Kurskorrekturen sei das dem Menschen angemessene Verhalten.

Zur offenen Gesellschaft:
Philosophien wie der Marxismus messen das ethische Verhalten an der Angemessenheit bezüglich des vorausberechneten Zieles der Geschichte. Die Philosophie Karl Poppers muss die ethischen Entscheide und die Verantwortlichkeit jedem einzelnen Menschen zuordnen. Im Sinne einer Empfehlung gilt der kategorische Imperativ von Kant: Jedermann sollte seine persönlichen Grundsätze des Handelns daraufhin prüfen, ob es gut wäre, wenn jedermann darnach handeln würde.
Der Umgang des Menschen mit «seiner Welt» muss von der Fähigkeit des Erkennens und Korrigierens von schlechten Entwicklungen geprägt sein. Die offene Gesellschaft (die demokratischen Staatsformen) bietet dazu die bestmöglichen Voraussetzungen. Viele Menschen befürchten, wir hätten lediglich die Herrschaft der absolutistischen Ideologien durch die neue Herrschaft von versteckt wirkenden Ideologien wie «Wegwerfkonsum», «kapitalistischem Sozialdarwinismus» usw. vertauscht. Die offene Gesellschaft ist jedoch nicht eine Ideologie, sondern eine Lebensweise, welche die Entwicklung und das Nebeneinander einer Vielzahl von Ideen ermöglicht. Sie bietet Toleranz anstelle «der einzig wahren Ideologie» als Antwort auf den Marxismus oder auf den «Konsumismus». Im Gegensatz zur «ideologischen Gesellschaft» kann die offene Gesellschaft auf jeden beliebigen Missstand reagieren, sobald er die Mehrheit der Menschen stört. Die Strategie zur Bewältigung der Probleme der Menschheit müsste darin bestehen, kleine Schritte zu tun, zu lernen und zu korrigieren.
Ein wichtiges Beispiel: Karl Popper ist sicherlich der friedensliebendste Mensch, den man sich denken kann. Trotzdem warnt er vor der Friedensbewegung. Er hält die Folgen einer sofortigen, notfalls einseitigen Abrüstung für unkalkulierbar. Die Politik der täglichen kleinen Schritte sei aufwendiger, arbeitsintensiver und unspektakulärer, jedoch der einzige Weg, der die erforderliche Sicherheit biete.

Prof. Dr. Hoimar von Ditfurth
Der Mensch hat drei Gehirne. Der Hirnstamm koordiniert den Organismus. Das Zwischenhirn bringt unsere Instinkte und unser Gemüt in Zusammenhang mit der uns umgebenden Welt. Das Grosshirn dagegen umfasst das abstrakte Denken, das Lernen und die Datenverwaltung. Die intellektuelle Redlichkeit erfordert unbedingt, die Verankerung des Menschen in seiner Naturgeschichte zu bedenken. Es ist von existentieller Wichtigkeit, dass wir diese Erkenntnisse im Angehen unserer Zukunft einbeziehen.

Zitat aus dem Werk «Der Geist fiel nicht vom Himmel», Hamburg 1976: «Dann geht uns auf, dass unsere Gemütsbewegungen, weit davon entfernt, uns den Anblick der Welt zu versperren, in ihrer Gesamtheit (!) ganz im Gegenteil ein Organ der Wahrnehmung bilden. Nicht zur Wahrnehmung einer objektiven Welt allerdings, die uns, um es noch einmal mit Nachdruck zu betonen, auch auf keine andere Weise zugänglich, die uns in Wahrheit nicht einmal vorstellbar ist. Das aber, was diese Gemütsbewegungen uns auf eine unüberbietbar zuverlässige Weise verschaffen, das ist der Anblick der uns Menschen gemässen Wirklichkeit.
Das Vorurteil von der rationalen Natur unseres Welterlebens sitzt so tief, dass ich noch einmal daran erinnern muss: Unser Gehirn ist von der Evolution nicht dazu entwickelt worden, uns die Welt erkennen zu lassen, sondern allein zu dem Zweck, uns in dieser Welt das Überleben zu ermöglichen.»

Prof. Dr. Walther Ch. Zimmerli
Es ist eine Einsicht von grosser Tragweite, dass Technik nicht einfach Anwendung der Wissenschaft ist, die ihrerseits Teil des Geisteslebens sei, sondern dass Technik, Wissenschaft und Kultur untrennbar in mannigfaltigen Wechselwirkungen ineinander verwoben sind. Insbesondere bestehen sehr starke Rückkopplungen der Technik auf die Menschen (zum Beispiel die Degradierung des Facharbeiters zum Servicemann, Spezialisierung, Zersiedelung der Landschaft usw.). Demzufolge trifft die rein instrumentale Betrachtung der Technik als «Werkzeug, welches nur gerade das bewirkt, was man befiehlt», nicht den Kern der Sache.
Zitat: «Unter den gegenwärtig kursierenden Auffassungen über das Verhältnis von Mensch und Technik können die als ebenso weit verbreitet wie zumindest historisch unzutreffend betrachtet werden. Alle drei Auffassungen dienen indessen dazu, den Gedanken einer Rückwirkung der Technik auf den Menschen möglichst auszublenden, und den Menschen als Herrn beziehungsweise wissenschaftlich gesteuerten Anwender der Technik erscheinen zu lassen. Eine Analyse der Defizite dieser Konzeptionen zeigt indessen, dass die Rückwirkung des Verständnisses von Technik auf das Verständnis des Menschen nicht unterschlagen werden darf. Sogar noch die zutreffende Kennzeichnung unseres Zeitalters als des technologischen zeigt eine direkte, nicht reflektierte Rückbeziehung auf das Selbstverständnis des Menschen: Er verwandelt sich unter der Hand zum Abbild seines eigenen Produktes, des Computers, ebenso wie er sich zu Beginn der Neuzeit als mechanisches Uhrwerk und in der französischen Aufklärung als Das Selbstverständnis eines Zitat: «An die Stelle der menschlichen körperlichen Arbeit als des höchsten Wertes, wie ihn die protestantische Ethik exemplarisch formuliert hat, tritt die gesamte menschliche und aussermenschliche Natur unter Einschluss der zukünftigen Generationen. Alle Produktionstechnologien werden sich zunehmend diesem höchsten Wert fügen müssen.»

Hannes Keller
Zu Erkenntnis und Ethik:
Louis Büchner hat einmal gesagt: «… Man möge sich zwei verschiedene Gewissen anschaffen, ein naturwissenschaftliches und ein religiöses, welche man zur Ruhe der eigenen Seele streng getrennt halten solle…».
Ich hänge an der Vorstellung, dass eine rein abstrakte Vernunft - falls es sie überhaupt gibt - keine gute Sache wäre. Ich glaube, dass das, was ein Mensch denkt, einzig und allein durch eine persönlich erlebte seelische Beziehung zur Welt sinnvoll sein kann. Im 1. Korintherbrief 13,1 ist dies wundervoll gesagt: «Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.» Unsere ganze Erfahrung der Welt kommt über unsere Sinnesorgane, die sich bei ganz spezifischen Anforderungen in Jahrmillionen gebildet haben. Erfahrung und Tun, Natur und abstraktes Denken sind als Ganzes in untrennbaren Wechselwirkungen verknüpft. Im Engagement verbinden sich die mächtigen Fähigkeiten des Menschen, eine Vielfalt von seelischen Beziehungen zur Welt eingehen zu können. Die Vernunft ist Teil dieses Engagements. Es ergibt sich ein Anspruch auf subjektives Erleben und Erdenken der Welt, auf Individualität und auf das Primat der Menschlichkeit.
Das wissenschaftliche Wissen ist eine «objektive Welt». Das sogenannte abstrakte Denken funktioniert aber nicht «im luftleeren Raum», sondern nur in einem Dialog mit der persönlichen, sinnerfüllten (von den Sinnen her erfüllten) Vorstellungswelt. Dies wird beim Erlernen von Zusammenhängen gut spürbar. Es wird hochdramatisch beim kreativen Ausdenken von Neuem, an das die Forderung des «Funktionierens» gestellt ist. Die abstrakte Logik ist das, was zuletzt kommt. Jean Piaget zeigte, wie Kinder in einem sie persönlich betreffenden Sinnbezug lernen: Beim Essen von Äpfeln spielen sie mit deren Lage auf dem Teller und erfassen die Positionsunabhängigkeit der Anzahl, insbesondere auch dann, wenn ein kleiner Apfel verdeckt hinter einen grossen zu liegen kommt.
Beispiel: In der subatomaren Physik geht es um «unterscheidbare Bereiche mit unterscheidbaren Eigenschaften». Richard Feynman spricht von der «körnigen Struktur der Welt». Man spricht von Teilchen, aber das Wort ist völlig irreführend, man darf sich unter Teilchen auf gar keinen Fall Teilchen vorstellen. Einige verzweifelte Physiker reden von «Wolken» und von «Wahrscheinlichkeitsfeldern», betonen aber, dass man sich weder Wolken noch Felder vorstellen darf. Eigentlich müsste man durchwegs Unsinnsworte brauchen wie «Quarks». Das Problem liegt darin, dass die abstrakte Mathematik zum Arbeiten nicht bildhaft genug ist; das menschliche Hirn braucht beschreibende Worte und Bilder, auch wenn diese abstrus sind. So wird denn der Sprache in der unglaublichsten Art und Weise Gewalt angetan.
Das ist der eine Punkt: Das logische, vernünftige Wissen und Denken kann nur im realen Menschen mit seinen Gefühlen, seiner Sprache, seinen Bildern, seiner Kultur - seiner persönlichen Natürlichkeit - verankert sein und vollzogen werden. Es gedeiht nur im persönlich sinnvollen Bezugssystem.
Zum andern aber steht der Lebenssinn des Menschen eingebettet in einem System zahlloser emotionaler und vernunftbezogener Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt. Der Sinn des eigenen Lebens reicht über das eigene Dasein hinaus. Er steht aber nicht nur zur gegenwärtigen, sondern auch zur vergangenen und zur zukünftigen Welt in Beziehung - zur zukünftigen als sich aus der vergangenen und gegenwärtigen Welt ergebende Entwicklung. Mit dem Gang der Dinge verändert sich ursprünglicher Sinn auch rückwirkend. Der zu jeder Person gehörende Lebenssinn reicht demzufolge rückwärts über die eigene Geburt, vorwärts über den persönlichen Tod hinaus.
Ein Beispiel: Meine Vorfahren haben Bemühungen angestellt für die Zukunft, zum Beispiel für meine Zukunft. Je nachdem, was ich tue, erweisen sich die Taten meiner Vorfahren nachträglich beziehungsweise rückwirkend als sinnvoll oder sinnlos. (Das Übelste, was man sich denken kann, ist eine Menschheit, welche ihre Nachfahren ganz einfach im Stich lässt.) Ich glaube, dass diese Zusammenhänge für viele Naturvölker ganz selbstverständlich sind. Als Agnostiker sage ich jeweils «Sinn», aber das Wort «Seele» würde dasselbe aussagen. Aus dieser Auffassung folgt die Identifizierung mit einer ethischen Verantwortung gegenüber der Welt, insbesondere der zukünftigen. Die Vorstellung des «nach uns die Sintflut» ist die absolute Sünde, die den Sinn des Lebens auslöschen würde.

Zur Computertechnik:
Vier Dinge passieren:
  • die Einrichtung von Grosscomputern,
  • die Vernetzung der Welt,
  • die Verbreitung der Personal Computer,
  • der Einsatz von technischen Mikroprozessoren.
In absehbarer Zeit wird technische Intelligenz spottbillig im Überfluss überall verfügbar sein. Es entsteht eine Zeitschere dadurch, dass die Computertechnik ihre Leistung alle zwei Jahre verdoppelt und dass die Generationenzeit - von einer neuen Idee bis zur Realisierung - fünf Jahre beträgt. Demgegenüber liegt die Generationenzeit der Anpassung menschlicher Organisationen bei fünfundzwanzig Jahren.
Zwei Aufgaben sind zwar organisatorisch, aber nicht grundsätzlich schwierig:
  • die nationale Verteilung des Wohlstandes,
  • die weltweite Verteilung des Wohlstandes.
Diese Probleme sind lösbar deswegen, weil (im Gegensatz zur marxistischen Prognose) im Zeitalter der Massenmärkte nicht die «Ausbeutung» im Interesse des «Kapitalisten» liegt, sondern die «Verbreitung der Kaufkraft».
Das dritte Problem scheint mir besonders schwierig zu sein: Die durch die Roboter und ähnliche Geräte erzielte Produktivität wird nicht in Wohlstand umgesetzt, sondern in einem pervertierten Wettbewerb aller gegen alle in allem verheizt. Analog zum Agrarsektor könnten Perversionen Zustandekommen: Subventionierte Überproduktion von Automobilen, wöchentliches rituelles Einschmelzen derselben usw.

Die Zwänge der Hochtechnologie
Das Geheimnis des Lebens besteht in der in Individuen vollzogenen Wechselwirkung zweier Schichten miteinander: der Makroschicht - unserer bewusst erlebten Welt mit den Massen des Meters, der Sekunde und der Schallgeschwindigkeit - und der Mikroschicht der Gene und der Chips, der Millionstelsmeter und Milliardstelssekunden und der Lichtgeschwindigkeit. Im Individuum werden die Vorgänge der Makrowelt in die Mikroweit «übertragen», dort «datenverarbeitet» und «zurückgeschickt». Es ist ohne Belang, dass dabei millionenfache Komplizierungen mitspielen. Man beherrscht sowohl die Geschwindigkeit als auch die Energiekonzentrationen und die Fehlerraten. Die Hochtechnologien lernen die Beherrschung der bitweisen Manipulation sowohl der natürlichen als auch der künstlichen «Mikro-Makro-Individuen».
Der Mensch hat nicht die Freiheit, die Technik «nicht zu erfinden». Sie kann nicht aus der Kultur herausgefiltert werden. Man kann die Technik kontrollieren, aber nicht verneinen. Es besteht kein Zweifel: Der Mensch des griechisch-christlichen Kulturkreises hat vom Baume der Erkenntnis gegessen und musste das Paradies mit der Fron der Arbeit vertauschen. Kein Zweifel auch: Wir sind dabei, die Fron der Arbeit abzuschütteln, und wir manipulieren an den Grundlagen des Lebens. Laut dem Alten Testament bewacht der Engel mit dem flammenden Schwerte den Baum des Lebens, dessen Früchte unsterblich machen. Haben wir bereits die Leiter an den Baum gestellt?

Das Verhältnis des Menschen zu Arbeit und neuer Ethik:
Die Hochtechnologien bringen ein exponentielles Anwachsen der industriellen Produktivität, der kein Wirtschaftswachstum irgendwelcher Art gegenüberstehen könnte. Der monetäre Wert der menschlichen Arbeit als Beitrag zur industriellen Produktion wird entwertet. Gleichzeitig jedoch steigt der Wohlstand der Welt. Die Hochtechnologien sind energiesparend (bakterielle Prozesse laufen bei Raumtemperatur) und ressourcenschonend. Laut Andre Gorz (nach meiner Meinung einer der ganz wenigen Denker, der das Wesen der neuen Techniken verstanden hat) besteht die Revolution der Mikroelektronik darin, dass sie gleichzeitig Arbeit, Rohstoffe und Energie einspart.
Es ist schwer vorstellbar, dass die christliche und besonders protestantische Ethik der Arbeit - «Wer nicht arbeitet, soll nicht essen» - noch anwendbar sein wird. Man könnte sich statt dessen eine Ethik des Lernens vorstellen, nicht des Lernens, um die Produktivität zu erhöhen, sondern als Sinnerfüllung des menschlichen Lebens, als vielfältig entwickelte seelische Beziehung zur Welt. Am wichtigsten dabei ist wohl eine lebendige «Ganzheitsbeziehung» - sei es zur Schöpfung, zu einer Götterwelt, zu einer Urknall-Komplikation oder was auch immer.

Zum Experimentieren (Fehlermachen zwecks Lernen):
Es war schon immer einer der fundamentalen Vorteile des menschlichen Denkens, «experimentieren zu können». Man kann Vorgänge in Gedanken erproben, Auseinandersetzungen mit Worten statt Waffen austragen. Der grösste Wert des Computers besteht vielleicht darin, dass er die Experimentierfähigkeit des menschlichen Geistes nicht nur ergänzt, sondern in einigen Belangen bereits heute millionenfach verbessert: Weltmodelle, der Umgang mit der Zeit und mit dem Geld. Es kann einer auf dem Bildschirm eine Firma gründen und unblutig Geschäftsführer spielen. Experimente in Überschall-Windkanälen werden bereits kostengünstig durch Computersimulation ersetzt. Mutmasslich lässt sich das unbeschränkt verbessern.

Es kommt etwas hinzu: Die klassische Wissenschaft sah gemäss der platonisch-christlichen Vorstellung die jeweils gegenwärtige Welt als traurige Degeneration einer früheren Idealwelt (Piatos Ideen/Paradies). Der unglaubliche Erfolg des westlichen Denkansatzes beruht auf der (voll erfüllten) Erwartung, dass hinter den konfusen Erscheinungen einfache, reine und konsistente Wahrheit zu entdecken sei. Das östliche Denken erwartete demgegenüber eine unerforschlich komplizierte Wahrheit hinter den Dingen und unterliess die Suche. Dem Alltag entrückt, war der klassische Wissenschafter etwas Reinerem verbunden. Welcher Gegensatz zu den Autodidakten, die heute mit einer Gitarre ohne Notenlesen Musik machen, am Personal Computer unbekümmert die unglaublichsten Dinge erfinden und leichthändig neue Industrien aufbauen! Computer bringen eine grundsätzliche Erleichterung im Verhältnis des Menschen zu Experimenten und Fehlern - und zur Bewältigung der Arbeitslast der Gegenwart. Gerade dies verbessert die Möglichkeiten, die Vernunft in Einklang zu bringen mit einem Leben gemäss den Gesetzen der Evolution. Hier schliesst sich der Gedankenkreis.

<< vorherige Seite   nächste Seite >>