Die Erkenntnistheorie und das Problem des Friedens
von Sir Raimond Popper
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Die Sonne tönt nach alter Weise
in Brudersphären Wettgesang,
und ihre vorgeschriebne Reise
vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
wenn keiner sie ergründen mag;
die unbegreiflich hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.
Goethe, «Faust» - Prolog im Himmel
Kommentar:
- Verse 1-2 Die alte Sphärenharmonie
- Vers 3: Newton? Nein: Ptolemäus
- Vers 4 Sonnen-Untergang (Mozart, Dies irae oder Don Giovanni)
- Vers 6 In meiner Ausgabe steht ein Strichpunkt. Aber ich glaube, dass es ein Doppelpunkt sein sollte: «ergründen mag» spieltan auf «unbegreiflich».
- Verse 7-8: Zu ihnen gehören auch Menschen. Die können wachsen im Donnergang.
Meine Damen und Herren,
darf ich sagen, dass ich mich sehr über die unerwartet vielen jungen Menschen hier freue? Ich habe vor, mit Ihnen eine ziemüch lange und sehr abenteuerliche Reise zu unternehmen; und so sollte ich mich vielleicht zunächst einmal vorstellen.
Ich bin mit meinen dreiundachtzig Jahren heute der glücklichste Mensch, den ich kenne. Ich finde das Leben unbeschreiblich wundervoll. Es ist sicher schrecklich, und ich habe furchtbar traurige Todesarten in meiner engsten Verwandtschaft und Freundschaft miterlebt. Sechzehn meiner nächsten Verwandten sind Opfer von Hitler geworden, teils in Auschwitz, teils durch Selbstmord. Trotz allem und trotzdem ich nicht selten verzweifelt war - und auch heute schwere Sorgen habe -, war mir immer irgendwie «himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt», und ich bin glücklich. Ich will nicht weiter viel Zeit an mich verschwenden. Aber wenn Sie nach Hause kommen, so lesen Sie, bitte, die ersten acht Zeilen aus dem Prolog im Himmel aus Goethes «Faust»: So sehe ich die Welt.
Ich sage das alles, weil ich die gegenwärtig herrschende Ideologie der Intellektuellen von der Schlechtigkeit unserer Welt für eine Dummheit und für eine falsche Religion halte. Die Menschen sind fürchterlich suggestionsbedürftig, und die gefährliche Suggestibilität der Menschen ist heute eines meiner Hauptthemen. Mein Thema ist gross. Ich habe hart, aber gern gearbeitet, um es so einfach wie möglich darzustellen. Ich fürchte, dass es mir nicht ganz gelungen ist, und ich bitte Sie um Ihre aktive Mitarbeit.
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Bemerkungen zur Erkenntnistheorie
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Aber ich bitte Sie auch: Lassen Sie sich nur nichts von mir suggerieren! Glauben Sie mir, bitte, kein Wort! Ich weiss, das ist zuviel verlangt, denn ich will ja nur die Wahrheit sagen, so gut ich sie kenne. Aber ich warne Sie: Ich weiss nichts; oder fast nichts. Wir alle wissen nichts oder fast nichts. Das ist, wie ich vermute, eine Grundtatsache unseres Lebens. Wir wissen nichts, wir können nur vermuten: wir raten. Unser bestes Wissen ist das grossartige naturwissenschaftliche Wissen, das wir in 2500 Jahren geschaffen haben. Aber die Naturwissenschaften bestehen eben nur aus Vermutungen, aus Hypothesen.
Im Griechischen, im Lateinischen, im Englischen und im Deutschen gibt es einen klaren Gegensatz zwischen gesichertem Wissen und Annahmen.
«Wissen» ist ungleich «Vermutung»; «ich weiss» ist ungleich «ich vermute». Der Unterschied ist ganz einfach: Wissen impliziert sichere Wahrheit; Wissen impliziert also Sicherheit, Gewissheit. Daher kann man in diesen Sprachen nicht ernsthaft sagen: «Ich weiss, dass heute Freitag ist, aber ich bin nicht ganz sicher.» Die Antwort darauf wäre: «Wenn du nicht ganz sicher bist, so weisst du es eben nicht; sondern du vermutest es nur.» Meine erste These ist also in Kürze: Das sogenannte naturwissenschaftliche Wissen ist kein Wissen. Denn es besteht nur aus Vermutungen oder Hypothesen - wenn auch zum Teil aus Hypothesen, die durch ein Kreuzfeuer von genialen Überprüfungen hindurchgegangen sind. In Kürze: Wir wissen nicht, sondern wir raten. Trotzdem das naturwissenschaftliche Wissen kein Wissen ist, ist es das Beste, was wir auf diesem Gebiet haben. Ich nenne es Vermutungswissen - mehr oder weniger, um die Leute zu trösten, die sicheres Wissen wollen und glauben, es nicht entbehren zu können.
Das sind nämlich die gefährlich suggestionsbedürftigen Menschen, die Menschen, denen der Mut fehlt, ohne Sicherheit, ohne Gewissheit, ohne Autorität, ohne einen Führer zu leben. Man könnte vielleicht sagen: Es sind die Menschen, die im Kindesalter steckengeblieben sind. Die anderen mögen Freunde brauchen, Vertraute, oder Menschen, zu denen man aufsieht, weil man in ihnen ein Vorbild sehen kann, oder vielleicht, weil sie Ausserordentliches geleistet haben. Wenn sie einen Kranken betreuen, mögen sie oft nach einer Autorität -einer medizinischen Autorität - seufzen. Aber die gibt es nicht, denn Wissen - sicheres Wissen - ist ein leeres Wort.
Wissenschaft ist Wahrheitssuche. Aber Wahrheit ist nicht sichere Wahrheit. Wahrheit ¥^ sichere Wahrheit, Wahrheit ¥= Gewissheit.
Was Wahrheit ist, weiss jeder. Es ist die Übereinstimmung eines Satzes mit jener Wirklichkeit, über die der Satz etwas aussagt. In Kürze: Wahrheit = Übereinstimmung mit der Wirklichkeit oder vielleicht Wahrheit = Übereinstimmung des ausgesagten Sachverhalts mit dem tatsächlichen Sachverhalt. Aber Definitionen sind unwichtig. Und Wortklaubereien sind eine Pest.
Wir können oft genug die Wahrheit sagen, die Wahrheit erreichen. Aber wir können nie Sicherheit erreichen. Denn wir wissen - in dem Sinn von Vermutungswissen -, dass es Menschen gibt, die sich einbilden, dass sie Einstein sind, oder eine Wiedergeburt von Goethe. So sage ich vermutlich die Wahrheit, wenn ich sage, dass ich soeben einen Vortrag in Zürich halte. Doch ich kann dessen, nach meiner Erfahrung mit anderen Menschen, nicht absolut sicher sein. Aber nur absolute Sicherheit würde echtes Wissen bedeuten. Wir kommen, ausser vielleicht mit Trivialitäten, nicht über Vermutungen hinaus - wenigstens nicht in den Naturwissenschaften. (Vielleicht steht es anders in der Mathematik oder in der Formalen Logik; aber darüber will ich heute nicht sprechen.) Die Wissenschaft ist Wahrheitssuche, nicht Sicherheitssuche.
Wie arbeitet sie? Der Wissenschaftler arbeitet, wie alle Organismen, mit der Methode von Versuch und Irrtum. Der Versuch ist eine Problemlösung. Der Irrtum, oder genauer die Irrtumskorrektur, ist in der Evolution des Pflanzen- oder Tierreichs gewöhnlich die Ausmerzung des Organismus; in der Wissenschaft die Ausmerzung der Hypothese oder der Theorie. Der Prozess ist also eine darwinische Auslese. Frage: Was entspricht im Tierreich dem sogenannten Wissen, also der Vermutung, der Hypothese? Antwort: die Erwartung. Genauer: ein Zustand des Organismus, in dem sich der Organismus auf eine Änderung in seiner Umwelt vorbereitet oder auch darauf, dass sich nichts ändert. Wenn die Blumen kommen, so erwarten sie, in diesem Sinne, Frühlingswetter: Sie haben die Hypothese, die Theorie eingebaut, dass es wärmer wird. Oft genug ist die Theorie falsch, und die Blüten erfrieren.
In diesem Sinn gibt es unendlich viel angeborenes Wissen in Pflanzen und Tieren. Ein Kind erwartet bei seiner Geburt, gehegt und gestillt zu werden; und kurz nachher erwartet es, angelächelt zu werden. Es erwartet diese Dinge nicht nur, es braucht sie. Angeborene Bedürfnisse sind angeborene Theorien.
Alle Organismen sind dauernd höchst aktiv. Sie erforschen aktiv ihre Umwelt, sie suchen nach besseren Lebensbedingungen, nach einer besseren Welt. Und sie selbst verbessern aktiv ihre Lebensbedingungen.
Das Leben verbessert die Umwelt für das Leben. Es hat das seit Millionen von Jahren getan, und wir sind die glücklichen Erben. Da dieser Prozess durch Versuch und Irrtumselimination vor sich geht, gibt es auch viele Fehler in unserer Welt.
Mit dem Leben entstehen Probleme; und Probleme gibt es nur, wenn es Werte gibt: Bewertungen zum Beispiel von Lebensbedingungen. Ich komme nun zum Schluss dessen, was ich hier über die Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie sagen möchte.
Die Wissenschaft beginnt mit Problemen. Sie versucht sie durch kühne, erfinderische Theorien zu beantworten. Bei weitem die meisten Theorien sind falsch oder unüberprüfbar. Die überprüfbaren werden nach Irrtümern abgesucht. Wir suchen, Irrtümer zu finden und zu eliminieren. So ist die Wissenschaft - mit oft wilden, unverantwortlichen Ideen - unter der Kontrolle der Fehlerkorrektur.
Frage: Das ist ja ganz ähnlich wie bei der Amöbe und ähnlichen niederen Organismen. Wo ist der Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein? Antwort: Die Amöbe wird eliminiert, wenn sie Fehler macht. Wenn sie Bewusstsein hätte, würde sie sich vor Fehlern fürchten. Einstein sucht nach Fehlern. Er kann das, weil seine Theorie nicht ein Teil von ihm selbst ist, sondern weil sie ein Objekt ist, das er untersuchen und be-wusst kritisieren kann. Er verdankt das der spezifisch menschlichen Sprache und insbesondere auch ihrer Tochter, der menschlichen Schrift. Einstein sagte irgendwo: «Mein Bleistift ist gescheiter, als ich es bin.» Das, was ausgesprochen oder, noch besser, niedergeschrieben ist, ist ein Objekt geworden, das wir kritisieren und dessen Fehler wir untersuchen können. So wird die sprachlich formulierte Theorie etwas Ähnliches, aber doch ganz anderes als die in den Organismus eingebauten tierischen oder pflanzlichen Erwartungen.
Die Methode der Naturwissenschaft ist die bewusste Suche nach Fehlem und die Fehlerkorrektur durch bewusste Kritik. Diese Kritik sollte im Idealfall unpersönlich sein und sich nur auf die vorgelegten Theorien oder Hypothesen richten. Damit beende ich meine Bemerkungen zur Erkenntnistheorie und wende mich der Theorie der tierischen und der spezifisch menschlichen Sprache zu. Es ist der zweite Teil meines Vortrags. Der vierte Teil ist dem Friedensproblem gewidmet.
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Sprache und Kommunikation
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Ich beginne mit einem Schema, das ich dem grossen Psychologen Karl Bühler verdanke. Bühler unterscheidet drei Funktionen der Sprache. Die ersten beiden finden sich bei vielen Tieren und allen Menschen, die dritte nur beim Menschen.
Die niederste Funktion ist die Ausdrucksfunktion, die im Mienenspiel, in Schwanzbewegungen, in Schreien bestehen kann. Diese Ausdrucksbewegungen können als Symptome für den inneren Zustand des Organismus betrachtet werden.
Nebenbemerkung: Die Materialisten und Behavioristen haben das nicht gern. Sie wollen keinen inneren Zustand annehmen, sondern schlagen vor, sich auf das Benehmen, auf englisch «Behavior», zu beschränken. Dass das ein Fehler ist, kann man aber sehr schnell zeigen. Ein Thermometer zeigt durch sein Behavior nicht nur die äussere Temperatur, sondern vor allem seinen inneren Zustand an: Die schwingenden Moleküle, deren Amplituden zunehmen, führen zur Verlängerung eines Metallstabes. Wenn die behavouristische Ideologie richtig wäre, dürften wir diese inneren Zustände nicht hereinbringen und zur Erklärung der Verlängerung durch Erhitzung verwenden. Ende der Nebenbemerkung.
Das Tier kann seinen Zustand durch sein Mienenspiel und Schwanzspiel ausdrücken, auch wenn kein anderes Tier da ist, um darauf zu reagieren. Wenn aber ein anderes Tier auf die Ausdrucksbewegung reagiert, dann wird sie zur Kundgabe. Die Kundgabefunktion, die Bühlers zweite Funktion ist, kann eine Signalfunktion werden, und wenn sie gegenseitig stattfindet, haben wir Kommunikation zwischen Tieren. Natürlich können das auch Menschen sein - zum Beispiel Kinder, bevor sie die menschliche Sprache erlernt haben -, oder Menschen, die keine gemeinsame spezifisch menschliche Sprache haben, sich aber dennoch durch Mienen, durch Zeichen, durch Deuten verständigen wollen.
Bühlers dritte Funktion, die Darstellungsfunktion, ist der spezifisch menschlichen Sprache vorbehalten, in der es Sätze gibt, die Sachverhalte beschreiben oder, wie Bühler sagt, darstellen.
Eine These Bühlers ist, dass die höhere Funktion immer von der niedrigen begleitet ist. Wenn ein Vogel einen Warnruf ausstösst, so dient dieser Ruf nicht nur der sozialen Kommunikation, sondern er ist gleichzeitig auch Ausdruck eines inneren Zustandes. Und wenn ich hier zu Ihnen über Bühlers Theorie spreche und sie beschreibe oder darstelle, so kann ich nicht anders, ich muss auch mit Ihnen kommunizieren oder mich Ihnen kundgeben; und schliesslich muss ich auch meinen inneren Zustand ausdrücken, auch dann, wenn ich versuche, alle Gesten, alles Mienenspiel und alles Augenspiel zu vermeiden.
Je höher wir in den Funktionen der Sprache hier aufsteigen, um so komplexer wird die Sprache. Ich möchte nur kurz darauf hindeuten, dass nur wenige Sprachtheoretiker so weit gegangen sind wie Bühler. Die meisten sprechen von Ausdruck, einige von sozialer Kommunikation (die natürlich sehr praktische Funktionen haben kann, wie das Beispiel der Warnrufe zeigt). Auch Befehle oder Aufforderungen gehören hierher. Aber die wenigsten haben gesehen, dass es für die menschliche Sprache und ihre Wunder entscheidend ist, dass sie Sachverhalte beschreiben kann und dass ein solcher beschreibender Satz wahr oder falsch sein kann.
Erst durch diesen ungeheuren Schritt wird die Objektivierung des Gesagten möglich, so dass sachliche Kritik einsetzen kann. Kritik ist rationale Kritik nur dann, wenn es nur um die Wahrheit oder Falschheit von Sätzen oder Theorien geht. Damit beende ich meine kurze Darstellung eines wichtigen Teils von Bühlers Theorie der Sprache. Ich habe selbst noch einige Funktionen der Sprache zu denen Bühlers hinzugefügt, vor allem die kritische Funktion, das heisst die kritische Diskussion über die Wahrheit oder Falschheit von Sätzen. Und ich habe auch heute schon ihre ungeheure Wichtigkeit betont, als ich davon sprach, wie Einstein sich von der Amöbe unterscheidet. Auch habe ich schon oft betont, dass der kritischen Stufe des menschlichen Sprachgebrauchs aus logischen Gründen eine dogmatische Stufe vorangehen muss: Erst wenn ein Dogma als eine Art von Hintergrund etabliert ist, kann man beginnen, zu kritisieren, und erst später kann das Dogma -, der Hintergrund der kritischen Diskussion -, selbst in die Kritik einbezogen werden. Man braucht zuerst einen festen Rahmen. Später kann man verschiedene solche Rahmen konfrontieren und zur kritischen Diskussion der Rahmen fortschreiten.
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Ich komme jetzt zum dritten Teil meines Vortrages. Ich beginne mit meiner 15. These.
Die Tiersprachen, einschliesslich der Menschensprachen, setzen sehr viele angeborene Bedürfnisse voraus; zum Beispiel das Bedürfnis, sich aktiv auszudrücken, das Bedürfnis, mit anderen in Kommunikation zu treten, und das Bedürfnis, auch in diesen Dingen durch Versuch und Irrtum zu lernen. Ohne solche angeborenen Bedürfnisse und ohne das aktive Lernen wäre es für Tiere nicht möglich, zu lernen.
Das aktive Lernen sowohl der Tiersprache wie auch der Menschensprache setzt einen sehr hohen Grad von Suggestivität voraus. Nachahmungsfähigkeit genügt nicht; es handelt sich auch um mehr als um Nachahmung zusammen mit Einfühlung, obwohl das der Sache schon näher kommt. Es handelt sich um ein angeborenes tiefes Bedürfnis, mit den Wünschen und Bewertungen der kommunizierenden Artgenossen überein zustimmen und aktiv zu harmonisieren. So kann man die Massenwanderungen der Heringe oder das Schwärmen der Bienen oder auch nur einen Mückenschwarm erklären. Und wir wissen (im Sinne von Vermutungswissen), wie suggestionsanfällig gewisse Tiere sind. Ein Huhn kann mit einem Kreidestrich hypnotisiert werden.
Die menschlichen Sprachen beruhen auf angeborenen Bedürfnissen, eine Sprache zu lernen, zu sprechen, darzustellen, mitzuteilen. All das beruht zum grossen Teil auf einer angeborenen, spezifisch mit der Sprache verbundenen Suggestibilität.
Alles das ist auf das engste verknüpft mit dem starken Bedürfnis, unsere Umwelt zu entdecken, über sie zu lernen —, und zu wissen. So kommt es in den Menschenverbänden zu Mythen, zu Medizinmännern, zu Priestern. Und so kommt es zu einem inneren Konflikt, der das alles verstärken kann: zu dem nicht eingestandenen Gefühl dafür, dass wir ja in Wirklichkeit nichts oder nur sehr wenig wissen.
Da das Bedürfnis nach Sicherheit -, oder nach Sicherung durch die Kameraden, die Helfer - stark ist, so wird auch das Bedürfnis stark sein, ein gemeinsames Dogma zu haben und sich gegenseitig die Wahrheit dieses Dogmas zu suggerieren. Es ist ein Bedürfnis für Suggestion, ein Suggestionsbedürfnis. Ich schulde diesen Ausdruck Professor E.K. Herz. Die Unsicherheit wird gefürchtet, und das Dogma wird zum fanatischen Glauben. So kam es zur Kriegspsychose, zur Kriegsbegeisterung am Anfang des Ersten Weltkriegs.
Aber bevor ich zum Thema Krieg und Frieden übergehe, möchte ich ein paar Worte über die Kunst sagen, über die moderne Kunst. Es werden nur wenige Worte sein.
Wir alle wissen, dass die grösste Kunst die religiöse Kunst ist: Kathedralen, die Sixtinische Kapelle, die Matthäuspassion, Messen Mozarts, Beethovens, Schuberts.
Wie steht es heute? Ich glaube, dass viel erklärt ist, wenn wir annehmen, dass sich heute eine falsche Religion etabliert hat; nämlich die Religion, dass unsere Welt, zumindest unsere soziale Welt, eine Hölle ist.
Ich bin alles eher als ein Gegner der Religion. Meine Religion ist die Lehre von den Herrlichkeiten der Welt; von der Freiheit und der Schöpferkraft von wunderbaren Menschen. Von dem Schrecken, dem Leiden, von den Verzweifelten, denen wir beistehen können. Von dem vielen Guten und Bösen, das in der Geschichte der Menschheit geschehen ist und das immer wieder und noch immer geschieht. Und von der freudigen Botschaft, dass wir die Lebensdauer der Menschen verlängern konnten, und vor allem der Frauen, die immer das schwerste Leben gehabt haben. Im übrigen weiss ich nichts; und obwohl die wissenschaftliche Wahrheitssuche ein Teil meiner Religion ist, so sind die grossartigen wissenschaftlichen Hypothesen keine Religion. Sie dürfen es nicht sein. Aber die moderne Kunst wird durch die moderne Religion, durch diesen irrsinnigen Irrglauben, erklärt - und durch den Glauben an die böse Welt und die böse Gesellschaftsordnung, in der wir angeblich hier in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich, in England und in Nordamerika leben. Überall wird den jungen Menschen eingeredet und mit intellektualistischen Gründen und auch mit Hilfe der modernen Kunst bewiesen, dass sie in einer Hölle leben. Was kann daraus nur noch werden? Die Kinder brauchen in der Tat Führer und Vorbilder. Die jungen Menschen können und sollen beginnen, sich von den Führern, den Dogmen, den Ideologien der Wisser zu befreien. Es ist ja ganz leicht. Lasst euch nur nichts einreden - selbstverständlich auch nicht von mir. Durch jedes Lehrbuch der Geschichte könnt ihr euch selbst informieren, ob unsere Zeit, die die Sklaverei abgeschafft hat, die beste aller Zeiten ist, von denen wir geschichtliche Kenntnis haben.
Selbstverständlich haben wir viele Fehler gemacht und machen sie noch immer; zum Beispiel durch unsere abscheulichen Ideologien. Die Russen, die in einer ansonsten viel schlechteren Welt leben, suggerieren ihren Kindern und Jugendlichen, dass es das Paradies ist. Tatsache ist, dass das hilft. Die Russen sind zufriedener als wir. Die Suggestibilität ist eine grosse Macht. Aber die Wahrheit auch, wenn man für sie kämpft. Ich komme nun zu meinem letzten Teil:
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Im Vorangegangenen wollte ich versuchen, kurz die erkenntnistheoretischen, die biologischen und die sprachtheoretischen Wurzeln unserer gefährlichen Anfälligkeit für Ideologien und Dogmen zu zeigen. Und eine der Wurzeln dieser Dinge ist, ganz einfach, Feigheit. Nun, ich bin auch feige, und ich möchte weder besonderen Mut vortäuschen noch Sie zu heroischen Taten auffordern. Aber ich will Sie darauf aufmerksam machen, dass das grosse Problem, den ewigen Frieden auf Erden zu schaffen, nicht unlösbar ist.
Hier ist Kants Buch «Zum ewigen Frieden». Es ist ein schönes, trauriges und wunderbar aufmunterndes Buch. Aber in anderen Schriften hat Kant noch mehr gesagt.
Mir scheint es klar zu sein, dass das Haupthindernis nicht die Atombombe ist. Als ich das letzte Mal mit dem grossen Atomphysiker Niels Bohr sprach - ich glaube, es war im Jahr 1952 -, sagte er mir, dass die Atombombe mit Sicherheit den Frieden bewahren wird. Ich war und bin nicht so optimistisch. Aber immerhin, bis jetzt hat er recht behalten.
Ich sehe nur einen schwierigen Weg zum Frieden. Es ist ein langer Weg. Vielleicht kommt es zum Atomkrieg, lange bevor wir einen Schritt auf diesem Weg getan haben. Es ist der Weg, die Intellektuellen, die ja grossenteils den besten Willen haben, zuerst einmal dazuzubringen, dass sie etwas bescheidener werden und keine grossen Führerrollen zu spielen versuchen. Keine neuen Ideologien, keine neue Religionsgründung: «Etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit.»
Wir Intellektuellen wissen ja nichts. Wir tasten. Die unter uns, die Wissenschaftler sind, sollen auch etwas bescheidener werden, und vor allem weniger dogmatisch. Sonst geht die Wissenschaft flöten; die Wissenschaft, die zum Grössten gehört, was die Menschheit geschaffen hat, und zum Hoffnungsvollsten.
Wir werden weiter Fehler machen. Aber es ist Hoffnung, dass die folgende Hypothese vielleicht wahr sein könnte:
Ohne Ideologie kein Krieg. Der Kampf gegen die Ideologien ist ein Kampf, der auf alle Fälle wert ist, geführt zu werden.
Ich möchte damit schliessen, Sie nochmals zu bitten, mir kein Wort zu glauben und sich bewusst zu sein, dass ich, um aller guten Geister willen, nicht mit einer Fanfare schliessen will. Ich wollte Ihnen nur die grossen Gefahren zeigen, die in den Ideologien verborgen sind, und auf das gefährliche Bedürfnis für Wissen, Glauben und gegenseitige Suggestion aufmerksam machen, das in unserer evolutionären Biologie und Erkenntnisstruktur und in unserer Sprache versteckt zu sein scheint.
Ich setze für den Augenblick meine Hoffnung auf die kommende Diskussion.
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