Publikum/ein Zuhörer:
Arbeitslosigkeit muss nicht Beschäftigungslosigkeit bedeuten, aber in der Realität bedeutet sie leider meistens Beschäftigungslosigkeit und -auch in der Schweiz — materielles Elend und massiven Verlust an Lebensqualität. Nun, Herr Professor Zimmerli, Sie haben einen Weg gesehen zu einem neuen Athen. Da muss ich Sie aber fragen, was ist zu tun, um den Massen, die auf dem Weg nach dem neuen Athen unten durch müssen und die die Arbeitslosigkeit als Katastrophe erleben, ein anständiges Überleben zu ermöglichen?
Dann habe ich eine zweite Frage an Herrn Professor Eibl-Eibesfeldt In der Arbeitswelt werden Befriedigungsmöglichkeiten für Menschen verloren gehen. Das haben wir auch gehört heute. Nun, könnte man diese Befriedigungsmöglichkeiten durch verbesserte zwischenmenschliche Beziehungen kompensieren? Gibt es eventuell unter den vielen technologiefreien Völkern, die Sie besucht haben, eines, das uns in dieser Hinsicht als Modell dienen könnte?
Franz Kreuzer, Gesprächsleiter:
Bitte um die Antworten.
Zimmerli:
Ich habe eigentlich nur die Wahl zwischen der Skylla und der Cha-rybdis bei dieser Antwort: Ihnen entweder ganz kurz oder mit einem nächsten Vortrag zu antworten. Da letzteres nicht möglich ist, habe ich nur die erste Variante. Diese Variante oder diese Antwort lautet eigentlich nur so: Mit Sicherheit nicht dadurch, dass wir das soziale Netz stärker ausbauen, denn ich denke, dass einer der grössten Fehler gewesen ist: die Stigmatisierung der Arbeitslosigkeit, die sich durch die traditionelle Wertbesetzung des Arbeitsbegriffes ergeben hat, noch zu verstärken dadurch, dass ich Arbeitslose sozusagen Sozialhilfeempfängern gleichsetze. Das heisst mit anderen Worten: Ein Programm, wie es die französische Regierung seit einiger Zeit versucht — nämlich Beschäftigungsmöglichkeiten zu koppeln mit dem Empfang von Arbeitslosenunterstützung, so dass diese keine Sozialhilfe, sondern ein Gehalt wird, ein Beschäftigungsentgelt —, das scheint mir die pragmatisch gangbarste Lösung zu sein. Und wenn Sie sich die ungeheuren Summen ansehen, die im Rahmen des sozialen Netzes für Arbeitslosenhilfe und Arbeitslosenunterstützung aufgewendet werden — die Schweiz ist hier nicht führend —, dann werden Sie leicht sehen, dass es hier durchaus Möglichkeiten finanzieller Art gibt. Am Finanziellen liegt es nicht, sondern an der Organisation. Verzeihen Sie, dass ich auf diese Frage — die hochinteressant ist, weil sie die mittelfristige Realisierbarkeit einer Utopie betrifft — nicht ausführlicher antworten kann, aber ich werde es gerne nachher im privaten Gespräch…
Kreuzer:
Bitte darf ich vielleicht um eine Aufgliederung noch bitten. Sie haben ja im Referat gesagt, in der Zukunft, in der ferneren Zukunft wird es die Roboter geben, und die Menschen werden die Gastarbeiter sein. Gehört dieser Begriff nicht aufgegliedert? Die Menschen zerfallen dann ja offenkundig erstens in eine Aristokratie, die verwaltet, die Medien betreibt usw. mit hohen Einkommenstransfers in ihre Richtung; anderseits aber doch in jene Gastarbeiter, die jene Dienstleistungen verrichten, die Roboter doch nicht verrichten. Das heisst, es gibt zumindest zwei Klassen, solche, die sich die Haare schneiden lassen und solche, die die Haare schneiden. Und drittens die eigentlichen Arbeitslosen, die sich das eine nicht leisten können und das andere nicht tun wollen und lieber eine Arbeitslosenunterstützung beziehen.
Zimmerli:
Ja, Herr Kreuzer, Sie geben mir in dankenswerter Weise die Möglichkeit, hierauf sehr pointiert zu antworten und damit jemanden anzugreifen, der am Tisch sitzt (und nicht jemanden aus dem Publikum angreifen zu müssen). Herr Kreuzer, das liegt nur daran, dass Sie in überkommenen Mustern denken. Wenn Sie versuchen würden, sozusagen diesen Begriff des Arbeitslosen von dem Begriff dessen, der die Haare schneidet, zu trennen und einmal zu denken, wie es wäre, wenn man sich selbst die Haare schneiden würde — um im Bild zu bleiben —, dann wäre wahrscheinlich uns beiden geholfen. Ich denke dabei an folgendes: Es muss keine Aristokratie sein. Und die Arbeit, die verrichtet werden soll, ist eben jene Arbeit der ersten Gruppe, die Sie genannt haben, die Arbeit der Sollwert-Vorgabe. Das bedeutet aber nicht, dass nun massive Einkommensströme in diese Richtung fliessen müssen. Das ist nur gekoppelt wiederum an unsere Vorstellung davon, dass wir in einem bestimmten wirtschaftlichen System Arbeit sozusagen immer in den Gegenwert dessen umrechnen, was wir für die Arbeit bekommen. Ich denke in anderen Mustern. Ich denke so zusagen in die Richtung einer «Aufrechnung der Anzahl zur Verfügung stehenden Ressourceneinheiten auf die Anzahl der Menschen, die von diesen Ressourceneinheiten leben müssen». Und sobald ich in dieser Richtung denke, ist es nicht mehr notwendig, dass die Aristokraten — oder dass die Menschen, die nun die Sollwert-Vorgaben machen — gleichzeitig die sind, die am meisten Geld dafür bekommen. Ich denke also, dass diese beiden Systeme entkoppelt werden müssen, die in unserem traditionellen System in der Tat gekoppelt sind.
Kreuzer:
Dankeschön. Bitte…
Eibl-Eibesfeldt:
Ja, ich kann versuchen, kurz zu antworten. Zunächst einmal: Wie sieht es bei Naturvölkern aus, was können wir daraus ableiten an Bedürfnissen, die vorhanden sind. Wenn wir die altsteinzeitlichen Jäger und Sammler hernehmen, etwa die Buschleute der Kalahari, dann finden wir, dass Männer und Frauen durchaus körperliche Tätigkeiten ausüben. Die Frauen sammeln im Verband, und das ist eine durchaus befriedigende und auch lustige Tätigkeit, denn man entdeckt Nahrungsmittel, die im Boden sind usw. Es macht den Leuten grosse Freude; ich habe Aufnahmen davon gemacht. Dass es offenbar Freude macht, zeigt ja auch, dass bei uns heute noch Jäger- und Sammlertätigkeiten — etwa zur Zeit der Schwammerlreife — geübt werden. Die Männer gehen auf Jagd, haben dabei Erfolgserlebnisse. Dann gibt es eine Reihe von häuslichen Tätigkeiten, denn diese Leute sind ja völlig autark. Jeder stellt seine eigenen Jagdwaffen her, jeder stellt seine eigene Bekleidung her, jeder stellt seinen eigenen Schmuck her und hat dabei unentwegt Erfolgserlebnisse. Er kann auch, da es ein Geschenke-Austauschsystem gibt, im Rang aufsteigen über seine Tätigkeit, denn wenn eine Frau geschickt im Herstellen dieser Stirnbänder aus Strausseneischalen ist, die zu kleinen Plättchen geschliffen werden usw., und damit viele Geschenkspartner bedienen kann, gewinnt sie an Ansehen. Wir erleben nun — ja, das ist das eine, und das müsste geklärt werden: Erstens einmal ist der Mensch nicht dazu geschaffen, passiv herumzustehen und -sitzen und Almosen zu empfangen. Er will schöpferisch tätig sein, er will körperlich tätig sein. Wir sehen ja, dass eine grosse Anzahl von Ersatztätigkeiten auch ausgeübt würden, wenn die Leute dazu Möglichkeiten haben.
Dann garteln sie, dann schnitzen sie, dann tun sie alles mögliche. Sie sitzen nicht faul herum, meinetwegen fahren sie Ski. Sie tun was. Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis, etwas zu tun. Aber er hat auch ein starkes Bedürfnis, durch Eigenleistung im Rang aufzusteigen. Und das — glaube ich — ist nicht angesprochen. Denn die Arbeitslosen sind unter Umständen ewig dazu verdammt, Sozialhilfeempfänger zu sein, das heisst, mit einem ausreichenden Gehalt versorgt zu werden, ohne die Möglichkeit, sich durch eigene Leistung in die Aristokratie gewissermassen hinaufzuboxen. Daran muss gedacht werden, das lässt sich ja lösen. Aber wir sprechen ja von der Motivation.
Was Jäger und Sammler überdies haben, ist sehr viel Zeit. Denn die Tätigkeiten, die direkt der Erhaltung dienen, beanspruchen zwei, drei Stunden am Tag. Buschleute haben sehr viel Kontakt, um soziale Beziehungen zu pflegen, sie spielen sehr viel. Ich habe die Buschmannspiele untersucht, sie sind sehr spielfreudig, und sie leben «musseintensiv». Sie können dann bei anderen Völkern sehen, dass mit der Erfindung neuer Subsistenzstrategien zunächst von der musseintensiven zu einer arbeitsintensiven Gesellschaft umgewechselt wird. Zum Beispiel die neolithischen, also neusteinzeitlichen Epo, die als einziges Gartenbauinstrument den Grabstock haben und keine Haustiere und Maschinen, um die Äcker zu bestellen, die haben zwar durch die neue Subsistenzstrategie — Süsskartoffeln pflanzen usw. — an Sicherheit gewonnen, haben auch eine höhere Population aufgebaut auf engerem Raum; Jäger und Sammler brauchen sehr viel Raum, Ackerbauern oder Gartenbauer schon weniger. Aber sie haben das Paradies vorübergehend verloren. Sie sind zu einer arbeitsintensiven Gesellschaft geworden, die nicht mehr viel Zeit hat. Sie sind auch sehr unkünstlerisch, nebenbei, sie tun nicht sehr viel. Sie gehen morgens in die Felder, abends kommen sie zurück in die Gärten. Daraus kann sich der Mensch lösen und hat sich auch gelöst. In den fortgeschrittenen Ackerbaugesellschaften stand wieder mehr Müsse zur Verfügung; und wir wissen, dass die Tiroler — in früheren Zeiten zumindest — ebenso wie andere alpenländische Bergvölker ganz schön geschnitzt und musiziert haben usw., also sehr folkloristisch, sehr produktiv und reich waren. Noch heute können die Tiroler bei bestimmten Anlässen in spontan gedichteten Stanzein einander ansingen. Noch heute spielen die meisten Tiroler Bauern, zum Beispiel im Brixental jeder, irgendein Instrument und finden sich in der Dorfkapelle zusammen. Also da sind noch bestimmte Techniken der Freizeitausfüllung, die aus den musseintensiveren Zeitaltern stammen, erhalten. Bei uns hat es ja einen Traditionsabriss gegeben: in der technisch-zivilisierten Welt, in der Stadtkultur. Die meisten von uns sind kulturelle Banausen, das heisst: ausschliesslich Konsumenten, die kein Instrument mehr spielen können, weder malen, schnitzen, schreiben noch dichten können — und eigentlich durch das Angebot in dieser Position gehalten werden: Sie gehen ins Theater und Konzert, sind aber reine Konsumenten, schauen Fernsehen. Aber die Bedürfnisse sind da, und es wäre durchaus möglich — es scheint mir nicht ausgeschlossen —, dass man entweder über Arbeitszeitverkürzung den Arbeitslosen als Stand auffängt und eine musseintensive, sinnvoll lebende postindustrielle Gesellschaft herbeiführt.
Kreuzer:
Vor der nächsten Wortmeldung habe ich das Vergnügen, Sir Karl Popper in unserer Mitte zu begrüssen, der inzwischen eingetroffen ist. (Beifall.)
Popper:
Ich habe leider nicht den ganzen Vortrag gehört, aber einen sehr grossen Teil. Und Sie (Eibl-Eibesfeldt) haben mir vollkommen aus der Seele gesprochen, auch wenn Sie mich nicht erwähnten. Ich bin noch etwas optimistischer als Sie, das heisst, ich glaube, dass man wirklich durch Suggestion — Sie haben Suggestion erwähnt - uns in eine Welt gesetzt hat, die sich in einer Weise bezweifelt, die ganz ungerecht ist, ganz dumm. Es ist eine merkwürdige Situation. Ich habe im Jahr 1952 oder so einen Vortrag gehalten unter dem Titel: «Die Geschichte unserer Zeit — Ansichten eines Optimisten». Darauf hat der Vorsitzende gesagt, er habe gemeint, es seien zwei Vorträge. Es ist anscheinend ganz unmöglich, dass irgend jemand die Geschichte unserer Zeit mit Optimismus ansieht.
Es ist so selbstverständlich geworden, dass wir in einer schlechten Welt leben. Das ist aber nicht wahr. Wir leben in einer wunderbaren Welt; zwar habe ich selbst durch zwei Kriege gelebt, und trotzdem muss ich das sagen. Also, es scheint mir noch etwas optimistischer zu sein, als was Sie gesagt haben. Aber Sie haben mir sonst ganz aus der Seele gesprochen; ich möchte Ihnen danken für das, was Sie gesagt haben. Ich habe Ihr Buch, Ihr grosses Buch, dessen einziger Fehler ist, dass zuviel drinsteht, zuviel Inhalt. Ich meine nicht zu viele Worte, nicht zu lang, sondern der Informationsgehalt Ihres Buches ist kolossal — was da alles drinsteht. Aber es ist ein wunderbares Buch, und ich wurde sehr von Ihrem Buch beeinflusst.
Kreuzer:
Sie werden vielleicht schon bemerkt haben, Professor Popper spricht nie ein Lob aus, ohne auch gleichzeitig einen kleinen Tadel anzubringen. Die nächste Wortmeldung bitte.
Eibl-Eibesfeldt:
Ja, darf ich wenigsten Sir Karl Popper danken für das, was er gesagt hat. Und ich glaube, in dem Vortrag — ich habe darauf angesprochen — haben mir wiederum Ihre Arbeiten doch sehr viel Mut, Anregung und Zuversicht gegeben. Ich hasse eben die Selbstauszehrung, die heute üblich ist, durch Selbstbeschuldigungen, durch diese ganzen Jeremiaden über das ach so schlechte Zeitalter. Ich glaube, man muss wirklich sehen, dass es jedem von uns heute besser geht als je zuvor. Und zum zweiten, dass vor allem neue Wertungen gesetzt werden. Sicher passieren noch alle Scheusslichkeiten, aber es regt sich doch auch jeder darüber auf.
Es ist ein anderes Bewusstsein: Wer hätte sich vor dreihundert Jahren darüber aufgeregt, dass in Kambodscha so und so viele Millionen Menschen leiden. Ich meine, das ist doch eine völlig andere Bewusstheit, und das ist das Positive. Und das soziale Engagement, auch bei den jungen Leuten, ist doch heute soviel anders als früher, nicht wahr?
Publikum/ Herr Scham:
Mein Name ist Schauz, Wiesbaden. Einen kleinen Widerspruch glaube ich bei Ihrem Optimismus entdeckt zu haben, denn Sie sprachen andererseits davon, dass der Ameisenstaat möglich und die Huxleysche Variante nicht ausgeschlossen sei. Und da Optimismus Konjunktur hat, darf ich noch etwas optimistischer sein als Sie und behaupten, dass in allen Gesellschaften solche Schemata, die sich immer mehr durchzusetzen beginnen, bereits einen Gegentrend beinhalten. Zum Beispiel erzeugt eine Ideologie, die sich immer mehr verbreitet, notwendigerweise Widerspruch. Eine Religion, die zur Staatsreligion wird, erzeugt Abspaltungen; Konzentrationsbewegungen in der Wirtschaft führen zu Verkleinerungen auf der anderen Seite, so dass es vielleicht auch hier bei einem Ameisenstaat eine Korrekturmöglichkeit gibt durch Widerspruch und Widerstand; und das wäre wohl auch bei dem total verwalteten Sozialstaat so, dass es nämlich Menschen gäbe, die auch wieder lieben, hassen und sorgen und leiden wollen. Würden Sie dem zustimmen?
Eibl-Eibesfeldt:
Ich stimme dem durchaus zu, und ich glaube, der ganze Sinn einer solchen Diskussion ist es ja nur, Gefahren zu erkennen. Gott sei Dank sträubt sich das Individuum gegen die vollständige Integration und Subordination.
Kreuzer:
Bitte die nächste Wortmeldung. Ich hoffe, dass wir noch drei oder vier Wortmeldungen haben können, mehr kann es nicht sein…
Publikum/Frau Seitz:
Ich heisse Erika Seitz. Ich möchte gerne Herrn Eibl-Eibesfeldt ansprechen, und zwar habe ich einen Satz verstanden, der hiess so: «Wir sind Universalisten im körperlichen und geistigen Sinne.» Und da frage ich mich: Wenn wir dies wirklich sind, weshalb müssen wir denn in Kategorien zu denken lernen? Und dann das andere, das ist, dass wir sehr glücklich seien, wenn wir eben in Kategorien denken könnten: Schwarz — weiss oder eben rot — blau oder weiss ich was. Ich selbst bezweifle das sehr. Und den letzten Satz möchte ich noch anfügen. Es ist vielleicht ein bisschen gewagt einfach anschliessend an das, was ich gesagt habe: Ein bisschen Selbstbesinnung wäre nötig. Wir müssen ein anderes Bewusstsein kriegen.
Eibl-Eibesfeldt:
Darf ich darauf antworten? Ich glaube… oder nein, ich glaube nicht. Sie haben mich missverstanden. Ich habe auf das In-Kategorien-Denken und die Tendenz zur Polarisierung hingewiesen. Ich habe darauf hingewiesen, dass das eine Gefahr ist, die unser freies Denken behindert, dass aber das Erkennen, dass die Einsicht, dass hier Programme — durch Denken vorgegebene Programme oder Vorurteile, wie Sie sagen könnten — unser Wahrnehmen stark beeinflussen, dass man solche Vorurteile ja erkennen kann und damit ihre störende Wirkung auch ausschalten.
Publikum/ Herr Heindler:
Ich bin Erich Heindler aus Zürich. Ich hätte auch eine Frage an Herrn Professor Eibl-Eibesfeldt. Ich arbeite als Psychotherapeut. Und ich habe nie festgestellt, dass es sowas wie ein Misstrauen notwendigerweise in den Menschen geben muss. Ich habe aus meiner Erfahrung dies weder bei Kindern noch bei Erwachsenen gefunden, sondern dass— bestimmte Bedingungen vorausgesetztes tatsächlich möglich ist, dass Menschen zueinander Vertrauen entwickeln können und sozial miteinander umgehen… oder wie man das definieren mag. Und deswegen habe ich Mühe und bezweifle sogar die Behauptung — wenn ich das überhaupt richtig verstanden habe — dass das Misstrauen irgendwo genetisch vorprogrammiert sei.
Eibl-Eibesfeldt:
Zunächst einmal darf ich dazu sagen, dass man Misstrauen sicher auflösen kann (und das habe ich auch im Vortrag gesagt). Ich glaube aber, es ist wichtig, auch zu erkennen — und das Phänomen (darum habe ich es in diesen Bildern auch vorgestellt) ist überall zu finden — dass der Mensch vor seinen Mitmenschen auch eine gewisse Scheu hat. Er fürchtet ihn, er fürchtet auch seine Dominanz unter Umständen und versucht sie abzublocken. All unsere Strategien unseres Ge-sichtwahrens usw. in der Gemeinschaft zielen darauf ab, Dominanzversuche anderer unter Umständen abzublocken und dergleichen mehr. Ich glaube, die freundliche Veranlagung des Menschen ist viel stärker, und sie ist auch das Neue, was stammesgeschichtlich neu in die Welt kam. Mit der Erfindung der Brutpflege kam nämlich Freundlichkeit überhaupt erst in die Welt. Auf den Galapagosinseln — beim Studium der Meerechsen — fiel mir das auf: Da lagen diese grossen Leguane zu Hunderten wie «Würste» auf den Felsen nebeneinander, also offenbar gesellige Tiere. Aber ich habe nicht festgestellt, dass sie einander irgendwas Freundliches taten. Die haben sich nicht geputzt, die haben sich nicht abgeschleckt, nicht gefüttert, nichts, kein Betatschen, nichts. Das einzige, was sie konnten, war das Drohen. Und ihr Werben war ein Drohritual, das Weibchen signalisierte Unterwürfigkeit. Erst mit der Erfindung der Brutpflege kam — das ist eine Sternstunde der Verhaltensevolution — das Instrumentarium zum Freundlichsein mit den Mutter-Kind-Verhaltensweisen in die Welt. Alle unsere freundlichen Verhaltensweisen, die wir zeigen, auch Erwachsenen gegenüber, sind emanzipierte Mutter-Kind-Verhaltensweisen; infantile Appelle, mit denen die Partner bei der Paarbildung einander Betreuung auslösen und dergleichen mehr. Etwas zweites kam in die Welt: die individualisierte Bindung. Nämlich das, was wir als Liebe bezeichnen; denn Mutter und Kind durften sich bei einigen Arten, da sie lange beieinander bleiben müssen, um eine Aufzucht zu garantieren, nicht verlieren. Das waren zwei Sternstunden, und das neue biologische Erbe bestimmt unser Verhalten ganz entscheidend. Wir sind genuin sehr freundliche Wesen. Und das erste Kapitel meines Buches «Liebe und Hass» nennt sich das Bestia-Humana-Konzept — ein modernes Zerrbild des Menschen.
Kreuzer:
Dankeschön.
Eibl-Eibesfeldt:
Ich habe mich dagegen gesträubt, darum hat mich auch geärgert, dass Herbig — das darf ich auch sagen — in seinem Buch schreibt, die Etholo-gen hätten den Menschen immer nur als tierische Bestie gesehen. Ich zeige zum erstenmal auf, dass er — und zitiere auch Kropotkin —, dass er von Natur freundlich ist. (Beifall)
Kreuzer:
Wir kommen — wie ich fürchten muss — zur letzten oder vorletzten Frage.
Publikum/Herr Batliner:
Mein Name ist Batliner. Ich danke Herrn Professor Zimmerli für seinen hochgescheiten, faszinierenden, aber auch erschreckenden Vortrag. Eine Frage bleibt für mich: Ist sein Denken nicht stark auf die Erste Welt zentriert? Er hat wenig gesprochen über die Möglichkeit der Übertragung dieses rationalen Denkens in unterentwickelte und anders entwickelte Kulturen, mit anderen Strukturen, anderer Tradition, Religion und Sitte. Das Problem machtmässiger wirtschaftlicher, politischer Disparitäten wird steigen. Zweitens: Er hat meines Erachtens wenig von den zentralistischen Aspekten der neuen Steuerungen gesprochen. Um es bildhaft auszudrücken: Ein Knopfdruck in Moskau oder in Washington könnte die ganze Welt zerstören. Ein Hitler hätte tatsächlich diesen Knopf gedrückt. Oder der japanische Nachtwächter — oder der Nachtwächter der Nachtwächter — hat zen-tralistisch einen enormen Machtzuwachs gewonnen. Die elitäre Komponente hat Herr Kreuzer schon angesprochen, für mich verbleibt sie ein Problem, indem ein Grossteil der Menschen zum beliebigen Zeitvertreib, Beschäftigung genannt, verurteilt wird. Ist das Entscheidende der Beschäftigung nicht doch eben anderswo? Das Entscheidende dort zum Beispiel, wo der Mensch total in die Natur eingreift? Es sei denn, der Mensch werde über Eingriffe in die Natur gescheiter gemacht. Dann stellen sich aber vielleicht organisatorische Probleme. Dem Menschen ist es nach Professor Zimmerli belassen — das heisst der Elite —, die Sollvorgaben für die Steuerungen zu bestimmen. Er hat es streng wissenschaftlich offengelassen, ob es Sollvorgaben gibt, die der Mensch vorfindet, vor denen er sich in Ehrfurcht verbeugt, oder ob er die Sollvorgaben kreiert. Jedenfalls hat Professor Zimmerli im Zusammenhang mit der Arbeit von der Zwischenphase des Christentums gesprochen. Hätten wir abseits solcher Sollvorgaben allein aus dem Judentum, dem Christentum und dem Islam nur die Erkenntnis erhalten, dass der Mensch immer auch Sünder ist und das Böse durch das Böse nicht nur versucht ist, sondern es auch tut — hätten wir schon eine gewaltige Erkenntnis übernommen.
Kreuzer:
Darf ich bitten. Es war eine sehr interessante Stellungnahme. Sie fordert zu einer Antwort heraus, und diese muss nun das Schlusswort des Vormittags sein.
Zimmerli:
Zunächst darf ich mich ganz herzlich für Ihren Dank, den Sie mir abgestattet haben, wiederum bedanken und nach dieser Einleitung auf Ihre Monita eingehen. Alle Ihre Beanstandungen sind berechtigt. Sie treffen exakt genau das, was ich ausgelassen habe. Und weil dies so ist, hoffe ich, dass Sie mir abnehmen werden, dass das einen Grund hat, dass ich das ausgelassen habe. Ich werde es ganz kurz an den drei Punkten, an denen Sie es expliziert haben — oder an vier Punkten — einfach benennen, ausführen kann ich es nicht. Warum habe ich mich auf die Erste Welt konzentriert? Ich habe mich deswegen auf die Erste Welt konzentriert, weil mir — ja, ich will es einmal überspitzt sagen — vieles von dem, was ich in den letzten Jahren über die Dritte Welt gehört habe, einfaches, blosses Ausweichen vor den Problemen der Ersten Welt zu sein schien. Es scheint mir in vielen Bereichen schlichtweg einfacher zu sein, über die Dritte Welt und darüber zu sprechen, wie es dort ist und dass es dort ganz anders ist.
Zweitens allerdings: Ein wichtiger Punkt in diesem Kontext sei nicht unerwähnt. Die Entwicklung der Dritten Welt ist - was jedenfalls die Schwellenländer zeigen -ganz deutlich in Richtung auf Industrialisierung zu sehen. Und wir können — darüber ist auch verschiedentlich schon gesprochen worden - einfach nicht aus unserer Perspektive heraus, die eine Zeitlang zum Pessimismus neigte, nun den Ländern, die sich technologisch auch auf unseren Stand setzen wollen, vorschreiben, dass sie es lieber bleiben zu lassen hätten. Ich habe im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit in Beziehung auf die afrikanischen Kollegen und Philosophen verschiedentlichst die Erfahrung gemacht, dass dort immer gesagt wurde: Ihr habt gut reden mit eurem nachindustriellen Kulturpessimismus; wir sind noch gar nicht so weit, und wir möchten auch einmal so weit sein und uns den Luxus eines Kulturpessimismus leisten können. Zweiter Punkt: die zentralistischen Perspektiven.
Sie haben ganz recht, und Sie sprechen damit nur eine der vielen Gefahren an, die in diesem Konzept stecken. Meine Absicht war nur zu zeigen, dass dieser Weg — der Weg einer weiteren Technisierung — nicht unbedingt ein Weg in den Abgrund sein muss, sondern dass es auch die Möglichkeit gibt, ihm etwas Positives abzugewinnen und in ihm eine Zukunftsperspektive zu sehen, die sich zu leben lohnt. Infolgedessen denke ich, dass wir uns über die vielen Gefahren, die auf diesem Wege drohen, Schritt für Schritt Klarheit zu verschaffen haben. Es ist kein Weg, der klar vorgezeichnet ist, so dass wir sozusagen nur ein Rezept befolgen müssten, um ihn dann auch bis zum Ziel des neuen Athen zu gehen, sondern es ist ein Weg, wo es auf jedem Schritt einer Reflexion bedarf darüber, welche neuen Probleme zu lösen sind. Schliesslich, was die Beschäftigungsfrage und die Sollvorgabe betrifft: Ich denke mir das nicht zwingend. Die Konsequenz meiner Überlegungen ist, dass eine kleine Elite darüber bestimmt, welches die Sollvorgabe sein soll. Das ist ein politisches und nicht ein primär ökonomisches Problem. Wir können uns politische Systeme denken, und wir haben ja in diesem Land auch einige Jahrhunderte lang versucht, politische Systeme dieser Art zu realisieren. Was den letzten Punkt, das Christentum, betrifft: Nichts liegt mir ferner als zu sagen, dass wir heute keine Christen mehr sein dürften oder sein sollten. Aber es ist einfach von der Zeitdiagnose her nicht zu bestreiten, dass nicht alle Menschen Christen sind. Und infolgedessen ist zwar die christliche Botschaft fraglos wichtig und befolgenswert, aber sie ist nicht diejenige, die Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit in den entwickelten Industrienationen erheben darf. Sondern sie muss sich klar sein, dass auch sie eine Option in einem pluralistischen Optionenkatalog ist und dass sie von anderen Optionen hart konkurrenziert wird. Das war die Überlegung, die ich anstellte. Und wenn ich sagte, das Christentum sei eine vorübergehende, eine Zwischenphase, dann meinte ich damit nicht die Option Christentum, sondern ich meinte damit die Phase, in der Christentum keine Option, sondern eine Verpflichtung war. Die ist — und ich kann vielleicht sagen, im Wortsinn, Gott sei Dank — zu Ende.
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