Zukunftsgestaltung: Erwartungen und Möglichkeiten
von Eduard Pestel
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Als unsere Gegenwart noch Zukunft war
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Woran hätte wohl jemand gedacht, der sich vor hundert Jahren das Thema meines Vortrags gestellt hätte? Sicherlich hätte für ihn die nationale Behauptung im Konkurrenzkampf der Nationen eine der wesentlichen Herausforderungen bei der Gestaltung der Zukunft bedeutet:
Für die Engländer die Sicherung ihres weltweiten Empires durch die Beherrschung der Meere und den Ausbau ihrer wirtschaftlichen und industriellen Vormachtstellung; für die Deutschen die Bewahrung der militärischen und politischen Vormachtstellung auf dem westeuropäischen Festland, nicht zuletzt auch durch eine industrielle Entwicklung, die eines Tages England überholen würde. Und so könnte man für jede Nation andere Möglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft ausfindig machen.
Doch Weltprobleme, die alle betreffen, ja bedrohen, und von allen gemeinsam bei der Gestaltung der Zukunft zu lösen sind, wären wohl niemandem in den Sinn gekommen. Dass aufgrund der technischen Entwicklung eines Tages die Mittel zur Ausrottung der Menschheit zur Verfügung stehen könnten, wäre für völlig absurd, als Ausgeburt eines kranken Hirns, erklärt worden.
Natürlich gab es auch damals Krisen: Wirtschaftskrisen, politische Zerfallserscheinungen, Aufstieg neuer Mächte. Da war Unruhe und Bewegung auf der weltpolitischen Bühne jener Zeit; aber es gab nicht das Gefühl, dass eine weltweit zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt oder gar ein grosser Krieg für die ganze Menschheit eine tödliche Bedrohung darstellen würde. So schrieb zum Beispiel Jacob Burckhardt in seinen berühmten, 1905 erschienenen «Weltgeschichtlichen Betrachtungen»: «Der Haager Friede bringt nicht nur Entnervung hervor, sondern er lässt das Entstehen einer Menge jämmerlicher, angstvoller Notexistenzen zu, welche ohne ihn nicht entstünden und den wahren Kräften den Platz wegnehmen… Der Krieg bringt wieder die wahren Kräfte zu Ehren. Jene Notexistenzen bringt er wenigstens vielleicht zum Schweigen.
Sodann hat der Krieg, welcher soviel als Unterordnung alles Lebens und Besitzes unter einem momentanen Zweck ist, eine enorme sittliche Superiorität über dem blossen gewaltsamen Egoismus des einzelnen; er entwickelt die Kräfte im Dienst eines Allgemeinen, und zwar des höchsten Allgemeinen und innerhalb einer Disziplin, welche zugleich die höchste heroische Tugend sich entfalten lässt; ja… er allein gewährt den Menschen den grossartigen Anblick der allgemeinen Unterordnung unter ein Allgemeines.
Und da ferner nur wirkliche Macht einen längeren Frieden und Sicherheit garantieren kann, der Krieg die wirkliche Macht konstatiert, so liegt in einem solchen Krieg der künftige Friede. Nur müsste es wohl ein gerechter und ehrenvoller Krieg sein… Ferner ein wirklicher Krieg um das ganze Dasein.»
Welche Empörung würden solche Sätze wohl heute auslösen? Aber damals glaubte man eben - und dies bis in die jüngste Gegenwart hinein -, dass die Völker wenn nicht anders, so durch Krieg alle materiellen wie sozialen Krisen überwinden können. Rückblickend betrachtet scheint es, als hätte man schliesslich alle Krisen auch dank neuer technischer Errungenschaften und dank unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anpassungsvermögens stets so rechtzeitig in den Griff bekommen, dass dem Triumphzug des Fortschritts immer wieder freie Bahn geschaffen wurde.
Warum sollten wir nun angesichts der globalen Krisen der Gegenwart - wie des Nord-Süd-Konflikts, der Ost-West-Spannungen, der Bevölkerungsexplosion, der Nahrungs- und Rohstoffverknappung, der Energiekrisen usw. - nicht glauben dürfen, dass auch diese wie die Krisen in der Vergangenheit überwunden werden? Sollten wir nicht einfach fortfahren wie bisher im Vertrauen darauf, dass wir uns für die Bewältigung der Aufgaben der Gegenwart und Zukunft auf unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit verlassen können?
Es gibt sicherlich auch heute noch viele, die meinen, solche Fragen mit Ja beantworten zu können; doch die Zahl derer wächst, deren Antwort negativ ist. Die Mehrheit aber wird auf diese Fragen keine wohlüberlegte Antwort geben können. Erlauben Sie mir daher zunächst einige grundsätzliche Feststellungen, die bei der Erörterung von Wegen in die Zukunft zu bedenken sind.
«Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern», so Malraux, Schriftsteller und unter De Gaulle französischer Kulturminister. In der Tat, die Zukunft beginnt nicht auf einer grünen Wiese. Wir sind in der Gestaltung der Zukunft nicht so frei, dass sich alle Wünsche und Träume erfüllen liessen, sofern wir Menschen uns nur intensiv genug dafür einsetzten.
Andererseits ist die Zukunft auch nicht durch die Zwänge der Vergangenheit unausweichlich vorbestimmt, als sei sie etwas, das wir bei unserer Lebenswanderung jeweils «hinter der nächsten Gebirgskette» vorgefertigt vorfinden. Wir haben allenfalls Optionen für Zukunftsalternativen, in denen sich das Zusammen- und Gegeneinanderwirken unterschiedlicher Wunschvorstellungen und vorhandener Gegebenheiten, also unterschiedlicher Erwartungen und unterschiedlicher Möglichkeiten, vollzieht.
Wege in die Zukunft kann man nicht entwerfen, ohne Ziele, zu denen sie führen sollen, im Auge zu haben. Schon in den Sprüchen Salomos finden wir den bedeutsamen Satz: «Wo keine Vision vorhanden ist, verkommt das Volk.» Aber man kann die Zukunft auch nicht planen und gestalten, ohne die Ausgangspunkte zu kennen, bei denen die Reise in die Zukunft beginnt, und ohne das Terrain zu erkunden, durch das sie führen wird.
Dies ist eine Seite von Zukunftsbetrachtungen. Eine andere folgt sogleich aus der Frage, von wessen Zukunft wir reden. So erlebt jeder Mensch sein ganz persönliches Einzelschicksal, das sich, aus der Vergangenheit erwachsend, schliesslich in der Zukunft vollzieht. Es ist aber eingebettet in das Schicksal seiner Familie, seiner weiteren Gemeinschaft in Beruf und Freizeit, in das Schicksal seiner Nation und bleibt auch nicht unberührt vom Gang der Weltereignisse. Nicht zuletzt wegen der Verknüpfung von Einzelschicksal und nationalem Schicksal sind viele - vielleicht sogar die meisten - Menschen daran interessiert, an der Gestaltung der Zukunft ihrer Nation nach innen und aussen mitzuwirken, und sei es nur durch gelegentliche Abgabe ihres Stimmzettels. Damit stellt sich auch für jeden einzelnen die Frage nach den möglichen Wegen für die Gestaltung der Zukunft, die die einzelne Nation wie auch grössere Nationengemeinschaften beschreiten können. Die Frage aber auch, welche Bedeutung für uns Bürger solche unterschiedlichen Wege in die Zukunft haben werden, damit sich in uns ein Zukunftsbewusstsein bildet, damit wir und mit uns die von uns getragenen Regierungen nicht nur passive Mitfahrer auf einer Reise sind, deren Kurs von anderen, mehr oder weniger zufallsbedingten Kräften planlos gesteuert wird.
Es geht also einmal darum, ein möglichst zutreffendes Bild unseres gegenwärtigen Zustandes zu haben, darüber hinaus aber auch zu begreifen, wie es zu dieser Gegenwart gekommen ist - das heisst, welche lang-, mittel- und kurzfristig wirkenden geistigen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kräfte den Wandel der Zeiten herbeigeführt haben -und gleichzeitig aufkeimende neue Kräfte zu erspüren, die bei der Gestaltung der Zukunft zu wesentlichen Kurskorrekturen führen könnten.
Wenn man das vergangene Jahrtausend rückblickend betrachtet, meine ich, eine immer weiter fortschreitende Säkularisierung fast überall in der Welt feststellen zu müssen. Im Abendland ist die Renaissance wohl als erster deutlich erkennbarer Beginn dieses Säkularisierungsprozesses anzusehen. Mit Galilei befreien sich dann die Naturwissenschaften vom Dogma der Kirche. Für eine wachsende Zahl von Menschen ersetzen seither die Naturwissenschaften die Kirche als wahrheitssuchendes, nach Erkenntnis trachtendes Organ. Im Zeitalter der Aufklärung findet die Säkularisierung einen weiteren Höhepunkt, und von dann ab schreitet sie fast unaufhaltsam fort in die Epoche, die wir seit zweihundert Jahren als das Industriezeitalter erleben.
Wir leben somit heute in einer Zivilisation, die in ihrem Kern zur Erschaffung einer Willens- und Verstandeswelt führen musste. Denn ohne die Stärkung und Nutzung des Verstandes, also des begrifflichen, in Einzelschritten vollziehbaren und in Handlungen umsetzbaren Denkens, und ohne die durch immer schneller steigende Erwartungen der Menschen geförderte Entschlossenheit des Willens, das zu tun, was der Verstand denken kann, hätte der technische Fortschritt seit Beginn der ersten industriellen Revolution nicht stattgefunden; ein Prozess, der sich dadurch selbst verstärkt, dass der Verstand auch das zu denken vermag, was solcher Wille wollen kann. Die Entwicklung der Kriegstechnik liefert für diese Behauptung ein beredtes Zeugnis. Die Folgen des technischen Fortschritts sind natürlich abhängig davon, inwieweit der politische beziehungsweise der wirtschaftliche Wille, der ihren Einsatz bewirkt, von Vernunft geleitet ist, von Vernunft, die ich als menschliches Verhalten verstehe, das sich nicht mit der Betrachtung von Teilaspekten begnügt, nicht der Verfolgung partikulärer Interessen dient, sondern das sich um die Wahrnehmung des jeweils betroffenen Ganzen bemüht.
Obwohl heute die technischen Mittel von solcher Mächtigkeit sind, dass bei ihrem Einsatz fundamentale Irrtümer nicht mehr so korrigierbar sind wie zu Zeiten, da der technische Fortschritt noch nicht das Ausmass unserer Tage erreicht hatte, kann von solcher Vernunft in Politik und Wirtschaft häufig nicht die Rede sein. Es erstaunt daher nicht, dass wir heute immer häufiger und immer lauter Fragen voller Zweifel und Skepsis hören.
Es wundert uns nicht, dass unter den Erwartungen, ja Forderungen an die Gestaltung der Zukunft die Sicherung des Friedens an erster Stelle steht. Im Gegensatz zu den eingangs gegebenen Zitaten von Jacob Burckhardt stehen wir heute der Tatsache gegenüber, dass die Massenvernichtungsmittel, welche Wissenschaft und Technik ermöglicht haben, eine Fortsetzung der Politik in der überlieferten Weise, das heisst mit dem gewaltsamen Ausgleich der Spannungen, also mit Krieg, unmöglich machen. Ein Krieg im grossen bedeutet ja nicht mehr Sieg oder Niederlage, sondern allgemeinen Untergang. Wo nimmt man da angesichts der gegenwärtigen Situation und im Hinblick auf die absehbaren militärischen Entwicklungen der achtziger und neunziger Jahre die hoffnungsvolle Kraft her, Möglichkeiten für eine dauerhafte Sicherung des Friedens zu suchen.
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Auch wenn Zahlen häufig das Bild verzerren, lassen Sie mich mit nur wenigen einige Schlaglichter auf die gegenwärtige Situation werfen:
- Auf der ganzen Welt haben die jährlichen Ausgaben für militärische Zwecke die Summe von etwa 600 bis 700 Milliarden Dollar erreicht, pro Stunde also über 200 Millionen DM. Das ist mehr als das gesamte Jahreseinkommen der 1500 Millionen Menschen, die in den ärmsten Ländern der Erde leben müssen.
- Die durchschnittlichen Ausgaben auf der Welt für Ausrüstung und Unterhaltung jedes Soldaten übertreffen den durchschnittlichen Aufwand für die Schulausbildung eines Kindes um mehr als das Fünfzigfache.
- Der Weltvorrat an nuklearen Waffen, bestehend aus etwa 50000 Atombomben und nuklearen Sprengköpfen, entspricht mehr als 16 Millionen Tonnen TNT, das ist über fünftausendmal mehr als die Sprengkraft der im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Munition, die damals zum Tode von weit über vierzig Millionen Menschen führte.
- Der internationale Handel mit konventionellen Rüstungsgütern, angeführt von den USA, der Sowjetunion und Frankreich, beträgt heute rund 80 bis 90 Milliarden DM pro Jahr; das heisst, dieser Handel hat sich in den siebziger Jahren mehr als verdoppelt, drei Viertel davon gehen heute in die Dritte Welt, davon etwa die Hälfte in den Mittleren Osten und die arabischen Länder Nordafrikas. Etwa die Hälfte der industriellen Importgüter in den armen Ländern der Dritten Welt sind Waffen, die zu meist eher benötigt werden, um die eigene Bevölkerung in Schach zu halten, als um Sicherheit gegen äussere Feinde zu bieten. Oft sollen aber auch militärische Abenteuer von der Misere und Korruption im eigenen Lande ablenken.
- In den Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben rund hundertvierzig Kriege stattgefunden, fast ausschliesslich in den Entwicklungsländern, wo die Not der Menschen ohnehin für uns unvorstellbar gross ist. Wohl über zehn Millionen Menschen haben dabei den Tod gefunden.
- Über 400000 Naturwissenschaftler und Ingenieure sind weltweit für Forschung und Entwicklung in der Rüstungsindustrie eingesetzt.
Und dies alles in einer Welt, in der über eine halbe Milliarde Menschen chronisch unterernährt sind und hungern, etwa 600 bis 700 Millionen Menschen unbeschäftigt oder völlig unterbeschäftigt sind, in der die Weltbevölkerung bis zur Jahrtausendwende um etwa anderthalb Milliarden Menschen zunehmen wird: mit der Folge, dass die Zahl der Hungernden weiter steigen wird und über eine Dreiviertelmilliarde neuer Arbeitsplätze - zu 90 Prozent in den armen Ländern der Dritten Welt – geschaffen werden müssen, wenn im Jahre 2000 die Zahl der unter- und unbeschäftigten Erwachsenen in den Entwicklungsländern die Milliardengrenze nicht überschreiten soll.
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Ja, es gehört schon Hoffnung und Glaube dazu, in diesem Terrain gangbare Wege in die Zukunft zu suchen. Aber was sollte, was könnte in praxi getan werden, um in einer Welt des gegenseitigen Misstrauens, ja der Angst den für die Beseitigung der Institution Krieg notwendigen Wandel in den Herzen und Köpfen der wesentlichen Entscheidungsträger von heute und morgen herbeizuführen?
Abb 1: Biologische Evolution
Abb 2: Menschenspezifische Eigenschaften
Zur systematischen Erörterung der Erwartungen und Möglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft möchte ich einige Schaubilder zur Hilfe nehmen. Zugleich möchte ich um Ihre Geduld bitten, wenn ich Sie nunmehr auffordere, mir in einigen mehr grundsätzlichen Betrachtungen zu folgen.
Alle Arten von Lebewesen wollen überleben und müssen dazu ihre Grundbedürfnisse (Abb. 1) befriedigen: Nahrung- oder allgemeiner alles, was zur Erhaltung des körperlichen Organismus vonnöten ist; ferner Fortpflanzung und drittens Sicherheit vor den Unbilden der Natur und vor Feinden, seien sie Tier oder Mensch. Der Zustand der Umwelt ist wesentlich für die Befriedigung dieser Bedürfnisse, insbesondere ist sie wirksam bei der Begrenzung der quantitativen Ausbreitung der jeweiligen Art. Auf diese Weise vollzog sich die biologische Evolution, auch die des Menschen.
Was den Menschen über die - im übrigen auch stark differenzierte -Tierwelt hinaushebt, sind menschenspezifische Eigenschaften und Fähigkeiten, die ich für den Zweck meiner nachfolgenden Erörterungen in drei Gruppen gliedern möchte (Abb.2).
- Der Mensch besitzt nicht nur die Fähigkeit, aus der Erfahrung zu lernen und auf diese Weise Wissen und Fertigkeiten der verschiedensten Art zu erwerben, sondern vermag diese auch, aufbauend auf dem erlangten Niveau, zu erweitern und die in solchem Wissen und Können gespeicherten Informationen auszutauschen und von Generation zur Generation weiterzugeben. In der ständigen Speicherung von Wissen und Fähigkeiten findet also eine kumulative Entwicklung statt. So kann man wohl behaupten, dass die menschliche Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten, in hohem Mass darauf beruht, auf gespeicherte Vergangenheit zurückzugreifen und von dieser fortschreiten zu können. Darüber hinaus besitzt der Mensch - und in besonders hohem Mass geniale menschliche Individuen - die Gabe der Intuition, das heisst die Fähigkeit des Lernens aus sich selbst.
- Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sein Leben und das anderer in vielfältiger Weise zu organisieren, und zwar in allen menschlichen Lebensbereichen: politischen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen, künstlerischen usw. Aufgrund dieser Fähigkeit wird der Aufbau von Institutionen und Systemen möglich, deren Evolution sich in ständig wachsender Grosse und Komplexität manifestiert.
- Der Mensch entwickelt Wertvorstellungen, die aus den verschiedensten Quellen stammen, von denen sicherlich das einzigartige Wissendes Menschen um die Unweigerlichkeit seines Todes und das aus Angstentspringende Verlangen nach einer Bindung an eine höhere, ausserirdische Macht, welche die Zeit - seine Zeit auf Erden - überdauert, die tiefste Quelle ist. In den Wertvorstellungen haben auch die Erwartungen, Wünsche und Bestrebungen der Menschen ihre Wurzel. Dies ist insofern
bedeutsam, als das soziale Wohlergehen einer Gesellschaft erfordert, dass für die Erwartungen, Wünsche, Bestrebungen der in ihr lebenden Menschen auf der einen Seite und deren Realisierung auf der anderen sowie als berechtigt empfundene Ansprüche und deren Befriedigung möglichst weit zur Deckung gelangen und damit Unzufriedenheit und Frustration möglichst wenig Nahrung finden.
Es ist das Zusammenwirken dieser Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, das über die biologische Evolution hinaus die kulturelle Evolution seiner Welt herbeiführt, und zwar gegenwärtig in einem solchen Tempo, dass der Wandel der Welt, in der wir leben, selbst innerhalb einer Generation deutlich sichtbar wird. Dabei ist der Begriff «Welt» umfassend zu verstehen. Er schliesst neben der natürlichen Umwelt auch das politische (innen, aussen- und geopolitische), wirtschaftliche, soziale und technische Umfeld ein. Der Wandel dieser «Welt» manifestiert sich also nicht nur in Umweltveränderungen wie dem Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, in der Erschöpfung natürlicher Ressourcen, in der Verschmutzung von Luft und Wasser, sondern zum Beispiel auch in der Änderung der Bevölkerungsdichte und deren Altersaufbau, im Fortschritt der hygienischen Verhältnisse, in der wachsenden Interdependenz in der Welt, im Schrumpfen von Entfernungen aufgrund der Fortschritte im Transport- und Kommunikationswesen, in der Eroberung des erdnahen Weltraums, im Wandel politischer, wirtschaftlicher und militärischer Allianzen, in Änderungen der nationalen und internationalen Arbeitsteilung, in dem fundamentalen Wandel des Arbeitsstils durch das Vordringen der Computer und der Mikroelektronik in allen Bereichen des Lebens und so weiter.
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Grundkompetenzen unserer Umwelt
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Für die Gestaltung der so verstandenen «Welt» sind im wesentlichen die folgenden vier institutiven Komponenten unserer Lebensverhältnisse wirksam, die aus den oben beschriebenen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen hervorgehen
(Abb. 3):
- Die den in der Gesellschaft vorherrschenden Wertvorstellungen entspringenden dominierenden Verhaltensnormen, welche die Beziehungen des einzelnen zu seiner Gemeinschaft, seine Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, seinen Arbeitswillen, seine Pflichten und Rechte, kurz seine Rolle in der Gemeinschaft bestimmen. Der Konfuzianismus asiatischer Völker gehört zum Beispiel in diese Kategorie von Normen.
- Die Governanz (Verdeutschung des englischen Wortes governance, für das es kein gebräuchliches deutsches Äquivalent gibt), das heisst die Gesamtheit aller politisch wirksamen Institutionen und Methoden (zum Beispiel parlamentarische Demokratie mit allem, was dazu gehört, wie politische Parteien, freie Wahlen, freie Gewerkschaften usw.).
- Das Wirtschaftssystem (zum Beispiel soziale Markt- oder Planwirtschaft).
- Die Technik mit ihrem jeweiligen Entwicklungsstand in allen Bereichen (Landwirtschaft, Industrie, Medizin, Rüstung usw.).
Diese institutiven Komponenten sind es, die den Wandel der «Welt» im wesentlichen herbeiführen und damit ihren jeweiligen Zustand bestimmen. Sie sind nicht unabhängig voneinander, sondern beeinflussen einander gegenseitig. Die Wahrnehmung des «Welt»-Zustandes, die durchaus verschieden sein kann von dem tatsächlichen Zustand, zumindest wohl stets lückenhaft ist, wirkt zurück auf die «welt»-gestaltenden institutiven Komponenten; andererseits beeinflussen diese auch die Intensität und die Art der Wahrnehmung des «Welt»-Zustandes (Abb. 3).
Es kann nicht Sache dieses Vortrags sein, auf dem hier skizzierten Weg eine Theorie der Geschichte zu entwickeln. Ich will auch der Versuchung widerstehen, den Wandel der «Welt» einzelner Völker in der Antike oder im Mittelalter anhand von Abbildung 3 zu deuten, sondern ich will mich auf die jüngste Vergangenheit und Gegenwart beschränken, um daraus Erwartungen und Möglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft zu entwickeln.
Abb. 3: Zusammenwirken von kultureller und biologischer Evolution
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Der Mensch und seine Werke wandeln sich nicht gleich schnell
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Zuvor noch einige allgemeine Hinweise. Schauen wir uns das zeitliche Verhalten der Komponenten der Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen an, so werden wir feststellen, dass der Wandel der in einer Gesellschaft dominierenden Wertvorstellungen sehr langsam vor sich geht: Wertwandel braucht Zeit, viel Zeit. Auf der anderen Seite fanden seit der Renaissance eine rasante Evolution der Naturwissenschaften, eine Erweiterung unseres wissenschaftlichen Weltbildes und eine Entwicklung des technischen Wissens und Könnens statt, die beispiellos in der Menschheitsgeschichte sind.
Das gleiche unterschiedliche Zeitverhalten gilt für die vom Menschen geschaffenen institutiven Komponenten: Gesellschaftliche Normen ändern sich nur sehr langsam. Sie überdauern zumeist auch Revolutionen, deren Wirkung in dieser Hinsicht häufig nur kurzlebig und oberflächlich ist. In Ostasien zum Beispiel ist der Konfuzianismus - zumindest in seinen charakteristischen Merkmalen - heute noch so lebendig wie vor 2500 Jahren. Auch politische und wirtschaftliche Institutionen sind zählebig. Militärische Niederlagen sowie schwere wirtschaftliche Erschütterungen waren in der Regel notwendig, um hier Wandel zu bewirken; die Technik dagegen hat in den vergangenen zwei Jahrhunderten unsere Lebensverhältnisse in einem so atemberaubenden Tempo verändert, wie es für jemanden, der zur Zeit des jungen Goethe lebte, völlig unvorstellbar war; denn wenn dieser auf die zweihundert Jahre vor der Erfindung der Dampfmaschine zurückblickte, hätte er auf technischem Gebiet nur geringe Fortschritte entdeckt.
Als Fazit dieser Betrachtungen halten wir also zunächst fest, dass in den vergangenen zweihundert Jahren seit Beginn der industriellen Revolution erhebliche zeitliche Phasenverschiebungen in der Entwicklung der verschiedenen Komponenten menschlicher Fähigkeiten und deren institutiver Ausprägung entstanden sind. Und so hat im Zusammenspiel von Technik und Wirtschaftssystem - die Govemanz war dabei ein mehr oder weniger passiver Mitfahrer - in der industrialisierten Welt eine Zustandsveränderung der natürlichen Umwelt stattgefunden, deren Wahrnehmung wegen der hier vorherrschenden Wertvorstellungen erst sehr spät erfolgte und nun vehement auf die Verhaltensnormen zurückwirkt und diese wandelt. Denken wir dabei an die «Grünen» und die Änderungen in den Wahlplattformen selbst der konservativen Parteien.
Die Trägheit der Governanz im Vergleich zur Leichtfüssigkeit der Technik im Herbeiführen von «Welt»-Veränderungen hat auch noch andere gravierende Folgen. Die Wahrnehmung dieser Änderungen in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren hat zu der Erkenntnis geführt, dass dem Bevölkerungswachstum Einhalt zu gebieten ist, dass die Ausbeutung der nichterneuerbaren wie auch der erneuerbaren Ressourcen nicht so weiter gehen kann, dass neue, die natürliche Umwelt schonende Wege in der Erzeugung der Nahrungsmittel zu gehen sind, um unter anderem die Fruchtbarkeit der Ackerböden nicht durch Überdüngung zu gefährden, ja zu zerstören.
In aller Welt hat man auch wahrgenommen, dass die Waffenentwicklung seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen dienen kann, sondern vielmehr die Unsicherheit aller in kaum vorstellbarer Weise erhöht. Immer mehr Menschen haben aus der Wahrnehmung des gegenwärtig erreichten Zustandes der «Welt» den Schluss gezogen, dass wir in der Befriedigung unserer Grundbedürfnisse nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Die politischen Institutionen gehen allerdings bei der Umsetzung dieser Wahrnehmung der von ihnen regierten Menschen nur zögernd vor. Dies trifft besonders auf dem Gebiet der militärischen Sicherheit zu, während in bezug auf die Befriedigung der übrigen Grundbedürfnisse Verhaltensänderungen der Governanz in vielen Teilen der Welt - zum Teil allerdings sehr unterschiedlich - stattfinden. Wir stellen also infolge des Verhaltens der Governanz ein völliges Aussertrittgeraten in den Verhaltensweisen zur Befriedigung unserer Grundbedürfnisse fest. Auf der einen Seite sehen wir ernsthafte Versuche auf den Gebieten der Bevölkerungspolitik und der Umweltschutzgesetzgebung, und auf der anderen sind wir Zeugen eines wahnsinnigen Rüstungswettlaufs zwischen Ost und West. Und dies, obwohl die Menschen von heute sich bewusst sind, dass die Institution des Krieges als ein Überbleibsel aus der vorindustriellen Menschheitsepoche spätestens seit der Existenz der Atombombe völlig ungeeignet ist, die Lebensgrundlagen von Völkern zu sichern oder gar zu verbessern, selbst nicht für die aus einem grossen Krieg hervorgehenden Sieger. Es sind eben nur Individuen fähig, intuitiv antizipierend mit der Gestaltung ihrer Zukunft umzugehen, während Gruppen, Nationen oder gar die Menschheit als Ganzes aufgrund der Trägheit der Governanz nur in der Lage sind, auf unmittelbare Entwicklungen zu reagieren. «Jeder von uns ist weiser und sicherer im Handeln als die Gesellschaft, in der wir leben» (Erich Jantsch, 1977). Nur der einzelne ist der Intuition fähig, jener Art von Vision, die den Beginn und das Ende gleichermassen im Blick hat, von der in dem oben zitierten Spruch Salomos die Rede ist.
Es ist in dieser wohl gefährlichsten Epoche der Menschheitsgeschichte allerdings höchste Zeit, dass die Regierungen, insbesondere die der USA und der Sowjetunion, eine besondere Anstrengung unternehmen, um hinter der Weisheit der in ihrem Machtbereich lebenden Individuen nicht weiter um Generationen zurückzubleiben.
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Was sollte auf zwischenstaatlicher Ebene getan werden?
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Es ist sicherlich utopisch zu erwarten, dass der Friede entsprechend einer alten, schon von Nietzsche vor hundert Jahren gestellten Forderung nach totaler einseitiger Abrüstung gesichert werden könnte (Friedrich Nietzsche, «Menschliches, Allzumenschliches II; Der Wanderer und sein Schatten, Nr. 30: Das Mittel zum wirklichen Frieden»). Aber was kann denn überhaupt geschehen? Die kleinen Abrüstungsschritte sind nicht zu verachten, doch scheinen sie mir ungeeignet, das abgrundtiefe Misstrauen zwischen den Machtblöcken zu beseitigen. Sie wirken, als solle das Pferd von hinten aufgezäumt werden. An vorderster Stelle gilt es ja, das Misstrauen zwischen den feindlichen Blöcken und damit die Angst voreinander abzubauen, indem sie beide durch mutige Schritte den Grund für stetig wachsendes gegenseitiges Vertrauen legen. Aber wo anfangen?
Während die USA in den vergangenen Jahrzehnten als Reaktion auf sowjetische Politik zwischen Entspannungs- und Eindämmungspolitik schwankten, hat die Sowjetunion konsequent die traditionellen drei Instrumente ihrer Aussenpolitik eingesetzt: gegenüber dem Westen das schon von Lenin entwickelte «Prinzip der friedlichen Koexistenz», welches nach Gromyko eine spezifische Form des Klassenkampfes zwischen Sozialismus und Kapitalismus ohne Rückgriff auf Waffen darstellt; gegenüber ihren «Bruderstaaten» das «Prinzip des proletarischen sozialistischen Internationalismus», das als hartes Disziplinierungsinstrument nichts weiter als die brutale Warnung beinhaltet: Was in unserem Machtbereich ist, bleibt da, ohne Rücksicht auf Weltmeinung und andere politische, notfalls auch militärische Kosten; und gegenüber den armen Entwicklungsländern die politische und militärische Unterstützung der aussereuropäischen «Befreiungsbewegungen».
Es ist meines Erachtens bei der Suche nach einem dauerhaften Frieden von entscheidender Wichtigkeit, die drei genannten Instrumente sowjetischer Aussenpolitik richtig einzuschätzen. Die von der Sowjetunion in den vergangenen drei Jahrzehnten geübte Unterstützung der Befreiungsbewegungen, die einhergegangen ist mit der Schaffung von sowjetischen militärischen Stützpunkten, hat einen ständig schwelenden Herd geschaffen, von dem jederzeit in einem unerwarteten Augenblick der einen Weltbrand entfachende Funke ausgehen kann. Man denke nur an die Kubakrise vor über zwanzig Jahren, als die USA und die Sowjetunion sich tatsächlich mit dem Einsatz nuklearer strategischer Waffen bedrohten. In engem Zusammenhang mit diesem friedensbedrohenden Komplex steht der vorerwähnte Waffenhandel mit der Dritten Welt.
Ein richtiger Friede kann nicht Zustandekommen und bestehen, wenn nicht Ost und West von «diesem wahrhaft schmachvollen, von tiefstem Zynismus und gemeinster Korruption begleiteten Massenexport von Waffen in andere Länder und besonders in die Entwicklungsländer der Dritten Welt Abstand nehmen. Für diesen Handel, der meistens nichts anderes bewirkt als die Korrumpierung und Debauchierung der betreffenden Länder, der sie zur Verschwendung von Mitteln verleitet, die dringend für positive Zwecke benötigt werden, für diesen ungeheuren Missbrauch kann es keine Berechtigung geben» (George Kennan bei der Annahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, 1982).
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Es wäre ein längst fälliger Test für die immer wieder von den Machtblöcken bekannte Friedensliebe, wenn die CAT-Verhandlungen (die Conventional Arms Talks) zur Eindämmung des Handels mit konventionellen Waffen, die vor einigen Jahren ganz erfolgreich begannen, wiederaufgenommen und zu einem guten Ende geführt würden. Hier könnte vielleicht ein erster Schritt zu dem erforderlichen Sinneswandel der auf beiden Seiten führenden Politiker gemacht werden, indem sie sich einmal von nackter Machtpolitik freimachen und die furchtbare Not der betroffenen Menschen, vor allem der Kinder, zur Kenntnis nehmen würden. Wer dazu nicht in der Lage ist, dem kann mit gutem Recht der ehrliche Wille zum Frieden abgesprochen werden. Dabei steht im übrigen den politischen Entscheidungsträgern auch die Erfahrung zur Seite, dass Freundschaft und aussenpolitische Vergünstigungen langfristig nicht mit Waffen erkauft werden können: Der heute Verbündete ist häufig der Feind von morgen, eine Erfahrung, die die Amerikaner etwa im Iran und die Sowjets in Ägypten gemacht haben.
In einem Abkommen über das generelle Verbot von Waffenexport in die Dritte Welt mit der Verpflichtung, gemeinsam dieses Verbot auch bei ihren jeweiligen Verbündeten durchzusetzen und zu überwachen, könnten die sich heute feindlich gegenüberstehenden Grossmächte einen wirklichen Durchbruch zu einer dem Frieden dienenden Zusammenarbeit erzielen, ohne dadurch ihre eigene «militärische Sicherheit» aufs Spiel zu setzen. Indem die Sowjetunion damit auf ein Teilinstrument zur Verwirklichung ihres ideologischen Ziels der weltweiten Errichtung des «Realsozialismus» verzichtete - nämlich auf die militärische Unterstützung zur Erreichung dieses Zieles -, könnte das für den Westen, insbesondere die USA, ein glaubwürdiges Signal sein, dass die Sowjetunion nicht mehr ihr früher erklärtes Fernziel der Schaffung einer Weltrepublik der Sowjets verfolgt. Und dann könnte er seinerseits auch auf die unseligen militärischen Einmischungen, seien sie direkt oder durch Waffenlieferungen, verzichten. Da die Kontrolle der Einhaltung eines solchen Abkommens gemeinsames Handeln erfordern würde, könnte somit eine solide Basis für gegenseitiges Vertrauen geschaffen werden.
Damit würde auch das jetzt einsetzende Wettrüsten im Weltraum eingestellt und die weitere Drehung der Rüstungsspirale vermieden werden können.
Ich sehe in solchem Handeln der Grossmächte gegenwärtig das einzige realistische Kriterium für die Beurteilung ihres echten Friedenswillens. Sollten die USA und die Sowjetunion bei der Lösung der Waffenhandelsfrage scheitern, so ist die Schlussfolgerung unweigerlich, dass auch alle ihre Versuche zur Beendigung des gegenwärtigen Wettrüstens scheitern werden. Wenn sie nicht bereit sind, diese Frage ernsthaft anzugehen, deren Lösung allein geeignet ist, Krieg und organisierte Gewalt in allen Teilen der Welt zu beenden, wo unsägliche Not herrscht und die Freiheit und Menschenwürde unterdrückt werden, dann mag man ohne Zögern die Feststellung treffen, dass ihnen auch das ernste Verlangen fehlt, ihrer gefährlichen Konfrontation ein Ende zu setzen. Ja dass sie weiterhin von der Unvermeidbarkeit einer grossen bewaffneten Auseinandersetzung überzeugt sind, die jede Seite siegreich beenden zu können glaubt. Und das bedeutet auch, dass sie nicht bereit sind, die Eskalation lokaler Konflikte in der Dritten Welt in offenen Krieg zu verhindern, sogar auf die Gefahr hin, selbst mit ihren Verbündeten hineingezogen zu werden.
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Ist Frieden überhaupt möglich?
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Viele fragen sich heute: Kann man überhaupt an die Möglichkeit eines stabilen Friedens in der Welt glauben? Ich meine, dass uns dabei das Vertrauen auf den Satz helfen kann, der da lautet: Alles, was existiert, ist auch möglich. Was heisst das?
Nun, wir können feststellen, dass es grosse Regionen in der Welt gibt, in denen dauerhafter Friede existiert. Dies ist ein verhältnismässig junges geschichtliches Phänomen: nach 1815 zwischen den skandinavischen Staaten, nach 1870 in Nordamerika und nach 1945 in Westeuropa, allerdings jeweils erst nach langen, opferreichen kriegerischen Auseinandersetzungen.
Stabiler Friede ist also auch zwischen sogenannten Erzfeinden möglich. Dabei müssen wir uns angesichts der für alle tödlichen Bedrohung durch die Nuklearwaffen darüber im klaren sein, dass heute der Krieg kein taugliches Mittel ist, um durch ihn und durch die auf ihn folgende Aussöhnung zum stabilen Frieden zu gelangen, denn nach einem solchen Krieg würden die potentiellen Aussöhnungspartner nicht mehr existieren. Doch halte ich fest: Stabiler Friede ist möglich.
Unter den charakteristischen Eigenschaften stabilen Friedens ist für mich wohl die wesentlichste, dass in den Regionen mit stabilem Frieden die nationalen Landesgrenzen ihre Bedeutung ganz oder zumindest in hohem Mass verloren haben.
Deshalb scheint auch ein Staat wie die Sowjetunion, deren Grenzen von ihrem Sprecher noch vor wenigen Jahren im Zusammenhang mit dem Abschuss eines südkoreanischen Verkehrsflugzeugs als «heilig» bezeichnet wurden, wohl noch sehr weit davon entfernt zu sein, mit anderen Staaten innerhalb und ausserhalb ihres Machtbereichs ein stabiles Friedensverhältnis zu begründen. Hier werden wir alle, die wir eine Politik zur Erlangung eines stabilen Friedens zwischen Ost und West ohne vorhergehenden, für beide Seiten tödlichen Krieg betreiben wollen, einen langen Atem haben müssen. Die gegenseitige nukleare Abschreckung ist sicherlich für die absehbare Zukunft ein Instrument, das auf beiden Seiten solcher Friedensgeduld förderlich ist. Es kann aber kein Dauerzustand sein, dass die Beziehungen zwischen Ost und West für alle Zeit nur aus Angst vor dem nuklearen Holocaust nicht in Krieg entarten. Wir müssen vielmehr nach Wegen suchen, durch geeignete deutliche Schritte in der Beseitigung dieser Waffen, die nicht als Schwäche ausgelegt werden können, auch beim Gegner ähnliche Schritte auszulösen und damit allmählich das Misstrauen zu vermindern. Die von manchen geäusserte Furcht, nach Verschrottung aller nuklearen Waffen würde die wesentliche Hemmung gegen den Ausbruch eines mit «konventionellen» Waffen geführten Krieges entfallen, ist unbegründet. Selbst wenn die vertrauensbildenden Kräfte, die ja erst die vollständige Verschrottung atomarer Waffen ermöglichen können, wieder schwinden sollten, bleibt die nukleare Abschreckung latent wirksam. Denn das Wissen und Können, welches heute den Bau immer «effektiverer» nuklearer Waffensysteme ermöglicht hat, ist ja auch nach deren Verschrottung nicht aus der Welt. Ein «konventioneller» Krieg zwischen den grossen Machtblöcken würde in jedem Falle so lange dauern, dass die kriegführenden Parteien sich wieder mit Atomwaffen ausrüsten könnten und diese dann - spätestens angesichts einer sonst unvermeidlichen Niederlage -auch einsetzen würden.
Die nukleare Abschreckung bleibt also so oder so in der Welt. Sollte sie im Laufe der nächsten fünfzig Jahre dazu beitragen, dass aus Frieden durch gegenseitige Angst schliesslich Frieden durch Vertrauen und Vernunft wird, dann wird man vielleicht auch die Naturwissenschaftler und Ingenieure preisen, die diese gewaltige Energie erschlossen haben. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt.
Wenn wir jedoch hier und heute erste erfolgreiche Schritte zum stabilen Frieden zwischen Ost und West tun werden, dann werden auch gangbare Wege in die Zukunft gefunden. Denn die Wege, die zum Überleben in Frieden auf diesem kleingewordenen Planeten führen, auf dem wir einem gemeinsamen Schicksal nicht entgehen können, sind auch die Wege, die zu einer gerechten und durchhaltbaren wirtschaftlichen Entwicklung in aller Welt - so unterschiedlich sie auch in den verschiedenen Weltregionen stattfinden wird - zu einer menschlichen Gesellschaft führen, in der gegenseitige Verantwortung und Solidarität vorherrschen, Wege, die zu kulturellem Fortschritt und kultureller Vielfalt und schliesslich auch zu einer harmonischen Einbettung menschlichen Lebens in die Natur führen. Denn allen diesen Wegen ist gemeinsam, dass sie zu einer Umkehrung des eingangs erwähnten Säkularisierungsprozesses führen, dass sie die gleichen Wertvorstellungen erfordern, ohne die weder der eine noch der andere Weg in die Zukunft begangen wird. Alle diese Wertvorstellungen tragen wir in uns. Wir Christen mögen sie schlicht als christlich bezeichnen, doch sie leben auch in den Herzen von Menschen anderer religiöser Überzeugungen. In aller Welt sind jedoch auch Wertvorstellungen wirksam, welche die Menschen auf andere Wege lenken, die - wie ich meine - ins Verderben führen. Damit diese nicht die Oberhand gewinnen, darf unser Staatswesen - und man sollte immer zu Hause den Anfang machen, bevor man anderen gute Ratschläge erteilt - nicht so aufgeweicht werden, dass moralische wie intellektuelle Opportunisten auf leichte Weise zum Erfolg kommen können. So würden auf der einen Seite falsche Vorbilder entstehen und auf der anderen der Abscheu wachsen -besonders bei den jungen Menschen - gegen einen Staat, in dem politischer und wirtschaftlicher Eigennutz florieren.
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Was kann auf nationaler Ebene getan werden?
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So bedeutsam und fundamental dieser Hinweis auf die Wertvorstellungen ist - die Politiker dieser Welt wollen natürlich wissen, was hier und heute zu tun ist, um die Probleme lösen zu können, mit denen wir jetzt konfrontiert sind. Weder im Inland noch im Ausland, noch global gesehen gibt es die magische Autorität, die die Probleme für sie lösen könnte. Wer glaubt, in den kommenden Jahrzehnten würden wir die Auflösung der Nationalstaaten erleben, macht sich Illusionen. Die nationalen Egoismen werden vielmehr weiterwirken und bestenfalls durch die Einsicht, dass wir alle in einem Boot sitzen, etwas gemildert. Ich möchte daher ausdrücklich betonen: Die blosse Existenz der Nationalstaaten zwingt dazu, die meisten Probleme eines Staates selbständig und gestützt auf die Initiativen der Bürger im einzelstaatlichen Rahmen zu lösen. Es geht dabei im Grunde genommen darum, die Effizienz, die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Staates oder Gemeinwesens zur Lösung seiner Probleme zu erhöhen.
Man kann wohl, ohne ernstlichen Widerspruch erwarten zu müssen, behaupten, dass die gegenwärtig festzustellende Leistungsfähigkeit verschiedener Gesellschaften sehr unterschiedlich ist. Schauen wir uns jedoch die Menschen in den verschiedenen Gesellschaften an, so müssen wir zugeben, dass deren Leistungspotential im Durchschnitt gar nicht so unterschiedlich ist. Zum Beispiel dürfte sich im Durchschnitt das Potential individueller Leistungsfähigkeit von Chinesen und Westeuropäern kaum unterscheiden, und dennoch würde wohl niemand der Behauptung widersprechen, dass die Pro-Kopf-Leistungsfähigkeit der Chinesen gegenwärtig weit unter der der Westeuropäer liegt.
Angeregt durch die Arbeit meines Freundes im Club of Rome, Bohdan Hawrylyshyn, Direktor des International Management Institute (IMI) in Genf, welche in seinem Buch «Road Maps to the Future; To-wards More Effective Societies» (Pergamon-Verlag, London 1980) ihren Niederschlag gefunden hat, möchte ich unter leichter Erweiterung seiner Hauptthese die Behauptung aufstellen, dass die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft davon abhängt, inwieweit die von mir oben genannten institutiven Komponenten ihrer Lebensverhältnisse miteinander verträglich sind und in welchem Zustand sich die «Welt» dieser Gesellschaft befindet.
Es bereitet keine Schwierigkeit zu zeigen, dass gegenwärtig in fast allen Gesellschaften (sprich: Nationen) die Harmonie zwischen diesen institutiven Komponenten untereinander und mit der «Welt» gestört ist. Vom Standpunkt der Zukunftsforschung aus ist es dann wesentlich, zu untersuchen, welche Chancen für solche Gesellschaften bestehen, zu grundlegenden Korrekturen zu gelangen, mit denen die gestörte Harmonie in befriedigendem Mass wiederhergestellt werden könnte, oder ob Gesellschaften, in denen solche Harmonie heute noch in verhältnismässig hohem Mass existiert, in Zukunft in Gefahr sein könnten, diese Harmonie mit der Folge abnehmender Leistungsfähigkeit einzubüssen.
Nehmen wir Japan als erstes Beispiel! Über lange Zeiträume bis in die jüngste Gegenwart hinein sind hier partnerschaftlich-kooperative Normen dominant gewesen. Diesen würde ein Staatswesen (Governanz) entsprechen, in dem sich mehrere Zentren die Macht teilen und sie konsensorientiert ausüben. Dies ist in der Tat der Fall, obwohl sich Japan nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht eine Verfassung gegeben hat, die die Wesenszüge des Modells angelsächsischer parlamentarischer Demokratie trägt. Dennoch funktionieren ihre politischen Institutionen in der Praxis weitgehend konsensorientiert. Dasselbe gilt für das japanische Wirtschaftssystem, in dem das «Wirtschaftsquartett» (das Industrie- und Handelsministerium, Banken, Schlüsselindustrien und Grosshandelsfirmen) in konzentrierter Marktwirtschaft den Ton angibt. Bisher kann auch noch nicht von Unverträglichkeit mit der politischen, wirtschaftlichen, physikalischen und biologischen Umwelt gesprochen werden, da Japan bis heute ungehinderten Zugang zu den Weltmärkten und zu allen ihm im eigenen Lande fehlenden wichtigen Rohstoffen einschliesslich Energie gehabt hat und trotz anderslautender Konventionen nicht daran gehindert wurde, rücksichtslos die Meere auszubeuten, und dies nicht nur durch dauerndes Ausschöpfen und Überschreiten internationaler Fangquoten, sondern auch als «Abfalleimer».
Die Ära ungehinderter Umweltbelastung und ungezügelter Ressourcenausbeutung geht allerdings schnell zu Ende. Hier ist Japan gefordert, seine konsensorientierte Innenpolitik auch auf seine Aussenwelt zu übertragen.
Dass in wenigen Jahrzehnten auf allen technischen Gebieten der Rückstand gegenüber den westlichen Industrienationen aufgeholt wurde, hat sicherlich auch sehr viel mit dem konsensorientierten, kooperativen Verhalten der Japaner zu tun. Zunächst konzentrierten sie ihre Kräfte auf das, was sie ausgezeichnet verstanden, nämlich den Schiffbau, hatten sie doch die grössten Schlachtschiffe der Welt konstruiert. Gleichzeitig bauten sie eine Stahlindustrie auf, die in technischer Hinsicht und auch quantitativ die Führung in der Welt noch vor den Amerikanern übernahm. Bald danach stiegen sie mit Macht in die optische Industrie ein, wo sie auch erhebliche Erfahrung besassen, konnte man doch schon während des Krieges eine in Japan kopierte Leica kaum von einer echten unterscheiden. Dann ging es vorwärts im Automobilbau und schliesslich in der modernen Elektronik, wo den Japanern beim Aufbau moderner Anwendungssysteme von der Uhr über Taschenrechner, die Unterhaltungselektronik bis zu elektronischen Grossrechnern das ihnen selbstverständliche konstruktive Zusammenwirken in Teams ausserordentlich zustatten kam.
Südkorea, wo ebenfalls noch manche das Verhalten prägenden Einflüsse des Konfuzionismus lebendig sind, geht auf technischem Gebiet ähnlich voran wie die Japaner. Auch hier sind die Erfolge enorm, besonders wenn man bedenkt, dass die Südkoreaner praktisch bei Null anfangen mussten, nachdem Korea während eines halben Jahrtausends Fremdherrschaft auf dem Stand eines rückständigen Agrarstaates gehalten worden war.
Dass in China in wenigen Jahrzehnten ein gewaltiger moderner Industriestaat heranwächst, auch wenn die chinesische Bevölkerung nicht überall so konfuzianisch diszipliniert zu sein scheint wie die Koreaner und Japaner, dürfte ausser Frage stehen. Dass diese Industrialisierung eines wohl auf anderthalb Milliarden anwachsenden Volkes ungeheure Umweltprobleme mit sich bringen wird, ist unzweifelhaft. Man denke nur an die weiter notwendig werdende Intensivierung der Landwirtschaft, an den mit Sicherheit zu erwartenden Anstieg des Kohleverbrauchs auf weit über eine Milliarde Tonnen und vor allem an den schnell steigenden Wasserverbrauch in der Industrie, in der Landwirtschaft - die ohne künstliche Bewässerung die Ernährung nicht befriedigen kann - und in den privaten Haushalten infolge der rasch zunehmenden Verstädterung. Schon in den vergangenen dreissig Jahren ist der Grundwasserspiegel im Raum um Peking von fünf auf fünfunddreissig Meter abgesunken.
Als weiteres, kurz zu erörterndes Beispiel möchte ich die Sowjetunion betrachten. Lenin schwebte die Schaffung des Sowjetmenschen vor, der erfüllt sein sollte von egalitär-kollektivistischen Werten und der dann auch freiwillig, ja begeistert die ungeteilte Machtausübung durch ein oberstes Machtzentrum akzeptiert hätte. Und ein auf zentralistischer Planwirtschaft beruhendes Wirtschaftssystem würde sich daraus geradezu natürlich ergeben haben. Dann würde auch in der Sowjetunion die Harmonie zwischen den drei institutiven Komponenten ihrer Lebensverhältnisse - den Verhaltensnormen, der Govemanz und dem Wirtschaftssystem - vorgeherrscht haben, die dann die Sowjetunion mit hoher Leistungsfähigkeit beglückt hätte. In Wirklichkeit kann von solcher Harmonie keine Rede sein: Den Sowjetmenschen mit den oben erwähnten Verhaltensnormen gibt es auch heute, beinahe siebzig Jahre nach der Oktoberrevolution, noch nicht, ja es wird ihn nie geben. Infolgedessen gibt es auch keine freiwillige Akzeptanz der sowjetischen Governanz. Das gleiche gilt für das sowjetische Wirtschaftssystem, in dem sozusagen permanente kriegswirtschaftliche Verhältnisse vorherrschen und das infolgedessen für die Befriedigung reichhaltiger, differenzierter und qualitativ anspruchsvoller Konsumbedürfnisse völlig unzureichend ist. Wegen solch mangelnder Harmonie zwischen den erwähnten institutiven Komponenten ist die Leistungsfähigkeit der Sowjetunion trotz des grossen Reichtums an natürlichen Ressourcen, trotz des unbestrittenen Potentials der Fähigkeiten - auch der technischen Fähigkeiten des sowjetischen Durchschnittsbürgers - miserabel und wird so bleiben, solange die Kreml-Elite darauf besteht, ihre Ideologie durchzusetzen, und dazu auch über ausreichende Gewaltmittel verfügt und diese anzuwenden entschlossen ist.
Als letztes Beispiel wende ich mich nun den USA zu. Die Vereinigten Staaten sind in den ersten hundertfünfzig Jahren ihres Bestehens geprägt worden durch die individualistisch-kompetitiven Werte ihrer Bevölkerung, die geradezu zwangsläufig zu einer «Ellbogengesellschaft» führten, allerdings gemildert durch immer wieder festzustellendes tätiges Mitleid für den Underdog. Im Einklang mit diesen Werten und Verhaltensnormen wurde auch die Governanz geschaffen, und in ihrem Gefolge entstand die freie Marktwirtschaft geradezu auf natürliche Weise.
Solange die Umwelt «grenzenlos» war, stand dem Erfolg der cowboy economy mit ihrer hemmungslosen Ausbeutung aller greifbaren Ressourcen ohne Rücksicht auf die Umwelt nichts im Weg. Mit der Verträglichkeit der vier institutiven Komponenten ihrer Lebensverhältnisse untereinander und mit einer grenzenlosen Umwelt war dann die hohe nationale Leistungsfähigkeit der USA eine quasi selbstverständliche Folge.
Seit einigen Jahrzehnten ist es jedoch mit der «Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten» auch in den USA vorbei. Doch nach wie vor dominieren die alten Werte, fehlt es bei der Mehrzahl der Bevölkerung an Verantwortungsbewusstsein für die Bewahrung der natürlichen Umwelt, für sparsamen Umgang mit nichterneuerbaren Ressourcen, fehlt es an freiwilliger Disziplin und konsensorientierter kooperativer Grundhaltung. Wertwandel braucht eben Zeit, viel Zeit. Also nimmt man zur Zügelung unerträglichen individualistisch-kompetitiven Verhaltens der Bürger Zuflucht beim Gesetz. Der Regierungsapparat zur Kontrolle der Einhaltung solcher Gesetze schwillt natürlich in dem Mass an, wie die Gesetzesflut wächst. Die Folge ist eine Orgie von Rechtsstreitigkeiten, mit denen sich Bürger wie Unternehmen und Organisationen gegen derartige gesetzliche Freiheitseinschränkungen wehren. Dabei wissen sie sich der Lücken in den meist mit heisser Nadel gestrickten und durch mehr oder weniger faule Kompromisse mit heftig agierenden Lobbies zustande kommenden Gesetzen häufig mit Erfolg zu bedienen. So nimmt es nicht wunder, dass die auf die Bevölkerungszahl bezogene Rechtsanwaltdichte in den USA heute zehnmal so gross ist wie in Japan und immerhin noch dreimal so gross wie in der Schweiz.
Auf der anderen Seite verführen die «alten» Werte auch dazu, mit Hilfe der Technik auftretende «Grenzen» zu überwinden. So werden zum Beispiel seit langem Pläne erörtert, nach Norden fliessende Ströme, wie den Mackenzie River, nach Süden umzulenken, um den ungeheuren Wasserdurst der Landwirtschaft, der Industrie und der privaten Haushalte zu befriedigen, anstatt nach Lösungen zu suchen, durch sparsameren Umgang mit dem Wasser - einschliesslich des Recycling - der sich abzeichnenden Wassernot Herr zu werd«n. Aber wie können Menschen nach solchen Lösungen suchen, die es zulassen, ja begeistert begrüssen, dass im trockenen Arizona ein riesiges Surfing Center angelegt und mit dem Werbeslogan propagiert wurde, die mechanisch erzeugten Wellen in Arizonas künstlichem Wüstenozean seien «zuverlässiger» als die im richtigen Ozean. Diese und andere groteske Formen der Wasserverschwendung, insbesondere für den Betrieb einer intensiven Landwirtschaft in der Wüste, finden hemmungslos statt, obwohl nördlich von Phoenix in Arizona der Grundwasserspiegel bereits um hundert und das Land darüber um fünf Meter abgesunken ist. Dass bei solchen Verhaltensnormen auch die Verschmutzung der Wasserressourcen erschreckendes Ausmass angnommen hat, nimmt nicht wunder. Man schätzt, dass zum Beispiel die Kosten für die Sanierung der schlimmsten unter den 80000 giftigen Mülldeponien 100 Milliarden US-Dollar erfordern würde, nicht zu sprechen von den 20 Millionen privaten Kläranlagen, welche die Trinkwasserreserven zusätzlich belasten.
Übrigens unterscheiden sich die Wasserprobleme der Sowjetunion und das Verhalten zu deren Bewältigung nur wenig von denen der USA. Auch hier geht man daran, einen grossen Teil (in der Grössenordnung von 100 Kubikkilometern pro Jahr) der in Westsibiriens Strömen nach Norden fliessenden Wassermengen nach Süden in die landwirtschaftlichen Gebiete umzulenken, deren Bewässerung schon heute die Zuflüsse zum Kaspischen Meer, zum Asowschen Meer und zum Aralsee um bis zu 30 Prozent verringert haben, so dass zum Beispiel der Wasserspiegel des Aralsees um anderthalb Meter gesunken ist. Warnungen von Ökologen und Klimaforschern werden auch hier in den Wind geschlagen mit dem Hinweis, dass man zur Entwicklung und Erhaltung riesiger Landwirtschaften keine andere Wahl habe. Aber was wird, wenn durch die drastische Verringerung des Süsswasserzuflusses in die arktischen Meere deren Salzgehalt zunimmt und somit deren Vereisung abnimmt, was aufgrund der Albedo-Veränderung mit der Folge der Erwärmung der arktischen Meere unvorhersehbare Klimaänderungen nach sich ziehen kann.
Lassen Sie mich zurückkehren zu einigen weiteren Betrachtungen, die die USA betreffen. Wir haben aus den obigen kurzen Hinweisen erkennen müssen, dass auch in den USA - wie übrigens in den meisten anderen Gesellschaften - die Verträglichkeit zwischen den institutiven Komponenten untereinander und mit der Umwelt nicht mehr gegeben ist und damit die frühere Leistungsfähigkeit nicht durch einfache kosmetische Korrrekturen wiederherstellbar ist.
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Ein Wandel der Verhaltensnormen tut not
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Was wäre also anzustreben? Ich bin überzeugt: Ohne Wandel in den Verhaltensnormen können keine Änderungen der Governanz und des Wirtschaftssystems erreicht werden, die auf Dauer Bestand haben. Und ohne solchen Wandel wird auch die Entwicklung der Technik nicht in Bahnen gelenkt werden, die mit der natürlichen Umwelt verträglich sind.
Hieran wird deutlich, wie die zuvor dargelegten Überlegungen zur Erforschung oder besser zur Erörterung zukünftiger Entwicklungen benutzt werden können. Hier muss man sich fragen: Sind in der Bevölkerung der USA genügend starke Ansätze vorhanden, die den Übergang von individualistisch-kompetitiven Werten zu partnerschaftlich-kooperativen in den kommenden Jahrzehnten ohne grosse politische Erschütte-rungen herbeiführen könnten? Oder werden etwa die zentrifugalen Kräfte, die durch die ethnische und rassische Entwicklung in den USA in der Zukunft erheblich an Stärke gewinnen können, solchen Übergang verhindern mit der Konsequenz, dass sich auch in der Governanz, im Wirtschaftssystem und in der weiteren Entwicklung der Technik strukturell nichts Wesentliches ändert und somit immer mehr staatliche Eingriffe zur Aufrechterhaltung geordneter Lebensverhältnisse notwendig werden, wodurch der Verfall der Leistungsfähigkeit der USA sich beschleunigt fortsetzen würde?
Ich will diese Frage hier nicht ausdiskutieren, sondern mich mit dem Hinweis begnügen, dass Bürger wie Politiker in den USA, aber auch in ihren Bündnisländern, mit Hilfe der hier nur angedeuteten Denkansätze die Warnzeichen erkennen und gleichzeitig auch Wegweiser entdecken können, die vom krisenhaften Pfad weg in eine bessere Zukunft zu führen vermöchten. Ich meine, dass es insbesondere für die westeuropäischen Partner der USA von nicht zu überschätzender Bedeutung ist, mit dem hier skizzierten methodischen Werkzeug nicht nur die eigene Entwicklung zu analysieren und vielleicht neu zu gestalten, sondern auch den Wandel der dominierenden Wertvorstellungen in den USA zu verfolgen und dessen Niederschlag in Veränderungen der Governanz sowie die Akzeptanz dieser Veränderungen durch die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung sorgfältig zu registrieren. Denn für das - auch noch in absehbarer Zukunft - vom Atomschirm der USA abhängige Westeuropa ist die weitere Entwicklung der Leistungsfähigkeit der USA von lebenswichtiger Bedeutung. Dabei finde ich wenig Trost in der Tatsache, dass die mit dieser Methode erarbeitete qualitative Prognose für die Sowjetunion noch sehr viel ungünstiger ist als für die USA.
So wichtig die von den institutiven Komponenten und ihren gegenseitigen Beziehungen abhängige Fähigkeit einer Gesellschaft ist, den Zustand ihrer «Welt» inkremental, in ihrem Zuwachs, zu verändern - selbst eine hochleistungsfähige Gesellschaft ist dennoch nicht gegen Fehlentwicklungen ihrer «Welt» gefeit. Denn wenn sie sich nur kurzfristige Ziele setzt, kann es wegen der vielfältigen Verflechtungen innerhalb und ausserhalb dieser Gesellschaft langfristig zu völlig unbeabsichtigten, äusserst schädlichen Entwicklungen kommen, zumal - wie wir oben gezeigt haben - das Zeitverhalten der verschiedenen «Welt»-Komponenten höchst unterschiedlich ist. Die in den institutiven Komponenten einer Gesellschaft wirkenden Menschen müssen also zunächst einmal einen weitgehenden Konsens über langfristige Ziele für den erstrebten Zustand ihrer «Welt» haben, denen sie entgegenwachsen wollen. In unserem vor über zehn Jahren erschienenen zweiten Bericht an den Club of Rome - mit dem Titel «Menschheit am Wendepunkt» - haben Mesarovic und ich eine solche Entwicklung «organische Entwicklung» genannt, weil ja auch das organische Wachstum in der Natur zielorientiert ist. Und so wird es für menschliche Gemeinwesen keine «gesunde» Entwicklung geben, ohne dass sie sich klare Ziele stecken, die eine Reihe von Bedingungen erfüllen müssen:
Die einzelnen Zielvorstellungen müssen miteinander vereinbar sein. Sie müssen den tatsächlichen Bedürfnissen und Wünschen der betroffenen Menschen entsprechen, und es muss gesichert sein, dass sie mit den vorhandenen menschlichen und erreichbaren materiellen Ressourcen auch realisiert werden können.
Gerade was die menschlichen und materiellen Ressourcen betrifft, gibt es erhebliche regionale Unterschiede in der Welt; die organische Entwicklung wird daher in den verschiedenen Teilen der Welt ebenfalls unterschiedlich verlaufen. Ausserdem: Bedürfnisse und Wünsche ändern sich der Zeit ebenso wie die verfügbaren Mittel, weshalb die Ziele immer wieder neu definiert werden müssen.
Jede Generation steht also vor der Aufgabe, die Ziele für die Lebensgestaltung der nachfolgenden Generation neu zu formulieren.
Dies allein genügt nicht. Die Generation von heute muss auch bereit sein, eine Vorbildfunktion auszuüben. Dies gilt insbesondere für die im industrialisierten Westen lebenden Menschen. Unser Lebensstil wird von immer mehr Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern als Vorbild betrachtet. Die Eliten selbst in den ärmsten Ländern leben wie die Reichen bei uns und wirken dabei als nachstrebenswerte Vorbilder für ihre «Untertanen». Sollten in den nächsten zwanzig bis fünfzig Jahren vier bis fünf Milliarden Menschen zusätzlich zu der einen Milliarde, die heute im Wohlstand lebt, die Konsumgesellschaft in unerträglichem Mass vergrössern, dann würde in der Tat eine Situation eintreten, wie wir sie aus «Grenzen des Wachstums» kennen. Also müssen hier und heute die im Wohlstand lebenden Menschen endlich energisch und umfassend die Aufgabe angreifen, den technischen Fortschritt in Bahnen zu lenken, die der jeweils gegebenen und sich mit der Zeit verändernden natürlichen und sozialen Umwelt angepasst sind. Das wird dann zumeist keine primitive Technik sein, sondern eine Technik, die in vieler Hinsicht ganz erhebliche wissenschaftliche Anstrengungen erfordert. Denken Sie etwa an das äusserst schwierige Problem der Photolyse, der Direkterzeugung von Wasserstoff durch Sonnenenergie. Gelänge dies mit einem Wirkungsgrad von, sagen wir, 20 Prozent, dann wäre das Energieproblem der Menschheit sowohl wirtschaftlich wie umweltfreundlich für alle Zeiten gelöst. Dies würde in der metallurgischen und in der chemischen Industrie, im Transportwesen usw. einen technischen Wandel herbeiführen, der den Wohlstand von immer mehr Menschen auch für die biologische Umwelt erträglich machen würde. Hier läge eine wirklich grosse Aufgabe für das europäische Forschungsprogramm «Eureka» anstelle der vielen - teilweise zwar nicht uninteressanten, aber nicht langfristig zielorientiert gebündelten - Einzelprojekte. Warum müssen wir eigentlich immer warten, bis solche Technologien «wirtschaftlich» werden, wenn wir es uns wegen der ständigen Produktivitätssteigerung leisten können, allein in der Bundesrepublik Deutschland gleichzeitig neben einer sich laufend verbessernden Entlohnung der Erwerbstätigen noch ein Heer von über zwei Millionen Arbeitslosen materiell vor der Armut zu schützen? Ich meine, es ist an der Zeit, den technischen Fortschritt in einem langfristigen und gesamtheitlichen Rahmen zu betreiben, die Wirtschaftlichkeit neuer technischer Entwicklungen nicht im engen Vergleich mit traditioneller Technik zu sehen, sondern in den Kostenvergleich auch die geringere Umweltbelastung und die Entlastung des Arbeitsmarktes sowie die Absicherung gegen nicht kontrollierbare äussere Einflüsse mit einzubeziehen und schliesslich auch den psychologischen Auftrieb nicht ausser acht zu lassen, der das Anpacken jeglicher zukunftsträchtiger Aufgaben begleitet.
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In dieser Weise von organischer Entwicklung zu sprechen, wird die Politiker kaum vom Stuhle reissen, die wissen wollen, was zu tun ist, um der Forderung der Tage genügen zu können. Aber Rezepte für die Gestaltung der Zukunft gibt es nicht. Ich kann jedoch aufgrund vieler Fallstudien -wie der oben skizzierten, einschliesslich deren, die mein Freund Hawry-lyshyn durchgeführt hat - eine Reihe von meines Erachtens allgemein gültigen Voraussetzungen aufstellen, ohne deren Erfüllung organische Entwicklung nicht stattfinden wird.
- Die Annahme, die Rohstoffvorräte der Welt seien unerschöpflich und mit Hilfe der Technik liessen sich alle Weltprobleme lösen, trifft genauso wenig zu, wie die Behauptung des Gegenteils einen relevanten Beitrag zur Lösung der Weltproblematik leistet. Es ist daher von diesem Standpunkt aus müssig, darüber zu spekulieren, wie sich Technik und Wissenschaft in Zukunft entwickeln werden. Ganz sicher wird der heftige Konkurrenzkampf der fortgeschrittenen Industriestaaten stimulierend auf die Entwicklung von Wissenschaft und Technik einwirken. Doch mit dieser Art der Technologie wird man - wenn überhaupt - allein den Reichtum der ohnehin reichen Nationen vermehren und häufig nur dazu beitragen, das wirtschaftliche Risiko der Unternehmen und die Verwundbarkeit unserer technischen Infrastruktur zu erhöhen. Sollte ein Land versuchen, sich diesem Konkurrenzkampf zu entziehen, so würde es allerdings wirtschaftlich von seinen Konkurrenten bald in den Ruin getrieben. Auf das Schicksal der Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern wird sich diese neue Technik weder heute noch morgen segensreich auswirken.
Aber auch soziale Innovationen sind dringend gefordert. Die immer mehr Tätigkeitsfelder erfassende Produktivitätssteigerung bringt es mit sich, dass das herkömmliche Sozialprodukt von immer weniger Menschen erstellt werden kann. Was ein Segen sein könnte, hat in den westlichen Industriestaaten zu einem sozialen Problem, der Massenarbeitslosigkeit, geführt, das mit den traditionellen Beschäftigungsprogrammen und Umverteilungsmechanismen nicht gelöst zu werden scheint. Auch hier erweisen sich Verhaltensnormen, die von individualistisch-kompetitiven Wertvorstellungen geprägt sind, als unfähig, einen solidarischen Umgang der Menschen untereinander in ihrer Gemeinschaft herbeizuführen.
- Mit unseren Fallstudien haben wir nachgewiesen, dass die Qualifizierung der Menschen eine Grundbedingung ist, um katastrophale Entwicklungen zu verhindern; das gilt für die reichen wie für die armen Länder. Ich meine nicht allein die Ausbildung für gesellschaftlich nützliche Berufe und Tätigkeiten; viel wichtiger ist die Erziehung aller Menschen -gleich welcher Rasse, Nationalität oder sozialen Schicht - zu kooperativem Gruppen verhalten, damit jeder einzelne die ihm gemässe Rolle zu spielen und in der kooperativen Interaktion mit anderen seine Pflichten zu erfüllen lernt. Vielleicht klingt das altmodisch. Ich bin dennoch fest
davon überzeugt, dass die «moderne» Konfliktpädagogik Gift für junge Menschen ist in einer Welt, die nur dann überleben wird, wenn alle freiwillig zusammenwirken. Nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens, sozialer Verantwortung und Loyalität, nicht auf der Basis von individualistisch-kompetitiven Verhaltensnormen kann ein politisches und wirtschaftliches System entstehen, das dem einzelnen Staat die Chance gibt,
seine sozialen und ökonomischen Möglichkeiten unter Beachtung der ökologischen Notwendigkeiten zu verwirklichen.
- Obwohl die gegenseitige Abhängigkeit der Staaten und Regionen injedem Land immer deutlichere Spuren hinterlässt, steht zweifelsfrei fest:
- Über Erfolg und Misserfolg im Kampf für das organische Wachstum entscheidet die «Heimatfront». Daraus etwa den Schluss zu ziehen, Entwicklungshilfe sei überhaupt entbehrlich, ist völlig falsch und wäre politisch wie moralisch nicht zu vertreten. Wenn die Auslandshilfe so angelegt ist, dass das Empfängerland sich später einmal ohne fremde Hilfe weiterentwickeln kann, ist sie zu befürworten. Wie das zu schaffen ist, darüber muss gesprochen werden; das Ergebnis wird von Land zu Land
verschieden sein. In Staaten, die selbst nach langfristiger umfangreicher Auslandshilfe nicht fähig sein werden, in absehbarer Zeit auf eigenen Füssen zu stehen, kann auf Dauer nur die Bildung einer regionalen Union mit anderen Staaten die Situation verbessern. Der Zusammenschluss aller Staaten dieser Erde zu zehn bis fünfzehn Weltregionen wäre sicherlich ein
grosser Gewinn für die Welt - aus wirtschaftlichen wie aus politischen Gründen. So mancher bewaffnete Konflikt, den die Welt in den letzten dreissig Jahren erlebte, wäre uns erspart geblieben, wenn es solche Organisationen bereits gäbe.
- Es wird in der Zukunft viel mehr als in der Vergangenheit darum gehen, dass zugunsten einer langfristig gedeihlichen Entwicklung kurzfristig Nachteile in Kauf genommen werden müssen. Dabei wird auch immer häufiger von der politischen Führung wie von ihrer Wählerschaft verlangt werden, nicht mehr dem Grundsatz zu folgen, dass ein Problem schon dadurch halb gelöst wird, dass man es vor sich herschiebt. Die Menschheit kann es nicht länger dem Zufall überlassen, unheilvolle Entwicklungen aufzuhalten. Sie muss vielmehr die Initiative zeitig genug selbst ergreifen, um zerstörende und katastrophale Ereignisse schon in der Anfangsphase abzuwenden.
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Wir alle können etwas tun!
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Wenn der Zwang der heimischen und weltweiten Krisen zu dem vorgängig geforderten Wandel der Wertvorstellungen führt, wenn Vernunft statt irrationaler Emotionalität, wenn Mut statt Verzagtheit unsere Schritte in die Zukunft wieder stärker lenken als in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten, dann werden die jetzt uns bedrängenden Probleme in den kommenden Jahrzehnten stark abnehmen und in, sagen wir, hundert Jahren gar nicht mehr existieren. Natürlich werden immer neue, uns jetzt noch gänzlich unbekannte Probleme an die Stelle der gelösten treten. Menschliches Leid wird nicht verschwinden, aber es kann seine Qualität ändern, indem durch kluge Entwicklung und weise Nutzung der Technik überall in der Welt die Bedrängnis durch materielle Not eine stetig abnehmende Rolle spielen wird.
Die Welt wäre auf gutem Wege, wenn immer mehr Menschen, die in herausgehobener Verantwortung stehen, bei ihrem Wirken für die Gestaltung der Zukunft sich von den Sätzen leiten liessen, die der dreissigjährige Friedrich Schiller in seiner Inauguralvorlesung im schicksalhaften Jahr 1789 an seine Jenaer Studenten richtete: «Und welcher unter Ihnen, bei dem sich ein heller Geist mit einem empfindsamen Herzen gattet, könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne dass sich ein stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Wie verschieden auch die Bestimmung sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet - etwas dazusteuern können Sie alle!»
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