Nachwort



Zum Thema des Krieges, heute die Bedrohung allen Lebens
Für uns alle ist das Wort «Zukunft» von düsteren Gedanken überschattet. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass es eine Zukunft überhaupt geben wird. Ost und West drohen gegenseitig, dass sie unter bestimmten Umständen innerhalb von Minuten Dinge tun könnten und würden, bei denen sie den Untergang der Welt als Ganzes in Kauf nähmen. Die Menschen tun Dinge und verdienen Geld an Dingen so, als ob es in fünfzig Jahren ohnehin keine Menschen mehr geben werde. Dazu gehört das ver-abscheuungswürdige Geschäft des Waffenverkaufes in die Dritte Welt. Die Sicherung von Arbeitsplätzen wird als ethische Rechtfertigung genannt. Obwohl dies das wichtigste Thema überhaupt ist, habe ich bewusst darauf verzichtet, es in das Symposium einzubeziehen. Meine Gründe: - Keiner der Referenten ist Fachmann für Politik oder Militärwesen. - Man kann das Thema nicht als Nebenthema behandeln. Trotzdem möchte ich hier kurz eine der grundlegenden Kontroversen über den Schutz des Friedens an einem, wie mir scheint typischen, persönlichen Erlebnis darstellen. Bei einer Veranstaltung sagte Karl Popper, er halte das Buch von Robert Kennedy: «Dreizehn Tage: wie die Welt beinahe unterging» für das wichtigste Dokument der Menschheitsgeschichte. Jeder Mensch müsse es unbedingt lesen. Ich las die Ausgabe des Verlages «Darmstädter Blätter» mit den hervorragenden Essays von Anatol Rapoport und John Somerville. Das Buch schildert die Kubakrise, in der Kennedy Russland mit dem weltvernichtenden Atomkrieg bedrohte, um Chruschtschow zum Abzug seiner Raketen aus Kuba zu zwingen. Ein Gespräch mit Karl Popper wurde für mich zum Schockerlebnis. Es war so, als ob wir von ganz verschiedenen Büchern sprächen. Für Karl Popper ist das Buch ein Beispiel der vorbildlichen Standhaftigkeit im politischen Kräftespiel. Für mich dagegen ist es ein Zeugnis dafür, wie John F. Kennedy das Weiterbestehen der Welt aufs Spiel setzte. (John Somerville: «…das schreckenerregendste Kapitel der bisherigen Geschichte der Menschheit»). Chruschtschow hatte Kennedy in Wien getroffen und ihn offenbar demütigen und ängstigen wollen. Russland fühlte sich objektiv bedroht einerseits durch amerikanische Raketen auf U-Booten (gegen die man politisch nicht angehen konnte), anderseits durch landgestützte Raketen an den russischen Grenzen, insbesondere in der Türkei. Es ist ein schlechter Witz der Geschichte: Kennedy hatte schon Monate vor der Kubakrise den Abzug dieser Raketen befohlen, weil die U-Boot-Flotte deren strategische Aufgaben übernahm; doch der Abzug war in der Bürokratie verschlampt worden. Aus nicht bekannten -vielleicht innenpolitischen - Motiven liess Chruschtschow in der Folge auf Kuba Raketen aufstellen. Merkwürdigerweise stritt er die Stationierung ab, gleichzeitig wurden die Stellungen jedoch nicht getarnt und mussten zwangsläufig von den Amerikanern entdeckt werden. In der folgenden Konfrontation offerierte Chruschtschow den Abzug, falls Kennedy im Gegenzug die US-Raketen aus der Türkei abziehe. Kennedy lehnte ab nicht wegen der Sache, sondern um nicht als «unter Druck nachgiebig» zu erscheinen. Er verfügte die Seeblockade und war fest entschlossen, diese selbst dann durchzuhalten, wenn die Konfrontation zum globalen Atomkrieg führen würde. John F. Kennedy wörtlich: «…für die ganze Welt stand das Leben auf dem Spiel. In unserem Kampf gegen den Kommunismus auf der gesamten Welt geht es um weit mehr als nur um das physische Überleben -das Wesentliche sind unsere Ideale… unsere Raketen wurden in die höchste Alarmstufe versetzt… die B-52 flogen Bereitschaft mit voller Atombombenlast, wenn eine Maschine landete, wurde sie sofort von einer andern abgelöst…» Der britische Premierminister Harold Macmillan schrieb: «… Kennedys vielleicht schwierigster Entschluss war die Weigerung - gegen den Rat schwächerer Charaktere in Amerika und anderswo -, die Sicherheit der westlichen Welt durch Nachgeben einzuhandeln, als die Russen bestimmte Angebote machten, die eine < gesichtswahrende) Beilegung auf Kosten der mit Amerika verbündeten Länder ermöglicht hätte… einerseits rüstete er sich zum Handeln…» Es ist ungeheuerlich, dass Kennedy um eines nur kurzfristig wirksamen politischen Vorteils willen das grösste aller Risiken einging. Die langfristigen Folgen - de facto für die ganze Welt negativ - standen überhaupt nicht zur Diskussion. Das (posthum veröffentlichte) Buch von Robert Kennedy ist insofern auch einzigartig, als es in beinahe pubertärer Naivität offenherzig ist und man annehmen darf, dass es - vom Bruder des Präsidenten geschrieben - die bestmögliche Legitimation des Zugangs zu den vollständigen Informationen beanspruchen kann. Ich halte es für wesentlich, dass die wenigen Raketen in Kuba die Zweitschlagfähigkeit der USA nicht in Frage stellten. Zudem hätte Kennedy den Abzug durch seinen Verzicht auf die ohnehin obsoleten US-Raketen in der Türkei erreichen können. Es ging also einzig und allein um die Darstellung von «Standfestigkeit». Wobei die Welt untergegangen wäre, wenn beide Gegner standfest gewesen wären. Die UdSSR fühlte sich nuklear erpresst und vor aller Welt gedemütigt. Chruschtschow leitete in der Folge eine beispiellose Aufrüstung ein, mit den Worten «…wir sind ein grosses und stolzes Land, eine solche Erpressung darf niemals wieder möglich sein». Die Frage der Erpressbarkeit wurde beidseitig zur politisch dominanten Neurose. In der UdSSR streiten seit Lenin und Stalin (der deswegen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg seine eigene Armee durch die Ermordung seines Offizierskorps schwächte!) der politisch-ökonomische und der militärische Block um die Macht. Leider sind die militärischen Scharfmacher so stark, dass sie immer wieder - wie zum Beispiel durch den Abschuss der koreanischen Verkehrsmaschine - im «dümmsten Moment» die Koexistenzbemühungen der Politiker zu torpedieren vermögen. Kennedys Politik der Demütigung der UdSSR stärkte deren militärischen Block. Ich bin der Meinung, dass das amerikanische System mit Kennedy einen charakterlich ungenügenden Präsidenten hatte. Er war es auch, der den didaktischen Ansporn einer glanzvollen Mondlandung für wichtiger hielt als die Sanierung schreiender irdischer Missstände, so, wie wenn eine Frau ihr Zahnarztgeld für Lippenstifte verschleudern würde. Und er war es, der den Vietnamkrieg zur nationalen Sache der USA machte, von der die Selbstachtung der Vereinigten Staaten abhängig sein sollte. Für Karl Popper ist jedoch die Unnachgiebigkeit gegenüber einem totalitären Regime ein Imperativ. Er sieht in Chamberlains Nachgiebigkeit gegenüber Hitler eine wesentliche Ursache des Zweiten Weltkriegs. Auch der Staat Israel stützt sich auf entsprechende Erfahrungen. Man glaubt an die napoleonische Formel: «Macht allein ist die universale Währung in der Politik.» Karl Popper sieht die Friedensbewegung als ein Phänomen der massen-suggerierten Ideologie, vergleichbar den Sanyasin und ähnlichen Erscheinungen. Wenn man Karl Popper begegnet, ist man überwältigt von der Klarheit seines Denkens, seiner Fähigkeit, das Wesentliche zu sehen und alles auf einen einfachen Nenner zu bringen. Mit ihm philosophieren ist so, wie mit Mozart musizieren gewesen sein muss. Man bleibt mit niederschmetternden Selbstzweifeln zurück. Einen solchen Kopf muss es irritieren, dass die Friedensbewegung völlig unintellektuell ist; dass sie primär aktivistisch ist unter einer gewissen Vernachlässigung der differenzierten erkenntniskritischen Analyse; dass sie sich weigert, das Friedensproblem in der geschichtlichen Perspektive der letzten zehntausend oder auch nur der letzten fünfzig Jahre zu sehen. Anderseits sagt gerade Karl Popper, dass man aus der Geschichte keine Analogieschlüsse ziehen kann; dass «jedermann ein Philosoph ist» (unwahr ist, er sage, «mit Ausnähme der Philosophen», wahr hingegen: «…ich habe nie für die Philosophen geschrieben»). Auch hält Karl Popper unsere offene Gesellschaft für die beste aller bisherigen Gesellschaften, wobei die Friedensbewegung ja als ein Indiz der «offenen Gesellschaft» genommen werden kann. Ich würde gegenüber Popper etwa so argumentieren: Es mag sein, dass die Friedensbewegung grundlegende Mängel hat, aber es existiert keine Alternative. Insbesondere erschiene es mir als untauglich, die Bemühung um den Frieden an die Politiker delegieren zu wollen. Und: «Der Geist ist willig, aber die Zeit ist knapp.» Es ist lächerlich, in der Friedensbewegung «Moskauhörigkeit» zu vermuten. Das Militärwesen der UdSSR hat im Gegensatz zu jenem der USA neben der Abschreckung bekanntlich noch zwei unausgesprochene Aufgaben: die Disziplinierung der Satelliten im Warschauer Pakt und die Disziplinierung der vielen nichtrussischen Nationalitäten in der Union der Sowjetrepubliken. Demzufolge hat das sowjetische Militärwesen von einer Abrüstung, wie sie die Friedensbewegung verlangt, sehr viel mehr zu befürchten als der diversifizierte Militär-Industrie-Komplex, welcher in den USA seinerseits die politische Führung drangsaliert. Ebenso extrem liegen die Standpunkte von Hoimar von Ditfurth und Karl Popper in der Einschätzung der gegenwärtigen Bedrohung der Welt auseinander. Unmittelbar vor diesem Symposiums publizierte Hoimar von Ditfurth, ein überzeugter Anhänger der Friedensbewegung, das Werk «So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen». Dieses Buch erfuhr sofort eine ausserordentliche Verbreitung. Der Titel zitiert Luthers Antwort auf die Frage, was er angesichts eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs tun würde. Hoimar von Ditfurth vertritt darin die Auffassung, dass die Lebewesen - insbesondere der Mensch - nur lineare Vorgänge sinnlich erfassen könnten, nicht aber exponentiell anschwellende Bedrohungen. Damit sei erklärt, weshalb der Mensch unter anderem den Irrsinn der nuklearen Rüstungsspirale zwar intellektuell erkenne, diese abstrakte Erkenntnis jedoch nicht in ein «sinnliches Erleben» und in effektvolles Handeln umzusetzen vermöge. Deshalb könne der Mensch dem selbstverursachten Verderben mutmasslich nicht entgehen. Es gibt nichts, worüber das Nachdenken wichtiger wäre.
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