Der Eintritt in das Informationszeitalter
von Hansjürg Mey
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Ausgangsthese über die Existenz einer Entwicklungstriade Material-Energie-Information
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Motivation aus aktueller Sicht
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Die Wirtschaft industrialisierter Länder befindet sich derzeitig in einer doppelt wirkenden Drucksituation: Auf der einen Seite droht ein in nur wenigen Jahrzehnten erreichter Zustand der globalen Überproduktion das wirtschaftliche Gleichgewicht aus den Angeln zu heben: Wo noch vor kurzer Zeit Arbeitskräfte Mangelware waren, sind es jetzt Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite erfährt fast das ganze Spektrum technisch gestützter Güter und Dienstleistungen einen tiefgreifenden Wandel und eine tiefgreifende Erneuerung mit dem allgegenwärtigen Einzug der Informationstechnologie. Dieser wohnt ein ambivalentes Wirkungspotential inne, nämlich das Potential der Rationalisierung ebenso wie das Potential der Innovation. Rationalisierung verschärft ihrem Wesen nach zumindest vordergründig den Mangel an Arbeitsplätzen, Innovation kann dagegen, über die Erzeugung neuartiger Güter und Dienstleistungen, Arbeitsplätze schaffen.
Niemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, wie diese Entwicklung verlaufen wird, wann und ob sie in ein neues Gleichgewicht mündet und wie ein derartiges Gleichgewicht dereinst allenfalls aussehen könnte. Einig, wenn auch nicht in der Bewertung aller Facetten, sind sich immerhin fast alle Beobachter dieser wirtschaftlichen Sturm-und-Drang-Phase darin, dass sie mittel- oder unmittelbar mit dem rasanten Aufkommen der Informationstechnologie zu tun hat. Die gesellschaftlichen Implikationen können nicht ausbleiben: Einmal die direkten, hervorgerufen durch die Beschäftigungsproblematik in quantitativer wie in struktureller und qualitativer Hinsicht. Zum andern aber auch indirekt über neue Anforderungen, die die Beherrschung informationstechnologisch gestützter Dienstleistungen und Fertigungsverfahren stellt, was naturgemäss einen zusätzlichen Ausbildungsbedarf und damit einen Druck auf das Bildungs- und Ausbildungswesen erzeugt. Das Grundsätzliche, die Tiefe und die Breite dieser Erscheinungen dürften die latente Vermutung bestätigen, wonach sich unsere Zivilisation in der Tat im Übergang zu einem neuen Zeitalter befindet, dem als Arbeitstitel der Name «Informationszeitalter» gegeben werde - mit der Begründung, es sei die Informationstechnologie, dahinter das Verständnis der Information überhaupt, die den Eintritt in dieses neue Zeitalter bewerkstellige.
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Beobachtungen aus Umwelt und Vergangenheit
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Analysieren wir irgendein Objekt natürlichen oder technischen Ursprungs von einiger Komplexität, so stellen wir immer wieder fest, dass daran drei Elemente beteiligt sind, die in ihrer Wechselwirkung schliesslich die von uns wahrnehmbaren Eigenheiten dieses Objekts ausmachen: Material, Energie und Information. Das ist etwa bei einer Wiesenblume nicht anders als bei einem Benzinmotor: Beide physischen Aufbauten bestehen aus Material (zum Beispiel Zellulose oder Aluminiumguss), beiden Objekten ist ein Energiehaushalt mit Energieumwandlungen eigen (etwa die photochemische beziehungsweise die chemomechanische) und beide verarbeiten Informationen zur optimalen Anpassung eigenen Verhaltens (beispielsweise für das geometrische Ausrichten der Blüte auf die Sonne oder für die Bestimmung des Zündzeitpunkts aus der Kurbelwellenlage).
Neben den als Beispielen genannten Informationsarten, die rein funktionsbezogen sind, gibt es offenbar noch eine weitere, hierarchisch übergeordnete: Gemeint ist die in den Genen der Wiesenblume enthaltene Information, die die Duplizierung der Blume beziehungsweise die Arterhaltung gewährleistet. Im technischen Objekt dagegen - und dies macht einen seiner fundamentalen Unterschiede gegenüber dem natürlichen Objekt aus - finden wir diese Art von Information nicht enthalten, sie wird in einem übergeordneten technischen oder industriellen System simuliert, etwa durch das Anlegen von Konstruktionszeichnungen, Stücklisten und dergleichen, die die Duplikation (und wenn man will auch «Arterhaltung») unseres Benzinmotors möglich machen. Die damit skizzierte Analogie zwischen einem natürlichen und einem technischen Objekt soll sich strikt auf die grobe strukturelle Klassifizierung beschränken; es sei damit nichts gesagt über den Grad an Feinheit, an Vollkommenheit und an Differenzierung, in dem sich die beiden Objekte in ihren drei Grundelementen unterscheiden.
Neben diesem statischen Aspekt der «Zusammensetzung» von Objekten interessiert nun aber noch ein weiterer, nämlich ein dynamischer oder entwicklungsgeschichtlicher Aspekt. Damit ist gemeint, dass sich im Lauf der Evolution die Objekte genau in der Reihenfolge Material-Energie-Information weiterentwickelt haben. Von der Erdgeschichte ist bekannt, dass anfänglich rein materielle Objekte das Feld beherrschten, auf Himmelskörpern, zum Beispiel auf dem Mond, deren Evolutionslinien abgeschnitten sind, entspricht das denn auch dem stationären Zustand. Der erste fundamentale Evolutionsschritt bestand offenbar in der Bereicherung von Objekten mit einer Art von «Energiekonzept», enthaltend Nutzbarmachung und Umwandlung endogener Sonnenenergie, des energetischen Antriebs von Stoffwechselvorgängen usw. In einem anschliessenden fundamentalen Evolutionsschritt entwickelte sich aus einfachen Steuerungssystemen das Zentralnervensystem, das schliesslich überhaupt zum zentralen Träger der weiteren Objektevolution geworden ist - über die bekannten Schritte bis hin zum Grosshirn.
In der technischen Entwicklungsgeschichte beobachten wir eine ähnlich gelagerte Evolutionskaskade, beginnend mit der absoluten Dominanz der Materialien, weitergeführt mit technisch umgewandelten und technisch genutzten Energieformen. Technische Güter, soweit sie über stationär geformte Materialen hinausgehen, haben schon immer auch eine triviale Form informationsverarbeitender Funktionen enthalten (wie auch primitive Lebewesen).
Der zum Zentralnervensystem analoge Schritt in der Technik ist offenbar mit dem Computer vollzogen worden, und damit dürfte auch die weitere Evolution technischer Objekte im wesentlichen mit der Entfaltung der Computertechnik als Bestandteil technischer Objekte zusammenfallen. Im vorliegenden Zusammenhang, wo es um den «Eintritt in das Informationszeitalter» geht, ist es bedeutsam, festzustellen, dass erst unsere Generation Zeuge dieses Prozesses ist: Sowohl das funktioneile Konzept wie die zu seiner Realisierung notwendigen Technologien sind allerneusten Ursprungs und noch kein halbes Jahrhundert alt. Diese Zeitspanne ist an den ungefähr hunderttausend Jahren zu messen, während denen das menschliche Gehirn in seiner heutigen Form mehr oder weniger unverändert bestanden hat, ferner an der erst wenige Jahrhunderte vor uns zu Ende gegangenen Epoche, während der sich der Mensch in seinem technischen Bemühen fast ausschliesslich mit stationärem Material befasst hat. Es ist bezeichnend, wie man heute frühe Epochen menschlicher Zivilisation gliedert: in Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit usw., also alles Bezeichnungen, die auf das im Zentrum jeweiliger Innovationen stehende Material hindeuten. Die «Energiezeit» beginnt anschliessend mit der Benutzung technischer Energieformen, vorerst die potentielle oder kinetische Energie von Wasserläufen, dann die thermische Energie von Brennstoffen usw.
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Abstrakte Phänomene und ihre konkreten Träger
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Material, Energie und Information sind scheinbar anschauliche Begriffe, an die wir uns soweit gewöhnt haben, dass wir sie als voneinander unterscheidbare Elemente unserer Umwelt begreifen. Sie sind aber zu ungenau, um naturwissenschaftlich erfasst und rechnerisch verarbeitet werden zu können: Dazu waren und sind Abstraktionen nötig, die vom Anschaulichen ins Intellektuelle weiterführen. Dabei stellt man fest, dass das, was sich unserer Anschauung darbietet, noch nicht die Phänomene an sich, sondern erst die Träger dieser Phänomene sind. Dies gilt gleichermassen für alle drei Grundelemente Material, Energie und Information. So ist etwa das abstrakte Phänomen, mit dem sich der Bewegungslauf eines materiellen Objekts beschreiben lässt, die mechanische Masse. Wir wissen, dass es die träge Masse ist, die sich der Bewegungsänderung eines materiellen Objekts entgegensetzt, und die schwere Masse, die sein Gewicht auf der Erdoberfläche bestimmt.
Wir wissen auch, dass träge und schwere Masse eines materiellen Objekts identisch sind, und wir wissen ferner, dass wir diesen abstrakten Begriff «Masse» in einer Masszahl quantifizieren und mit einer Masseinheit, dem Kilogramm, charakterisieren können. Material ist also der Träger von Masse.
Analog liegen die Verhältnisse bei der Energie, wobei sich dieser Begriff aber erstaunlicherweise - dies im Gegensatz zum Material - am abstrakten Phänomen selber orientiert und nicht an seinen anschaulichen Erscheinungen. Konkrete Träger der Abstraktion Energie sind Zustände, der Physiker nennt sie deshalb auch «Energiezustände». Ein bezüglich Energie relevanter Zustand ist etwa ein gefüllter oder leerer Stausee (Träger von potentieller Energie), ein ruhendes oder drehendes Schwungrad (Träger von kinetischer Energie), ein unverbrannter Kohlenwasserstoff oder seine Verbrennungsprodukte (Träger von chemischer Energie), eine heisse oder kalte Bettflasche (Träger von thermischer Energie) usw. Atome oder atomare Strukturen finden sich in bestimmten Energiezuständen, die sie durch Abgabe oder Aufnahme von Energie verändern. Die Masseinheit der Energie ist das Joule (oder die Kilowattstunde), wobei früher je nach Energieform unterschiedliche, jedoch ineinander umrechenbare Einheiten verwendet worden sind, wie etwa die Kalorie für die thermische oder das Meterkilogramm (genauer das Newtonmeter) für die potentielle Energie usw.
Bei der Information schliesslich sind die Verhältnisse nicht anders, jedoch weit weniger bekannt, weil es sich eben um das neueste, noch nicht im allgemeinen Bewusstsein enthaltene Grundelement unserer Triade handelt. Mit «Information» oder «Informationsgehalt» wird, wie mit dem Begriff «Energie», das abstrakte Phänomen bezeichnet, seine Masseinheit ist das Bit. Träger der Information und damit der Anschauung zugänglich ist die Nachricht, etwa ein geschriebener Satz, eine gesprochene Aussage, ein erläuterndes Bild usw. Man beobachtet wieder, wie bei Materialien und Zuständen, verschiedene Formen von Nachrichten, denen alle dieselbe Information zugeordnet sein kann, so, wie verschiedenen Materialien dieselbe Masse oder verschiedenen physikalischen oder chemischen Zuständen dieselbe Energie beigemessen sein kann.
Weil die Masseinheit Bit, im Gegensatz zu Kilogramm und Kilowattstunde, noch wenig bekannt ist, sei kurz näher darauf eingegangen: Diese Masseinheit ist erst 1948 erdacht und eingeführt worden, und zwar von Claude E. Shannon, dem Begründer der Informationstheorie. Er definierte diese Masseinheit wie folgt: Ein Bit ist jene Information, die aufzubringen ist, um eine gegebene Unsicherheit genau zu halbieren. Als Beispiel sei etwa der Wurf eines Spielwürfels genannt: Bevor er geworfen und in Ruhe ist, ist man im Ungewissen, welches der sechs möglichen Augenmuster das Resultat des Wurfs sei; nach dem vollendeten Wurf ist diese Unsicherheit beseitigt, das heisst, sie ist von ursprünglich sechs auf schliesslich eine Möglichkeit (die damit sicher ist) reduziert worden.
Die Information, die in diesem Prozess steckt, lässt sich wie folgt berechnen oder abschätzen: Ein Bit Information halbiert die Unsicherheit unter sechs Augenmustern auf drei Augenmuster. Ein zweites Bit Information würde diese restliche Unsicherheit auf 1,5, ein drittes Bit schliesslich auf 0,75 Augenmuster reduzieren. Also liegt die tatsächlich für den Würfelwurf aufzubringende beziehungsweise vom erfolgten Wurf gelieferte Information zwischen zwei und drei Bit - genau sind es 2,585 Bit (mathematisch nennt man diese Zahl den logarithmus dualis von 6). Die Nachricht als Träger dieser Information ist das Augenmuster, das das Ergebnis des vollendeten Wurfs anzeigt.
Es sei dazu nur soviel ergänzt, dass sich jede beliebige Nachricht, die einem etwas vermittelt, was man vorher noch nicht gewusst hat, dergestalt in Information quantifizieren und in Bit bemessen lässt. Betrachtet man etwa ein Bild auf dem Fernsehschirm als Nachricht, die einen über den Bildinhalt verglichen mit dem leeren Fernsehschirm unterrichtet, so braucht man lediglich alle möglichen Fernsehbilder auszuzählen und jene Zahl zu bestimmen, mit der man den Wert zwei so oft mit sich selber zu multiplizieren hat, bis man diese Gesamtzahl von Bildern erreicht. Diese Berechnung führt übrigens auf eine enorme Zahl in der Grössenordnung von zehn Millionen Bit. Genau gleich, wie man mit der Leistung als Energiefluss pro Zeiteinheit rechnet (mit der Masseinheit Watt) rechnet man auch mit dem Informationsfluss (Masseinheit Bit pro Sekunde), im vorliegenden Fall des Fernsehbildes führt das auf eine Grössenordnung von hundert Millionen Bit pro Sekunde, ein enormer Informationsfluss, für den das ganze Fernsehübertragungssystem von der Kamera über Sender, Sendeantenne, Äther oder Kabel, Empfangsantenne, Fernsehempfänger ausgelegt sein muss. Die Nachricht als Träger der Information ist hier das bewegte Fernsehbild.
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Trends zur Dynamisierung und Dezentralisierung
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Es fällt auf, dass alle drei Elemente - Material, Energie und Information - in ihren inneren Entwicklungen (genauer die Entwicklungen ihrer Anwendungen) ähnlich laufenden Trends folgen von der Statik hin zur Dynamik, vom Stationären hin zum Mobilen, vom Zentralen hin zum Dezentralen. Bezüglich der intellektuellen Anstrengungen zum Verständnis der jeweiligen Entwicklungsschritte entspricht dies in der Regel einem Trend vom Gröberen zum Feineren, vom Einheitlicheren zum Differenzierteren, vom Einfacheren zum Komplexeren. Diese Trends scheinen nicht gleichförmig, sondern eher sprungweise abzulaufen, wobei der Übergang von der einen zur anderen Entwicklungsstufe immer erhebliche Auswirkungen auf die technische Nutzbarmachung der entsprechenden Phänomene hatte. So brachte der Übergang von der statischen zur dynamischen Materialbetrachtung den ganzen Reichtum der Kinematik mit sich, der schliesslich an der Wurzel all dessen steht, was wir heute als Apparaturen, Maschinen und Geräte bezeichnen. Ebenso beeinflusst durch diesen Entwicklungssprung war aber auch die Bewusstseinsbildung über unsere Umwelt, man denke etwa an die Keplerschen Gesetze als Ausdruck der Kinematik von Himmelskörpern.
Bei der Energie spielte sich dieser sprunghafte Übergang im wesentlichen zwischen stationär und mobil verfügbarer Energie ab. Die Bedeutung von Watts Dampfmaschine mag dies illustrieren: Technisch erzeugte und nutzbare Energie war schon lange an Wasserläufen verfügbar über Wasserräder zum Antrieb von Mühlen, Schmieden und dergleichen. Die Dampfmaschine aber machte eine Energiequelle (genauer Energieumwandlungsquelle) räumlich mehr oder weniger freizügig verwendbar - mit der augenfälligsten Anwendung in Lokomotiven und Dampfschiffen. Ein uns heute näher liegendes Beispiel ist der fossile Brennstoff als extrem einfach transportierbare Energiequelle mit ihren technischen Hauptanwendungen Raumheizung und Benzinmotor, letzterer Ausgangspunkt der Automobil- und Flugzeugtechnik. Die zivilisatorische Bedeutung daraus erwuchs insofern indirekt, als die inhärente Mobilität dieser Energieträger mittelbar die Mobilität der Bevölkerung ermöglichte. Diese Mobilitätsbeispiele liessen sich, wenn auch etwas weniger anschaulich, leicht auf die leitergebundene Übertragung elektrischer Energie ausdehnen.
Nun stellt sich natürlich die Frage, wie es sich damit bei der Information beziehungsweise Nachricht, dem dritten Element unserer Triade, verhält. Wiederum stellen wir die gleichen inneren Entwicklungsgesetzmässigkeiten oder Entwicklungssprünge fest, nur mit dem Unterschied, dass sie zum Teil eben erst stattgefunden und sich deshalb noch weit weniger in unser Bewusstsein eingeprägt haben. Erstens ist die extrem leichte Transportierbarkeit von Nachrichten seit der Erfindung der elektrischen Kommunikation offensichtlich. Die dazu verwendeten Verfahren der drahtgebundenen und der radioelektrischen Übertragung sind mittlerweile so gut eingeführt, dass sich eine weitere Erläuterung erübrigt, wenngleich auch einzuräumen ist, dass wohl die Resultate, nicht aber die dahinterstehenden Mechanismen der elektrischen Nachrichtenübertragung der Anschauung leicht zugänglich sind.
Diese Mobilitätseigenschaft von Nachricht und Information sollte aber nicht das einzige Merkmal dieses dritten Elements unserer Triade bleiben: Seit erst anderthalb Jahrzehnten hat ein ganz bedeutender weiterer Umschwung stattgefunden mit dem Übergang von der zentralen zur dezentralen Informationsverarbeitung. Waren Computer bis Ende der sechziger Jahre im wesentlichen stationäre Maschinen, so hat sich die Situation mit der 1971 erfolgten Erfindung des Mikroprozessors von Grund auf gewandelt: Der Computer als technische, informationsverarbeitende Einrichtung ist selber (und nicht nur die ihn speisenden oder von ihm gelieferten Informationen) im eigentlichen Sinn mobil geworden, bis hin zu seinem Einsatz in der Armbanduhr als hochmobiles Rechenzentrum am Handgelenk. Im Bereich der Information übernimmt somit der Mikrocomputer diejenige Rolle, die im Bereich der Energie zum Beispiel die fossilen Brennstoffe übernommen haben. Damit sei zweierlei gesagt: Erstens entspricht dieser Entwicklungssprung hin zur Mobilität offenbar einer inneren Logik der technischen Evolution. Zweitens sind davon zivilisatorische Implikationen zu erwarten ähnlich jenen, die mit der technischen Anwendung fossiler Brennstoffe in Motoren zum Antrieb von Fahrzeugen zu beobachten gewesen sind. In bezug auf die technischen Auswertungen und zivilisatorischen Auswirkungen des Mikrocomputers befinden wir uns heute genau in jener Phase eines Entwicklungssprungs, wo sich das dadurch ermöglichte Neue abzeichnet. Es erübrigt sich, die unzähligen Ausprägungen dieser gegenwärtigen Ereignisse im einzelnen aufzuzählen. Jeder von uns ist täglich Zeuge davon, sei es als Käufer oder Benutzer eines mikrocomputergesteuerten Geräts, als fachkundiger Bediener einer mikrocomputerbestückten Werkzeugmaschine oder als kaufmännischer Angestellter vor einem Bildschirmarbeitsplatz. Die Verfeinerung, Differenzierung und Dezentralisierung von technisch gestützter Information beziehungsweise Informationsverarbeitung und -speicherung ist die logische Fortsetzung der viel früher erfolgten Dynamisierung von Materialien oder materiellen Gegenständen aller Art und der Dezentralisierung von Energieträgern aller Art.
Allem Anschein nach kann aber noch eine weitere Aussage gewagt werden: Mit der Information wird nicht nur die Kette Material-Energie fortgesetzt, sondern wahrscheinlich auch abgeschlossen, abgeschlossen zu der Triade Material-Energie-Information. Diese gewichtige Feststellung lässt sich nur schwer belegen aufgrund einer Prognose weiteren technischen Fortschritts, die mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Ihre Begründung findet sie aber in den eingangs gezogenen Analogien zwischen natürlichen und technischen Objekten und der daraus zu folgernden Einsicht, dass die Elemente Material, Energie und Information in ihrer Gesamtheit und in ihrer Wechselwirkung in der Tat logisch abgeschlossene Ganzheiten ergeben.
Es sei abschliessend zu diesen Überlegungen über die Triade Material-Energie-Information noch einmal die Einschränkung erwähnt, dass es den technischen Objekten heutiger Auffassung und Möglichkeiten im Gegensatz zu den natürlichen Objekten grundsätzlich an jenen Informationskonzepten fehlt, die zur Duplizierung der Objekte selber und zu ihrer Arterhaltung notwendig sind.
Diese «Lücke» wird heute, wie ebenfalls bereits erwähnt, durch umgehende Simulation insofern ersetzt, als Objekt- und Artinformationen mittelbar über Zeichnungen, Stücklisten usw. - also über externe Daten und menschliche intellektuelle Fähigkeiten -weitergegeben und erhalten werden. Wie weit sich diese «Lücke», um sie einmal so zu nennen, dereinst ohne Umgehung mittels technischer Einrichtungen und menschlichem Intellekt direkt ausfüllen lässt, bleibt als reine Spekulation dahingestellt. Jedenfalls deutet im heutigen technischen Bemühen wenig bis nichts darauf hin, dass dem in absehbarer Zeit so sein könnte. Wenn allerdings technische Objekte dereinst mit inhärenten Duplikations- und Arterhaltungsmechanismen versehen werden könnten, müsste ein ganz neues Kapitel unserer technischen Zivilisation aufgeschlagen werden. Mit grosser Sicherheit wird dies aber weder ein Thema unserer Generation noch jener unserer Kinder sein, und es ist aus heutiger Sicht fraglich, ob es überhaupt je zum echten Thema ausserhalb der Science-fiction-Literatur werden wird.
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Weiterführende Betrachtungen zur Information
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Die technische Beschäftigung mit der Information
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Der Umgang mit Information - er ist in der Realität immer ein Umgang mit der Nachricht - lässt sich in vier Hauptgebiete aufteilen: Repräsentation, Speicherung, Übertragung und Verarbeitung von Information beehungsweise von Nachrichten. Bei der Repräsentation geht es im wesentlichen um die Auswahl geeigneter physikalischer Methoden, mit denen sich Nachrichten als Träger von Informationen darstellen und festhalten lassen. Dominanz und Überlegenheit der Elektronik haben hier die Weichen gestellt, insbesondere seit der Etablierung der Mikroelektronik ab 1960, die in zahlreichen Schattierungen unangefochtene Spitzentechnologie der Informationstechnik geworden ist. Ob sich wirklich eine Entwicklung hin zu einer Art von «Bioelektronik» abzeichnet, wie man anhand von Laborversuchen mit sogenannten «Biochips» annehmen könnte, bleibt zurzeit Spekulation.
Wichtig ist vorerst, dass sich in den letzten Jahren eine absolut einheitliche Tendenz zu einer ganz bestimmten Darstellungsform von Informationen herausgeschält hat. Gemeint ist die Form der digitalen Darstellung. Es ist hier nicht der Ort, um darzustellen, warum dem so ist und wie die Umwandlung aus und in andere Informationsdarstellungsformen bewerkstelligt wird. Es sei dazu nur abschliessend erwähnt, dass die digitale Informationsform in fast allen Bereichen unschlagbare funktioneile und ökonomische Vorteile aufweist. Als jüngstes Beispiel sei die digitale «Compact Disc» erwähnt, die langsam aber unerbittlich die gute alte, nichtdigitale Schallplatte verdrängt. Für die Informations-speicherung stehen der modernen Informationstechnologie nach vielen Vorläufern, die alle wieder ausgestorben sind, heute im wesentlichen noch drei Techniken zur Verfügung.
Die erste und künftig vielleicht einzige ist wiederum die Mikroelektronik, die zweite die Magnetspeichertechnik mittels mechanisch bewegter Magnetschichten und die dritte schliesslich die optische Speichertechnik (das ist auch die Speichertechnik der «Compact Disc»), ebenfalls auf der Basis bewegter Träger. Der Einsatz dieser drei Techniken richtet sich heute nach funktionellen und ökonomischen Erfordernissen beziehungsweise Optimierungsstrategien mit der eindeutigen Tendenz des stetigen Vormarsches der mikroelektronischen Speichertechnik. Es kann die Prognose gewagt werden, dass künftig mechanisch bewegte Speichermedien ebenso aussterben werden wie andere, ältere Techniken - dieser Prozess wird aber noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Bezüglich der elektrischen Übertragung von Informationen haben wir es heute mit einem konzeptionell weitgehend abgeschlossenen und abgerundeten Bild zu tun, nachdem als letzte Komponenten die Glasfaserübertragung und die Satellitenübertragung zu den älteren Techniken - wie drahtgebundene und radioelektrische terrestrische Übertragungstechnik - dazugekommen sind. Überraschungen grundsätzlicher und qualitativer Natur sind hier nicht mehr zu erwarten, die möglichen Fortschritte liegen im quantitativen Bereich, sie können freilich noch nachhaltige Wirkungen zeitigen. So zum Beispiel durch die Glasfaserverkabelung aller Haushalte als Ersatz für das heutige Kupferdraht-Telefonnetz, womit die kapillare Verteilung und Sammlung grösserer Informationsmengen möglich wird, zum Beispiel für Hausdatenanschlüsse, Fernsehtelefone, elektronische Post und dergleichen.
Es kann also davon ausgegangen werden, dass weder für die Repräsentation noch für die Speicherung, noch für die Übertragung von Informationen grundsätzliche Umwälzungen zu erwarten sind - für die letzte Komponente, nämlich die Verarbeitung von Informationen, trifft dies jedoch noch nicht zu. Das zur Informationsverarbeitung eingesetzte Gerät ist bekanntlich der Computer. Über seine Dezentralisierbarkeit und Mobilmachbarkeit in der Form des Mikrocomputers ist bereits gesprochen worden, ebenso Wesentliches, wenn nicht Wesentlicheres an Umwälzungen dürfte aber noch bevorstehen. Vielleicht etwas voreilig, aber doch nicht ganz unberechtigt spricht man heute von der anbrechenden «zweiten Computerrevolution». Damit ist eine Entwicklung angesprochen, die vom altehrwürdigen Computerkonzept, das auch heute noch weitgehend aus den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts stammt, weg- und weitergeht wird zu neuartigen Konzepten, zu denen beispielsweise das Schlagwort der «fünften Computergeneration» gehört.
Im wesentlichen geht es dabei darum, dass in praktisch allen heute eingesetzten Computern die eigentliche informationsverarbeitende Tätigkeit konzentriert ist auf eine einzige oder auf wenige Stellen, die gewissermassen das «Nadelöhr» jedes Computers bilden, dessen Leistungsfähigkeit allerdings durch unerhörte Geschwindigkeitssteigerung vergrössert worden ist. So kommt man mit derartigen «Nadelöhr-Computern» heute immerhin auf Rechenleistungen in der Grössenordnung von hundert Millionen Fliesskomma-Operationen pro Sekunde. Wenn heute neue Computergenerationen geplant werden, in denen Informationsverarbeitung gleichzeitig und parallel in Hunderten, Tausenden oder Zehntausenden elektronischen Gebilden vorgenommen wird, so ist das damit anvisierte Ziel nur vordergründig dasjenige einer Leistungssteigerung. (Als «Vorbild» sei übrigens unser Gehirn genannt, wo Millionen informationsverarbeitender Zellen gleichzeitig, aber je mit bescheidener Geschwindigkeit, operieren.)
Vielmehr geht es dabei um eine wesentliche Verallgemeinerung des Informationsverarbeitungsprozesses, die sich gegenüber heutigen Verfahren nicht nur und nicht primär in quantitativer Hinsicht unterscheidet, sondern qualitativ neue Züge annimmt. Das - allerdings sehr unglückliche - Stichwort dazu lautet «künstliche Intelligenz», eine Informationsverarbeitungstechnik, die zwar auf altbekannten Computerelementen beruht, sie aber in neuartigen und vor allem hochkomplexen Verknüpfungen verbindet. Obwohl, wie gesagt, der Begriff «künstliche Intelligenz» unglücklich ist (er stammt schon aus den fünfziger Jahren und zudem aus dem Amerikanischen, wo intelligence nicht durchwegs gleichbedeutend ist mit der deutschsprachigen «Intelligenz») und die «künstliche Intelligenz» weder im geringsten die Prothese für eine verlorengegangene menschliche Intelligenz (wie eine «künstliche Niere») noch die echte Nachbildung menschlicher Intelligenz ist, darf man doch anhand bereits eingetretener Erfolge an der Wirksamkeit der neuen Konzepte kaum zweifeln.
So ist es erst mit diesen neuen Methoden möglich geworden, die maschinelle Übersetzung natürlicher Sprachen auf ein einigermassen erträgliches Niveau zu heben, und - um ein weiteres Beispiel zu nennen - erst die Methoden der «künstlichen Intelligenz» scheinen die Bilderkennung möglich zu machen, wie sie nötig ist, um etwa einen Industrieroboter dazuzubringen, selbständig bestimmte Maschinenteile aus einem gemischten Vorrat zu erkennen, zu ergreifen usw. Zudem lassen sich mit den Methoden der «künstlichen Intelligenz» viele Probleme lösen, die ausserhalb rein deterministischer Vorgaben und Lösungswege angesiedelt sind, wo also heuristische, auf Annahmen basierende und statistische Verfahren eingesetzt werden müssen, um einer übergrossen Komplexität einigermassen gerecht zu werden. Eines der augenfälligsten und bekanntesten Beispiele ist etwa das Computerschach.
Damit einhergehen Elemente von Lernfähigkeit und vielleicht auch von bescheidener Kreativität, wie das etwa in einigen erfolgreichen Beispielen der computergestützten mathematischen Beweisführung oder der automatischen Bild- und Tonkomposition zum Ausdruck kommt. Die Sache ist hier in vollem Fluss, und es würde nicht verwundern, wenn in einigen Jahren oder auch Jahrzehnten das, was wir heute als hochmoderne Computer bezeichnen, als bewunderte Nostalgiestücke im Museum landen würden.
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Trend zur Informationszentrierung;
Information als bewusstseinsbildendes Element neuer
Erkenntnisse und Ansichten
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Wer handfeste Indizien zunehmender Informationszentrierung über wirtschaftliches Handeln und gesellschaftliche Vorgänge sucht, findet sie auf Schritt und Tritt. Am wenigsten mögen diese Beobachtungen im Dienstleistungssektor überraschen, wo weite Bereiche seit je ausschliesslich mit Informationen zu tun gehabt haben, ja wo deren Verarbeitung, Speicherung und Weiterleitung immer eigentliche Zweckbestimmung gewesen ist. Die Mechanisierung mit informationstechnologisch gestützten Hilfsmitteln bewirkt hier lediglich eine Akzentuierung und insbesondere die Besinnung auf den eigentlichen Gegenstand des dienstleistenden Handelns, der in vermehrtem Mass mess- und quantifizierbar wird, weil entsprechende Zahlen nun einmal zur Dimensionierung der entsprechenden Hilfsmittel benötigt werden. Arbeitsabläufe und Arbeitsstrukturen werden zwar nachhaltig beeinflusst mit den vielfältigen und bekannten Folgen auf Arbeitsinhalte und Arbeitsplätze, in grundsätzlicher Hinsicht hat sich aber nicht viel verändert.
Interessant dabei ist vor allem der Rollenwandel, den das Geld, genauer sein dadurch repräsentierter Wert, ein weiteres Mal durchläuft. Nachdem die Geldmünze den Tauschhandel abgelöst hat und ihrerseits teilweise durch Notengeld und später durch andere Formen von Papiergeld ersetzt worden ist, erleben wir heute den Übergang zu vollends immateriellen Geldformen, die man etwa «elektronisches Geld» nennt. Dabei handelt es sich um nichts anderes als um den Ersatz von Geld durch Information, die seinen Wert repräsentiert, deren Träger nun computertaugliche Daten sind als Nachfolger früherer Trägerformen, eben der Checks, der Noten und der Münzen. Nimmt man die kürzlich entwickelten, mikrocomputerbestückten Kredit- und Identifikationskarten dazu, zeichnet sich die Tendenz ab, dass «Geld» im herkömmlichen Sinn dem Aussterben entgegengeht. Es ist in der Tat nicht schwierig, sich eine völlig geldlose Wirtschaft vorzustellen, in der sämtliche Guthaben und Verbindlichkeiten informationstechnologisch verbucht werden. Selbst für den täglichen Bedarf an Klein- und Bargeld gibt es bereits den informationstechnologischen Ersatz in der Form des electronic wallet, der elektronischen Brieftasche. So wie das im professionellen Bereich heute schon der Fall ist, wird künftig Geld auch im individuellen Bereich lediglich eine besondere Art von Information sein. Das ist die triviale Form eines allgemeinen Sachverhalts, dass nämlich Information auch «Wert» im herkömmlichen Sinn sein kann.
Der «Wert von Informationen» spiegelt sich aber noch in ganz anderen Bereichen wider, meist nicht als gänzlich neues Phänomen, jedoch akzentuiert und bewusst gemacht anhand informationstechnologischer Gegebenheiten und Realitäten. Dabei spielt die Beziehung zwischen Besitz und Wert mit hinein, womit sich der Horizont öffnet auf das weite Gebiet dessen, was man unter Schutz, Gewährleistung und Integrität von Besitz versteht. In diesem Sinn ist Information nicht nur bewertbar, sondern auch schützenswert und schützbar.
Dies wird heute in ganz verschiedenen Facetten offenbar, so beispielsweise im Schutz von Informationen über Individuen oder Gruppen, zusammengefasst unter dem Stichwort «Datenschutz». Da ein ausformuliertes Rechtswesen in der Regel um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinter den effektiven Gegebenheiten und Zuständen einer Gesellschaft und Wirtschaft hinten nachhinkt, bietet sein Entwicklungsstand ein hervorragendes Indizienmaterial sowohl über die Bewährung wie über die Bedeutung faktischer Tatbestände. Die mühsam voranschreitenden Vorkehren zur Gesetzesnovellierung etwa beim Datenschutz bieten reiches Anschauungsmaterial in dieser Richtung. Denn auch die Gesetzgebung folgt der beschriebenen Entwicklungstriade, soweit sie sich um die Besitzabgrenzung und -Verteidigung von Staat, Gesellschaften und Individuen bemüht: Ursprünglich stand das Material (im weitesten Sinn des Wortes) im Zentrum, quantifiziert und bemessen in Geldeinheiten. Später erwies sich eine Energiegesetzgebung als notwendig, und heute steht man vor der erneuten Notwendigkeit einer Informationsgesetzgebung.
Dieses Thema lässt sich in allen nur denkbaren Varianten durchgehen, zum Beispiel in einer aus der Sicht des Fiskus: Material wird (oder wurde) beim grenzüberschreitenden Transport mit einem Importzoll belegt, in der Schweiz beispielsweise gewichtsabhängig (entsprechend dem früher Gesagten eigentlich masseabhängig).
Dasselbe Schicksal erfährt, allerdings nicht in allen seinen Formen, auch der Energieimport bis hin zu Treibstoffzollzuschlägen zur Finanzierung zweckgebundener infrastruktureller Staatsaufgaben. Es ist dabei eine praktische oder finanzpolitische Entscheidung, ob man einen Gewichts- oder einen Wertzoll in Ansatz bringt. Heute müsste man sich die Frage stellen, inwieweit der Informationsimport allenfalls mit einem Einfuhrzoll zu belegen wäre. Wiederum gibt es zwei mögliche Bemessungsgrundlagen, die eine anhand der importierten Bits, die andere anhand des damit importierten Werts. Wie würde sich aber die Zollabfertigung realisieren lassen, wenn etwa der Informationsfluss auf einer grenzüberschreitenden Datenleitung oder über einen Nachrichtensatelliten fiskalisch zu erfassen wäre? Derartige Überlegungen muten vielleicht eher befremdlich an, dies aber wahrscheinlich nur deshalb, weil unser Bewusstsein, dass Information, in Bit gemessen, einen Wert repräsentiert, noch weit weniger entwickelt ist als das Bewusstsein, dass Material und Energie wertebehaftet sind.
Eher etabliert sind dagegen andere Formen der Informationsbewertung, und zwar jene aus dem Bereich des Urheberrechts. Ein Werk im urheberrechtlichen Sinn hat in der Regel die Form einer textlichen, musikalischen oder bildlichen Nachricht, die folglich wiederum Träger einer Information ist. Das Recht an der Urheberschaft ist damit ein Recht an einer zur Verfügung gestellten beziehungsweise zu vermarktenden Information und wäre als solche zu bemessen. Besonders deutlich wird das an den noch keineswegs umfassend geklärten neueren urheberrechtlichen Formen aus der Informationstechnologie selber, nämlich der Software. Dabei ist dieser Punkt von sehr grosser wirtschaftlicher Bedeutung, weil angenommen wird, dass ein immer grösserer Teil wirtschaftlicher Werte durch die Software repräsentiert wird, die ein Unternehmen erzeugt.
So rechnet man in gewissen Gebieten des Maschinenbaus schon heute damit, dass ungefähr ein Drittel des fakturierten Werts einer Maschine oder einer Anlage auf die damit gelieferte Software entfällt. (Dass dieser Anteil im Computerwesen selber viel grösser ist, versteht sich von selbst.)
In der Industrie ist derzeit der Übergang zur informations-zentrierten Betrachtungsweise in vollem Gang. Ausgelöst worden ist er im wesentlichen durch die CAD/CAM-Technik, also die Technik des computergestützten Entwurfs mit ihrem Anschluss an die computergestützte Fertigung. Bei der Beschäftigung mit diesen modernen Verfahren wird man sich inne, dass praktisch alles, was in einem Entwicklungs-, Fabrikations-, Test- und Verkaufsprozess stattfindet, abgestützt ist auf Informationen, die ursprünglich im Konstruktions- und Verkaufsbüro entstanden sind. Solange die materielle Seite einer Fertigungskaskade bewusstseinsmässig absolut im Vordergrund gestanden hatte, war die in dieser Kaskade mitgelieferte Information sozusagen automatisch mitfliessende Nebensache. Heute beginnen sich die Gewichte zu verschieben hin zu der zentralen Rolle der Information, an deren Fluss gewissermassen die einzelnen Fabrikationsschritte aufgereiht sind.
Das ist aber, anders als man vermuten könnte, weit mehr als der Übergang zu einer veränderten innerbetrieblichen Organisationsform. Weil nämlich Informationen weit leichter und vor allem schneller zu verändern sind, weil ihnen ein weit flüchtigerer Charakter zukommt als den Materialien, offeriert die Informationszentrierung eine weit höhere Flexibilität der ganzen Fertigungsprozesse. Als Ergebnis stellt man eine Differenzierung und Diversifikation von Produktpaletten fest, eine verkürzte Durchlaufzeit, alles in allem eine verstärkte Änderungsbereitschaft gegenüber Kundenwünschen. Man apostrophiert diese Tendenz etwa mit der Bemerkung vom «Übergang der Massenfertigung zur Masskonfektion». Dazu gehört allerdings die Lösung weiterer, sehr anspruchsvoller informationstechnologischer Aufgaben, dies insbesondere bei der Verknüpfung der technischen Informationen aus Konstruktion und Fertigung mit den betrieblichen und kaufmännischen Informationen aus Materialbewirtschaftung, Produktionssteuerung, industriellem Rechnungswesen usw.
Zu diesem Komplex gehört weiterhin der Ersatz einfacher durch komplexe, hochflexible Fertigungsautomaten oder auch durch Industrieroboter, die ihrerseits hohe Anforderungen an die Beherrschung informationstechnologischer Prozesse stellen. Dieser Prozess der Informationszentrierung ist derzeit in vielen Industriebetrieben in vollem Gang; das aktuelle Schlagwort dazu heisst «CIM» für computer-integrated manufac-turing. Wie man weiss, gibt es Industriebereiche - so vor allem die Automobilindustrie -, die sich aus ihrer Stagnation gerade dadurch erholt haben, dass sie neue Fertigungsstrassen konsequent informationszentriert aufgebaut haben.
Daneben findet der Übergang ins Informationszeitalter auch in Wirtschaftsbereichen statt, von denen dies der Laie zuletzt annehmen würde. Dazu gehört, neben immer neuen Gewerbebranchen, auch die Landwirtschaft, wo man schon seit langem Futter- und Düngemittelbewirtschaftung und dergleichen computergestützt vorbereitet.
Seit einigen Jahren ist aber eine konzeptionell viel weitergehende Informatisierung von Landwirtschaftsbetrieben im Gang, etwa im Bereich der Viehhaltung. Kühe werden in Freilaufställen gehalten, sie gehen bei Bedarf an die Futterstelle, werden dort mittels in die Halsbänder eingelassener, elektronisch lesbarer Merkmale identifiziert und erhalten die ihnen zuträgliche Futtermischung in geeigneter Menge, abgestimmt auf Gewicht, Milchleistung, Gesundheitszustand usw.
Dass die Milchmenge beim mechanisierten Melkprozess bereits automatisch in den Stallcomputer eingespeichert worden ist, versteht sich von selbst. Dank Freilaufmöglichkeit und individueller Fütterung bleiben die Kühe bei besserer Laune und Gesundheit, der Stall lässt sich leichter reinigen, der Stallcomputer besorgt gleichzeitig die Betriebsbuchhaltung. Auch hier sind die Ansätze einer zunehmenden Informationszentrierung unübersehbar, wie das quer durch das ganze Wirtschaftsspektrum hindurch der Fall ist. Natürlich werden die informationstechnologischen Hilfsmittel eingesetzt zur Effizienzsteigerung, zur Optimierung. Gleichzeitig, so ist zu vermuten, entwickelt sich aber unter den Trägern der verschiedenen Wirtschaftsbereiche und -tätigkeiten allmählich ein Bewusstsein über die Information als wirtschaftsrelevantes Gut, so wie dies bei Material und Energie schon früher der Fall war.
Dabei wird eines deutlich: Information ersetzt den Stahl in der Automobilfabrikation sowenig, wie sie die Kuh im Landwirtschaftsbetrieb ersetzt. Information ist überhaupt nur in sehr seltenen Fällen ein Ersatz für irgend etwas, sondern sie ist in den allermeisten Fällen ein zusätzliches Element. Genau genommen stimmt nicht einmal dies, denn Information war natürlich schon immer mit jedem Handeln, auch mit jedem wirtschaftlichen Handeln, eng verknüpft. Das wesentliche Merkmal des Eintritts in das Informationszeitalter liegt jedoch darin, dass man sich erstens dieser Information bewusst wird und dass man zweitens lernt, mit ihr umzugehen und für diesen Umgang die geeigneten informationstechnologischen Hilfsmittel einzusetzen.
Damit sei auch gleich der falschen, oft kolportierten Annahme entgegengetreten, im Ausbildungswesen hätten mit dem Einzug in das Informationszeitalter die herkömmlich geschulten Fähigkeiten ausgedient, und es gelte nun, gewissermassen ganze Generationen zu Informationsspezialisten zu machen. Zwar braucht es Informationsspezialisten, so wie es für Materialfragen Metallurgen und für Energiefragen Energiefachleute braucht. Der weitaus grösste Teil wirtschaftlicher Tätigkeit besteht aber sowenig im isolierten Umgang mit Information wie im isolierten Umgang mit Material oder Energie. Das Wesentliche jeder Ausbildung, die auf eine erfüllte Tätigkeit im Wirtschaftsleben ausgerichtet ist, bleibt das vernünftige Gleichgewicht verschiedener Fähigkeiten, wozu nun eben -und lediglich das ist das Neue - Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit technischer Information gehören. Die modernen informationstechnologischen Hilfsmittel machen natürlich die Beherrschung einiger Fähigkeiten, die früher sehr wichtig gewesen waren, unbedeutender, in seltenen Fällen unnötig.
Das trifft zum Beispiel, um einen Schulgegenstand zu erwähnen, auf das Quadratwurzelziehen zu, dessen stundenlanges Einüben seit der breiten Verfügbarkeit von Taschenrechnern wirklich sinnlos geworden ist. Das absolut fehlerfreie Tippen eines Briefs ist im Zeitalter der Textautomaten, auf denen sich so leicht und einfach korrigieren lässt, vielleicht heute nicht mehr so wichtig wie zu einer Zeit, als dies für den Umgang mit der Schreibmaschine im kaufmännischen Unterricht endlos gedrillt werden musste. Aber auch ein moderner Textautomat verbessert den Stil einer selbstverfassten Korrespondenz sowenig, wie ihn die Schreibmaschine gegenüber dem Federkiel verbessert hat. Ja man wird, da nun das Formale und das Technische so weit erleichtert und die entsprechende Perfektion selbstverständlich geworden sind, vermehrt Gewicht auf die inhaltlichen Qualitäten, also etwa auf den Korrespondenzstil, legen.
Dieser Effekt sei noch anhand eines ganz anderen Beispiels aus der gegenwärtigen Ausbildungspraxis illustriert: Die Carnegie-Mellon University in den Vereinigten Staaten (sicher liessen sich auch näherliegende Beispiele finden) führt eine bekannte Musikfakultät, unter anderem mit einer Komponistenklasse. Informatiker dieser Universität konstruierten nun einen leistungsfähigen Musikcomputer, der in der Lage ist, komplizierte Partituren für Instrumentalorchester synthetisch zu reproduzieren. Jeder Kompositionsstudent hat im Laufe seines Studiums zahlreiche Kompositionsübungen auszuarbeiten, die er mit einfach zu handhabenden Programmierungshilfsmitteln auf dem Musikcomputer abspielen, korrigieren und mit seinem Professor diskutieren kann. Natürlich ist dieser Musikcomputer kein vollwertiger Ersatz für ein echtes Orchester, aber der Effekt dieser Ausbildungsmethode liegt im folgenden: Selbst die reiche Carnegie-Mellon University kann es sich pro Semester nur einmal leisten, ein vollständiges Orchester zu engagieren. Bisher waren diese zweijährlichen Orchesterauftritte die einzigen Möglichkeiten für die Studenten, ihre Kompositionen gespielt zu hören - nach der Korrektur von Kompositionsfehlern war das Orchester jeweilen wieder weg. Dank dem Musikcomputer können nun fast beliebig viele Fehler-Korrektur-Zyklen durchlaufen werden, bis dann die Komposition am Semester Ende soweit ist, dass sie abschliessend durch das echte Orchester interpretiert werden kann. Nach Aussage der Musikprofessoren besteht das Ergebnis dieser Ausbildungsmethode in einer ganz wesentlichen Qualitätsverbesserung der angehenden Komponisten und ihrer Werke, aber auch die wirklichen Begabungen werden rascher erkannt und gefördert. Damit soll folgendes gezeigt werden, was wahrscheinlich typisch für den Einstieg in das Informationszeitalter ist: Es ist äusserlich gekennzeichnet durch das Auftreten und durch die Verfügbarkeit vielfältiger informationstechnologischer Hilfsmittel. Einer Komposition würde man sicher nicht gerecht, wenn man sie im informationstheoretischen Sinn bloss als Nachricht, also als Träger einer Information, auffassen und in Bit messen würde.
Aber - und das soll der Kern der Aussage sein - auch eine Komposition setzt vorerst die Beherrschung handwerklicher Fähigkeiten voraus, die erprobt, geübt und beherrscht sein wollen, wenn das eigentlich Zentrale der Komposition, nämlich deren kreativer Gehalt, überhaupt zum Ausdruck und zum Tragen kommen soll. Die Informationstechnologie macht sich keineswegs anheischig, Komponisten zu ersetzen und wertvolle Kompositionen automatisch zu generieren. Aber sie kann jene Hilfsmittel bereitstellen, die die eher mechanischen, repetitiven, vielleicht auch ermüdenden Arbeits- oder Trainingsschritte erleichtern helfen, was sich erstens zeitsparend und zweitens fertigkeitssteigernd auswirkt - mit dem Ergebnis, dass mehr Zeit für das Wesentliche, das Zentrale, das Kreative übrigbleibt und dass ganz generell Perfektion und Qualität im Inhaltlichen und Formalen gesteigert werden können.
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Es mag verständlich sein, wenn zurzeit von manchen Zeitgenossen der Eintritt in das Informationszeitalter mehr oder ausschliesslich unter dem Aspekt betrachtet wird, dass die damit einhergehende Rationalisierungswelle die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert oder dass zum Beispiel liebgewordene berufliche Gewohnheiten verloren gehen. Aber das ist, bei aller subjektiven Berechtigung, nur ein ganz schmaler, begrenzter und befristeter Ausschnitt aus einer weiterreichenden Veränderung, die sich derzeit in unserer technisch gestützten Zivilisation abspielt. Es geht um mehr: Es geht darum, die Triade Material-Energie-Information ihrer logischen Vervollständigung und Abrundung entgegenzuführen. Es gehört zum -je nach persönlichem Standpunkt erfreulichen oder beschwerlichen - Schicksal unserer Generation, mitten in diesem Prozess zu stecken, der, wenn nicht alles täuscht, ein vorläufig letztes, vehementes Aufbäumen der technologischen Entwicklung sein könnte. Wir müssen einräumen, dass wir derzeit weder über den Scharfblick noch über den Weitblick, noch über die Phantasie verfügen, um die nächsten Jahrzehnte des Informationszeitalters genau prognostizieren zu können. Die Gewissheit seiner Existenz und die ungefähre Kenntnis über seine Entwicklungsrichtung müssen uns derzeit genügen. Das heisst, dass uns heute noch eine Kluft vom Einlauf ins vollendete Informationszeitalter trennt. Machen wir uns daran, sie zu überwinden - es wird sich lohnen.
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