Von der «Vernunft» als Experiment der Natur zur Hochtechnologie
      von Hannes Keller




Kapitel dieser Seite:

Anmerkung: Für die Buchausgabe habe ich meine Einführungsrede und meinen Vortrag neu redigiert und zusammengefasst.
In diesem Vortrag möchte ich über die evolutionäre Situation des vernunftbegabten Menschen und der Menschheit sprechen. Daraus folgen Überlegungen über die Frage der Zukunft.

Zuerst gebe ich einen Überblick über den ersten Teil:

Über die evolutionäre Situation der Vernunft


Inhalt dieses Kapitels:

Über die evolutionäre Situation der Vernunft
  • Mit den Unzulänglichkeiten des Denkens leben
    Je weiter die Emanzipation unseres Wissens fortschreitet, desto eher können wir Menschen es uns leisten, auf die Illusion «ewig sicherer Wahrheit» zugunsten von verbesserbarem «Vermutungswissen» zu verzichten.
  • So leben, als ob die Zukunft offen wäre
    Zukunftsprognosen scheitern einerseits an den Unsicherheiten des «Vermutungswissens», anderseits ist die Zukunft mutmasslich ihrem Wesen nach «offen». Die vernünftigste Haltung für den Menschen ist es jedenfalls, so zu leben, als ob das Schicksal der Welt vom Verhalten von uns Menschen abhängig wäre und als ob wir demzufolge die volle Verantwortung trügen.
  • Ist Vielfalt das Schicksal der Menschheit?
    Wir haben kein sicheres Wissen; demzufolge ist eine Vielfalt der Meinungen einerseits unausweichlich, anderseits auch wünschbar gegenüber den unabsehbaren Risiken eines «gemeinsamen Irrtums». Das einzige Zukunftsanliegen, das allen Menschen gemeinsam ist, ist die Sicherung des Überlebens. Darüber hinaus jedoch besteht eine unendliche Vielfalt von Plänen und Erwartungen, entsprechend den vielfältigen Gruppen-zugehörigkeiten und Loyalitäten der Menschen. «Alle und niemand» sind zuständig für die Interessen der gefährdeten Welt als Ganzem. Ich glaube, dass die Vielfalt der Menschheit zum Wesen der Menschen gehört. Deshalb glaube ich nicht, dass man erwarten kann, die Menschen handelten jemals global gemeinsam «einsichtig und vernünftig». Die Lösung der grossen, gefährlichen und äusserst dringlichen Probleme der Menschheit wäre demzufolge von regionalen Initiativen zu erwarten. Die strukturelle Vielfalt ist resistent gegen Konstruktion, zum Glück aber auch gegen Destruktion. Sie bietet regionale Erfahrungen, Experimente, Sensibilisierungen. Sie bietet die Mühsal der vielen kleinen Schritte.
Mit den Unzulänglichkeiten des Denkens leben
Ich möchte mit einem Paradoxon beginnen:
  • Nichts ist wichtiger als die Liebe zur Wahrheit.
  • Es ist nicht sehr wichtig, wie wahr die Aussagen meines Vortrages sind. Dafür habe ich fünf Gründe vorzubringen:
  • Der Inhalt meines Vortrages ist nicht das, was ich sage, sondern das, was Sie sich dazu denken.
  • Die intellektuelle Redlichkeit verlangt, dass der Redner gerade seinem eigenen Gedankengut mit dem allergrössten Misstrauen gegenüber steht.
  • Sie sind kompliziert, ich bin kompliziert, die Welt, von der die Rede ist, ist kompliziert; die Präzision der angewandten Sprache hat ihre Grenzen. Die Wahrheit der Aussagen und deren Verständlichkeit beziehungsweise deren Handhabbarkeit durch die begrenzte menschliche Vernunft stehen in Konflikt. Es nutzt nichts, sich auf einen Stuhl zu stellen, um der Sonne näher zu sein. Statt Erkenntnis durch grosse Komplizierung zu verbessern, sollte man zu menschengemässer Verständlichkeit vereinfachen. Dieses Problem der «strukturellen Unvollständigkeit» von Aussagen wird bei der «Simulation der Wirklichkeit» mit Computermodellen mit radikal neuen Methoden angegangen.
  • Redlichkeit besteht darin, dass man sein Denken an der Wahrheit der konkreten täglichen Erfahrung orientiert. Das steht unweigerlich in Konflikt mit der Wahrheit der grossen Ideen und konsequenten Konzepte. Gemäss meiner Lebenserfahrung kann man nicht gleichzeitig redlich und konsequent sein. Die Wahrheiten im Kleinen und die Wahrheiten im Grossen widersprechen sich. Die katholische Kirche zum Beispiel fordert Konsequenz (weil sie sich im Besitz göttlicher Wahrheit glaubt) und opfert dabei nach meiner Meinung die Redlichkeit. Ich tue das Umgekehrte und lebe mit einem Gedankengut, das löchrig, zähflüssig und widersprüchlich ist. Die modernen Medien widerspiegeln diese tägliche Neuorientierung der Welterfahrung unter Inkaufnahme der erwähnten Mängel.
  • Nach Karl Popper liegt der Wahrheits- oder Informationsgehalt einer Aussage nicht in ihrem Inhalt, sondern in der Menge aller falsifizierten Aussagen. Wenn E=mc2 ist, dann besteht noch eine Unsicherheit bezüglich der absoluten Präzision bzw. der Vollständigkeit, Sicherheit jedoch darüber, dass E = mc3 unrichtig ist. Ich glaube, dass Aussagen aber nicht allein nach ihrem Informationsgehalt bewertet werden sollten, sondern nach drei Parametern: Gehalt, formale Prägnanz (Mitteilbarkeit, Verständlichkeit) und Relevanz (Aktualität). In der Kunst wird besonders deutlich, wie alle drei Parameter untrennbar zusammengehören, eine photographische Informationsfülle kann bei mangelnder formaler Prägnanz leicht zur Irrelevanz verkommen. Bert Brecht hat das alles in seiner unnachahmlichen Art im folgenden Satz zum Ausdruck gebracht: «Erst kommt das Fressen, dann die Moral.» Der Satz informiert über einen wichtigen Sachverhalt, nämlich just die Wichtigkeit der Relevanz, und befleissigt sich maximaler Prägnanz. Die Frage beunruhigt mich, ob die Wahrheiten des westlichen Denkens vielleicht nur regionale Bedeutung haben und gegenüber den Problemen in der Dritten Welt irrelevant sind.
    Das alles möchte ich noch anders formulieren: Kant zeigte, dass der Mensch nur denken kann auf der Grundlage von Erfahrungen einerseits und Postulaten a priori der reinen Vernunft (Raum, Zeit, Kausalität) anderseits. Die Postulate sind eben gerade nicht erfahrbar, sondern «ewige Vorgaben» die wir uns vorstellen, so gut es halt geht. Ich möchte hinzufügen, dass kein Mensch denken kann ohne ein ganzes Arsenal von persönlichen Vorurteilen aller Art. Einige Vorurteile sind offenkundig, andere sind so tief im Unterbewusstsein, ja im Genom verborgen, dass sie allenfalls von einer erstklassigen, lebenslangen Psychoanalyse zu Tage gefördert werden könnten. Unter Vorurteilen verstehe ich «ungeprüfte Annahmen beziehungsweise Denkkonzepte». Schockierend formuliert: Ich bin davon überzeugt, dass es keinen Menschen gibt, der nicht - neben vielen ausgezeichneten Einsichten - auch einem ganzen Haufen dummem Zeug aufsitzt. Im Gegensatz zur überlieferten Meinung halte ich es für illusorisch und zugleich falsch, seine persönlichen Vorurteile global zu verteufeln. Angemessen sind vielmehr die Einsicht in den privaten Charakter der persönlichen Eigenart und der Wille zu zwei nur scheinbar gegensätzlichen Haltungen: Kritik und Toleranz. Das Ganze wird zudem dadurch erschwert, dass jedermann einen Kompromiss machen muss zwischen eigenem Denken und dem Übernehmen fremder Gedanken. Toleranz muss sich demzufolge contre coeur auch auf «nicht Verstandenes» erstrecken.
    Mir selbst bringt es einen gewissen Seelenfrieden, mir soeben das Geniessen meiner eigenen Vorurteile zugestanden zu haben. Walther Zimmerli hat meine Entdeckerfreude gedämpft durch den Hinweis, dass Hans-Georg Gadamer, grand old man der deutschen Philosophie, das alles schon 1960 gesagt hat in: «Wahrheit und Methode - Rehabilitierung des Vorurteils».
Der «kybernetische Wahrheitsbegriff»

Die Wahrheiten der Natur bestehen in genetischen Informationen, die über Jahrmillionen hinweg Gültigkeit besitzen. In den alten Hochkulturen galten durch religiöses Wissen untermauerte «ewige Wahrheiten». Dann folgten die immer wieder verbesserbaren Wahrheiten der Naturwissenschaften mit einer immer kürzer werdenden Lebensdauer zunächst von Jahrhunderten, schliesslich von Jahrzehnten. Der Unterschied zwischen Tieren und Menschen besteht darin - ich zitiere Karl Popper -, dass eine Amöbe die Möglichkeiten des Lebens mit genetischer Veränderung erprobt und am Irrtum stirbt, während der Mensch an seiner Stelle irrtümliche Ideen sterben lassen kann. Und jetzt kann sogar jedermann Entwicklungen als Modell mit dem Computer simulieren.
Das absolut Wichtigste an der Computertechnik ist die unbegrenzte, «unmenschlich» schnell voranstürmende Verbesserbarkeit (alle zwei Jahre mal zwei!) der Qualität (Methodik), der Komplexität (praktisch verknüpfbare Datenmengen) und der Arbeitsgeschwindigkeit (Instruktionen pro Sekunde). Man kann folgende Aussage machen: Falls die Lösung eines Problems eine Sache der Komplexität ist, kommt unweigerlich der Tag, an dem es mit dem Computer bewältigt wird (Exotisches wie der Laplace-Dämon ausgenommen). Das gilt für Arbeitsroboter, das Schachspielen, ökonomische Weltmodelle, das Autofahren samt Analyse der von einer Computerkamera auf dem Fahrersitz «gesehenen» Situation usw. Die bisherige Wissenschaft war durch komplizierte Apparate gekennzeichnet, die dazu dienen, dynamische Abläufe darzustellen. Das wird ersetzt durch die sowohl statische als auch dynamische «Computersimulation der Wirklichkeit» in unbeschränkt verbesserbarer Komplexität. In der Chemie zum Beispiel tappte man bisher ziemlich im dunkeln: welcher Chemiker wäre durch Nachdenken auf die Idee gekommen, das essbare Kochsalz durch Zusammenfügen des grünen Giftgases Chlor und des im Wasser brennenden Metalls Natrium herzustellen? Im Computer kann man heute bereits die gewünschten Eigenschaften einer neuen Substanz eintippen, und nach Milliarden Rechenvorgängen den Molekülaufbau mitsamt dem Herstellungsverfahren als Antwort bekommen.
Hiermit möchte ich vorschlagen, Tarskis naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriff - «Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit einem Sachverhalt» - durch etwas zu ergänzen, was ich gerne als «kybernetischen Wahrheitsbegriff» bezeichnen möchte: «Wahrheit ist die hinreichend prägnante und aktuelle Übereinstimmung einer Beschreibung mit dem Alltag.» Ich möchte das scharf abgrenzen von Hegels Auffassung der Wahrheit als der Gesetzlichkeit eines (dialektischen) Prozesses.
Typische Computerprogramme beginnen mit etwas, das zwar irgendwie «falsch», dafür aber gut erprobbar ist. Dann verbessert man solange, bis die Resultate befriedigen, und nicht, bis sie perfekt sind. Oft ist die Testbarkeit viel wichtiger als die Qualität der Resultate! Verbessert wird, sobald es nötig ist. Die «am Alltag erprobte hinreichende Wegwerf-Un-Wahrheit» ersetzt die theoriebeladene «ewige Wahrheit». Ein Beispiel: In der Baustatik rechnet man mit «finiten Elementen». Statt mit einer komplizierten Formel das «wahre Verhalten» eines Trägers zu «verstehen», errechnet man mit Tausenden von Einzelformeln die gegenseitige Beeinflussung von kleinen Raumelementen. Die Anschaulichkeit und der didaktische Wert der Formel gehen verloren. Oder: Die wirkliche Flugbahn eines Geschosses errechnet man nicht mehr mit der (wie auch immer perfektionierten) schönen Formel der Wurfparabel, sondern mit einem garstig anzusehenden Programm, das meterweise den Wurf samt Wind und Wetter in jeder Höhe nachvollzieht.
Andre Gorz (einer der wenigen, die das Wesen des Mikrocomputers begriffen haben) sagt, dass den bisherigen «verriegelnden» Technologien die «offene» Mikroelektronik gegenüberstehe, welche auf zukünftige Entwicklungen weder gebietend noch verbietend wirke. Mathematik und Management bewegen sich mittlerweile durchaus gelassen «im Chaos». Ein Zentrum der neueren Mathematik ist Thoms «Katastrophentheorie». Weiter gibt es «fuzzy mathematics», Mandelbaums «Fractals-Grafik», welche überraschenderweise die Computersynthese von hyperrealer Fotografik ermöglicht, Sapersteins Chaos-Analyse (Chaos = Verlust an Voraussagbarkeit der Details) usw. John Akers, Chairman von IBM, konnte, ohne einen Kurssturz befürchten zu müssen, öffentlich sagen: «Das Wort Veränderung ist eine zahme Beschreibung für das heutige Marktgeschehen, Chaos ist das präzise Wort.» Chaos ist manageable.
Die Abkehr von «ewigen Wahrheiten» zum täglichen Denken des einzelnen in persönlicher Verantwortlichkeit bedeutet den Verzicht auf die als Illusion entlarvten Sicherheiten. Bevor ich zum nächsten Abschnitt übergehe, möchte ich auf die unmittelbaren Folgen der Diskussion des Wahrheitsbegriffes für die Ethik hinweisen. Sie wird vor eine schwere Wahl gestellt: Pflichtethik, Gesinnungsethik, Barmherzigkeitsethik, Verantwortungsethik oder Reparaturethik?

So leben, als wäre die Zukunft offen
Über Determinismus, Optimismus, Pessimismus und Utopismus

Wir haben hoffentlich erhebliche Zweifel daran geweckt, dass unsere Vernunft hinreichen würde, die Komplexität wirklicher Prognostik zu begreifen. Nun möchte ich den Zweifel daran schüren, ob überhaupt irgendwelche Zukunftsereignisse (mit Ausnahme furchtbar grober kosmischer Geschehnisse) vorausbestimmt sind.
Was hat Goethe dazu gesagt? «War' nicht das Auge sonnenhaft, wie könnt' die Sonne es erblicken?»
Die Organe der Lebewesen sind «prognostische Erwartung an und für sich». Zudem wissen wir Dinge wie zum Beispiel, dass in fünf Milliarden Jahren in unserem Sonnensystem alles Leben ausgelöscht sein wird.
Die Welt und die Lebewesen stehen in einer Wechselbeziehung. Jedes Leben stellt sich auf die Umwelt ein, ist aber «von Natur aus» darauf ausgerichtet, aktiv mindestens sein persönliches Schicksal zu beeinflussen. Für «die Natur» ist es fraglos wahr, dass jedes Individuum wenigstens ein Stück weit Herr seines Schicksals ist.
Bereits unsere Sinnesorgane sind nicht passive Empfänger, sondern eher «Scanner», unser Gehirn tastet die Umwelt intelligent ab. Ein Blick auf diese Buchseite beweist es. Wenn die Augen im Hirn eine Art Foto produzieren würden, dann könnten Sie die Augen schliessen und sagen, welche Worte zum Beispiel rechts unten stehen. Das geht natürlich nicht, das Auge hat den Bildinhalt der Seite nicht erfasst; es kann das gar nicht. Das Hirn kann mit dem Auge nur, einer Absicht folgend, aktiv ganz gezielt kleine Sektoren «absuchen».
Jedes Wesen lebt mit zwei verschiedenen Erwartungen: «teilweise feste Zukunft» und «teilweise formbare Zukunft».
Der Zweck des denkenden Grosshirns ist die Analyse möglicher zukünftiger Situationen und die Festlegung optimalen Handelns. Beispiel: Strategien der Familienplanung auf Jahre hinaus. Es ist ein Denken in Kausalitäten: «wenn dies - dann das», gleichgültig, ob man etwas anknipst oder etwas beschwört. Zahlreiche Dinge sind durch äussere Gegebenheiten offenbar mehr oder minder präzis vorausbestimmt. Vorauswissen hat eine ungeheure Attraktivität. Es bedeutet Macht und Geld usw. Unser Dasein ist durchwoben von unbewusstem Scheinwissen über geheime Gesetzmässigkeiten, welche angeblich die Zukunft bestimmen. Immer wieder ensteht der Eindruck, in der Natur seien verborgene «Absichten» erkennbar. Riedl publizierte gar unter dem Titel: «Die Strategie der Genesis». Ein antikes Beispiel: Piaton erklärte die Liebe damit, dass die Menschen vierbeinige Zwitter seien, die Zeus halbiert habe. Die Hälften suchten sich wieder zu finden. Im Christentum kam die Vorstellung auf, dass Gott vorbestimmte Paare zusammenführe. Für jede und jeden gäbe es nur einen einzigen richtigen Partner (selbstverständlich des andern Geschlechts). Diese würden sich also keineswegs zufällig treffen. Wenn man dies glaubt, hat man zwei Denkmöglichkeiten: einen beobachtenden und gelegentlich, zum Beispiel nach Bittgebeten eingreifenden Gott - oder eine Vorbestimmtheit sämtlicher Ereignisse. Konsequenterweise wären Scheidungen und Homosexualität gottlos.
Märchen handeln oft von präzise vorausbestimmten, unausweichlich eintretenden Ereignissen (Dornröschen). Wahrscheinlich kennt man in fast allen Kulturen die Frage, wie weit die Vorausbestimmtheit insbesondere des Schicksals der Menschen wohl reicht. Im abendländischen Denken jedoch wurde sie zu zentraler Bedeutung hochgespielt. Im folgenden möchte ich die grundsätzliche Unverträglichkeit unserer naturwissenschaftlichen Weltschau mit irgendeinem Glauben an Vorausbestimmtheit kurz begründen.

Das Weltbild nach Newton

Das klassische naturwissenschaftliche Denken kämpfte mit zwei Unvorstellbarkeiten: dem unendlich Grossen und dem unendlich Kleinen, insbesondere dem mathematisch Präzisen. Ich mutmasse, dass diese Begrifflichkeiten ausschliesslich im abendländischen Denken existieren.
Die moderne Naturwissenschaft begann mit Newtons Gesetzen über Gravitation und die Bewegung materieller Körper in Raum und Zeit. Dazu erfand er die Infinitesimalrechnung, die «Mathematik des beliebig Krummlinigen in beliebiger Annäherung an unbegrenzte Präzision». Mit Newtons Trick der «beliebigen Annäherung» wurde das Unendliche greifbar. Daran hat sich auch im Computerzeitalter nichts geändert. Die anschauliche Vorstellung eines nach innen und aussen unendlichen, rechtwinkligen dreidimensionalen Universums (euklidische Geometrie) zementierte die Zuversicht des welterobernden Menschen.
Der unglaubliche Erfolg Newtons führte zu einem folgenschweren Trugschluss. Man glaubte, dass die Wahrheit der Physik so weit reiche wie die der Mathematik, nämlich ins Unendliche. Man müsse nur jeweils «die richtige Formel finden», um sich in den Besitz absoluter Wahrheit setzen zu können. Die Infinitesimalrechnung suggerierte unendliche Präzision.
Daraus erwuchs die Idee des radikalen Determinismus, dass alles den unendlich präzisen Naturgesetzen folge. Zufall und freier Wille seien Illusionen der menschlichen Ignoranz. Wenn man nur alles ganz genau wüsste, dann könnte man alle Ereignisse der Zukunft vorausberechnen. Das Weltgeschehen gleiche dem Abschnurren einer Uhr. Nicht zufällig war der Mathematiker Laplace, der das so formulierte, ein grosser Pionier der Infinitesimalrechnung. Und nicht zufällig nennt man diese mathematische Methode «die Analysis». Immanuel Kant warnte: Raum, Zeit und Kausalität (Unterscheidung der notwendigen und der hinreichenden Gründe aller Ereignisse) seien nicht Erfahrungen unserer Sinne, sondern vom Hirn erstellte Hilfskonstruktionen, Postulate der reinen Vernunft. Die anschaulichen Erfolge vor Augen, schlug man diese Warnung in den Wind.
Wie jedermann, so konnte auch Hegel sich das Weltall nicht anders denn als mathematisch unendlichen Raum vorstellen. Er sah die Schwierigkeit, sich einen unendlichen Gott zu denken, der seine eigene Unendlichkeit begreift. Deshalb dachte er sich einen Weltgeist, der zwar alles umfasst, der sich aber im Rahmen unserer Zeitrechnung verwirklicht und selbstbewusst wird. Weil der Weltgeist die Realisation «eines konsequenten, in sich selbst sinnvollen Konzeptes» sei, müsse er erforschbaren Ge-setzmässigkeiten folgen. Die Leichtfertigkeit dieser Spekulationen zeigt sich darin, dass sie just das, was «man sich anders gar nicht vorstellen kann», auch für wahr nimmt. Wobei das Konzept, dass auch das Denken von Herrn Hegel ein Teil des sich selbst denkenden Weltgeistes sei, sich hinten herum die eigene Richtigkeit bestätigt. Aus Denknotwendigkeiten und Formalismen (je formaler je besser - bis und mit Heidegger) liess sich ein unglaublich kompliziertes - ich empfinde es als ein abstruses, überhaupt nicht überprüfbares - philosophisches Gebäude errichten.
Nun glaubte man, die Gesetze der historischen Entwicklung erkannt zu haben. Der Mensch, so die Evolutionstheoretiker des angehenden 19. Jahrhunderts, könne dem vorbestimmten Schicksal nicht entgehen, deshalb solle er sich ohne Murren in die gegebenen Strukturen (bei Hegel war es das preussische Staatswesen) einfügen.

Der Einstein-Schock

Das ganze Gedankengebäude krachte mit Einsteins Relativitätstheorien zusammen. Wie Kant vorausgesagt hatte, erwies sich die anschauliche Vorstellung von Raum und Zeit als Fiktion. Der Weltraum ist offenbar in sich selbst gekrümmt, zwar ohne Grenzlinien, jedoch nicht unendlich gross. Und vielleicht gibt es auch das unendlich Kleine, absolut Präzise nicht. Gerade das, was man bisher für den harten Wahrheitskern der Naturwissenschaften gehalten hatte, erwies sich als unhaltbar. Die «Doppelnatur» der Lichts (gleichzeitig Welle als auch Partikel), die Quantentheorie, die Heisenberg-Unscharfe und das völlig rätselhafte Pauli-Prinzip zertrümmerten jeden Rest von Anschaulichkeit. Man kann nun zwar noch rechnen, aber nicht mehr «verstehen». Die Struktur der Wirklichkeit - so lehrte nun die theoretische Physik - ist völlig abstrakt. Kurz darauf brachte Gödel die Grundlagen der Mathematik zum Einsturz. Und wenn schon Newton verbesserbar ist, dann kann man auch nicht wissen, ob sich nicht auch Einstein ebenfalls als verbesserbar erweisen wird… und so weiter.
Der mit Einstein verbundene ungeheure intellektuelle Schock wurde von Karl Popper philosophisch verarbeitet. Schon Xenophanes hatte sich gegen die von Homer behauptete Kenntnis der Götterintrigen gewandt, welche angeblich vom Olymp aus die Weltgeschehnisse lenkten. Er sagte: «Ich weiss, dass ich nichts weiss - alles Wissen ist Vermutungswissen.» Dieser Satz wurde das zentrale Bekenntnis der liberalen Denker von Sokrates über Voltaire und Lessing bis Karl Popper. Natürlich wurde es immer als Zumutung empfunden, mystisch sicheres Wissen gegen wissenschaftliches Vermutungswissen einzutauschen. Die liberalen Denker verweisen auf die Erfahrung als einzig gültigen Prüfstein des Vermutungswissens. Man bezeichnet dieses Denken als Positivismus.
Kant hatte drei Postulate der reinen Vernunft genannt (an sich ewig, unsere Vorstellungen davon jedoch per definitionem unzulänglich): Raum, Zeit und Kausalität. Nach dem durch Karl Popper intellektuell verarbeiteten Einstein-Schock mit dem Verlust der Anschaulichkeit von Raum und Zeit sind wir nun mitten im Kybernetik-Schock mit dem Verlust der anschaulichen Kausalität, am populärsten zurzeit von Fritjof Capra in «Die Wendezeit» geschildert. Dieser neue Schock ist intellektuell keineswegs verarbeitet.
Wir werden gewahr, dass Aussagen wie «Dieser eine plus jene zwanzig Gründe haben meine Berufswahl verursacht» meistens unstimmig sind. Statt dessen gilt beispielsweise: «…habe ich etwas gemacht, und es hat mir gefallen». Also in Umkehrung von Wirkung und Ursache: «Zuerst habe ich den Beruf ausgeübt, dann habe ich ihn gewählt.» Meistens besteht ein Regelkreis: Man tut etwas, es geht gut, das verstärkt die Motivation, es geht noch besser usw. Unsere Wirklichkeit stellt sich dar als ein unentwirrbares Netzwerk von dynamischen Zusammenhängen, in denen keine den Ereignissen logisch vorausgehende Ursachen genannt werden können. Auslöser, verstärkende und dämpfende Faktoren sowie Rückkoppelungen der Wirkungen stehen den Wirkungen gegenüber. Ganz abgesehen von allen andern Argumenten wackelt natürlich mit der Infragestellung des Kausalprinzips auch die Grundlage der Idee des Determinismus.
Es könnte ja sein, dass es keinen freien Willen gibt, dass wir nichts anderes sind als abschnurrende Uhrwerke in einer determinierten Welt, dass wir Menschen keinen Einfluss auf die Zukunft und demzufolge auch keinerlei Verantwortlichkeit hätten. Wir könnten dies jedenfalls nicht sicher wissen. In dieser Unsicherheit gibt es zwei Möglichkeiten des Irrtums:
  • Wenn wir irrtümlich verantwortungslos leben würden, dann wäre das tragisch, denn wir würden den Sinn des Lebens verfehlen.
  • Wenn wir aber irrtümlich und überflüssigerweise verantwortungsvoll leben, dann haben wir überhaupt nichts verloren, denn dann wäre ja gerade diese Handlungsweise auch zwangsläufig erfolgt. Das ist die «Failsafe-Methode». Überspitzt formuliert: Der kluge Ungläubige wird sich vorsichtshalber nicht auf seinen Nihilismus verlassen.
Es ist das vernünftigste, so zu leben, als ob die Zukunft offen sei, als ob der Mensch seinen Lebensraum selbst gestalte und für das Zukünftige volle Handlungsfreiheit und volle Verantwortung habe. Diese Haltung ist optimistisch, indem sie die Erfolgsmöglichkeit des menschlichen Tuns bejaht. Die beobachtbare Natur lebt fraglos diesem Prinzip nach.
Dem Konzept der offenen Zukunft stehen die Überzeugungen der Optimisten, Pessimisten und Utopisten entgegen. Die Optimisten - dazu gehören auch jene Fatalisten, die inaktiv sind, «um Allah nicht in seine Pläne zu pfuschen» - sind sicher, dass alles seinen (gottgewollten) Lauf nimmt und dass das auch dann gut sei, wenn wir es in unserer Einfalt nicht immer zu würdigen wüssten.
Die Pessimisten vertreten die Auffassung, dass die Menschheit ein Paradies verloren habe und dass die Situation des Menschen immer schlechter werde… bis zum unausweichlichen Weltuntergang. Eine konservative Haltung könne den Zerfall hinauszögern. Piaton vertrat diese Auffassung, sie liegt der Ideenlehre zugrunde: Die Ereignisse auf dieser Welt, Phänomene genannt, sind zunehmend schlechtere Kopien von ursprünglich reinen Ideen.
Die Utopisten - insbesondere die Marxisten - erwarten demgegenüber, dass sich in der Geschichte das Gute in immer stärkerem Mass durchsetzt. Die Gegenwart wird als schlecht klassiert, aber weit in der Zukunft liegt die heile Welt. Gemäss Engels ist es unerheblich, ob der Arbeiter seine Situation erkennt; sofern er aktiv ist, wird er das geschichtlich «Richtige» herbeiführen.
Die Optimisten, die Pessimisten und die Utopisten verachten die Gegenwart. Nach Hans Jonas nehmen sie dem gegenwärtigen Menschen damit die Würde und die Verantwortung. Überzeugte Pessimisten werden in jeder Veränderung nur die Verschlechterung von Bisherigem sehen. Überzeugte Utopisten dagegen werden bedenkenlos das Gegenwärtige zerstören, weil alles ja nur besser werden kann.

Ein Beispiel einer unvorhersehbaren Wende

Die Wissenschaft präsentiert möglichst keine Versuche, sondern fertige, hochglanzpolierte Resultate. Menschen, die die Forschung nicht kennen, täuschen sich sehr über die unendliche Zahl der Misserfolge. Ich möchte nun unfeinerweise eine interessante, völlig ungeprüfte Idee präsentieren. Dabei geht es weniger um den Inhalt als vielmehr darum, zu zeigen, in welcher Art und Weise sich Weltgeschichte plötzlich in unvorhergesehener Weise verändern könnte: Für alle privaten und staatlichen Organisationen sind Löhne nichts anderes als Kosten. Jede Organisation will ihre Resultate mit möglichst geringen Kosten, insbesondere Lohnkosten, erzielen. Der Staat verhängt für sich Einstellungsstopps - verteilt aber gleichzeitig Arbeitslosenunterstützung. Nun bedeuten Löhne aber auch Kaufkraft. Wenn man Löhne zu sehr minimalisiert, kann nicht gekauft werden.
Man kann sich nun vorstellen, dass sich eine Wirtschaftstheorie durchsetzt, in der nicht minimale Kosten, sondern maximale Kaufkraft der Leitgedanke ist. Das Gesicht der Wirtschaft würde sich völlig verändern. Man müsste eine überbordende Konjunktur auf ein Optimum einpendeln. Ich bin nicht in der Lage, dieses Beispiel näher zu untersuchen. Es soll lediglich zeigen, wie grundlegend Neuerungen sein können und wie unvorhersehbar die Zukunft ist. Real an meinem Beispiel ist immerhin, dass der Faktor Kaufkrafterhaltung den hart marktwirtschaftlich denkenden Bankleuten im Umgang mit der dritten Welt und mit Armutsgebieten ein quasi-altruistisches Verhalten abnötigt.

Ist Vielfalt das Schicksal der Menschheit?
Eine gute Frage: Wer ist überhaupt zuständig für die zukünftigen Geschicke der Menschheit? Wir können auf der Weltkarte suchen. Es gibt sehr viele verschiedene Weltkarten: politische, geographische, ethnische, religiöse, ökonomische, agrarwirtschaftliche, verkehrstechnische usw.
Ich möchte eine zusätzliche, ungewöhnliche Weltkarte der Werte und der Loyalitäten zeichnen. In dieser Karte manifestieren sich sehr handgreiflich «unmöglich zu bereinigende Vorurteile»

Wertkarte / Loyalitäten
Diese Karte ist ungenau und enorm verbesserbar.
Die im folgenden geschilderten Einzelheiten sind Aquarell nicht Fotografie


Wir haben das Gebiet des Humanismus, die Loyalität der Menschen in diesem Gebiet gehört gedanklichen Konzepten: Ideen. Im Gebiet der Naturwissenschaft und Technik ist man Sachverhalten und Sachen (auch Projekten) verpflichtet. Im Lande des Kommerz, des Merkantilen dagegen gehört die ganze Treue den jeweiligen Organisationen. In der Mitte ist das Gebiet der Politik. Hier gehorcht man dem Total der von aussen einwirkenden Kräftefelder, die als Auftrag der Gesellschaft verstanden werden.
Die Grünen sind die Aktivisten des Humanismus. Sie möchten «dem Ganzen» verpflichtet sein, können sich aber als Antagonisten des Kommerz und der Technik nicht durchsetzen. Die Herbeiführung einer Veränderung ist eine ihrer stärkeren Triebfedern. Die Multis sind die perfekte Synthese zwischen Kommerz, Naturwissenschaft und Technik.
Und dann noch: Das Militärwesen ist ein kostspieliger, völlig nutzloser, perfekt angepasster Parasit. Tröstlich ist, dass sein Ziel nicht der Krieg ist, sondern ein maximales Budget (kriegerisch gebärdet sich dieser Parasit nur dann, wenn man ihm seine Nutzlosigkeit vorhält). Das Militärwesen will fett und wichtig sein. Wie ein gut angepasster Bandwurm weist er seinen Wirt immer wieder auf die gemeinsamen Interessen hin vor allem das lange Leben des Wirtes. Seine Gegnerschaften sind ihm wichtig als Hauptargument seiner Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit.
Religion ist ein Wolkenland, hier ist man dem Überirdischen verpflichtet. Manche behaupten, die Wolke schwebe gar nicht, sondern sie liege auf einer Säule, deren Fuss im Gebiet des Kommerz zu finden sei.
An den Grenzen der jeweiligen Gebiete herrschen Loyalitätskonflikte. Jedes Gebiet hat seine eigene Währung, wobei kein Umtausch gestattet ist. So geniesst etwa die Geschäftstüchtigkeit im Reich des Kommerz die höchste Wertschätzung, Konkurs gilt als selbstmordwürdige Schande. Bei den Humanisten dagegen muss man allfällige Geschäftstüchtigkeit sorgfältig verstecken. Zusammenhänge dieser Art beschrieb zuerst Max Weber. Teile dieser Karte und der daraus folgenden Konflikte hat Alois Schumpeter präzise geschildert. Mancher wohnt im Kommerz und hat eine Wochenendwohnung im Humanismus. Mancher wandert. Ich glaube, dass schon die Vielfalt der Loyalitätskonflikte dieser einen gesellschaftlichen Gruppierung (unter Tausenden) die Unmöglichkeit des globalen Konsens illustriert.
Die einfache Beobachtung, dass die Menschen wie Sie und ich einer Vielzahl von Gruppen zugehören, nicht zuletzt dem persönlichen Freundeskreis, ist von allergrösster Wichtigkeit. In der modernen Welt spielen Klassen eine immer geringere Rolle, eben wegen der multiplen Zugehörigkeit jedes Menschen zu den Vielfältigkeiten
zahlreicher Gruppen.
Damit möchte ich mich scharf gegen Horkheimer wenden, der gar die Auffassung vertrat, der «Sinn alles Denkens» sei (etwa im Sinne unserer Loyalitätskarte) gruppenspezifisch. Das Individuum finde seine «Identität» in der Gruppe. Ich halte das ausschliesslich für richtig im sozusagen pathologischen Ausnahmefall der «Indoktrinierten». Eine Folge des Klassendenkens war der Intellektuellenhochmut der elitäristischen Klasse von Horkheimer und Adorno selbst. Allerdings muss man dieses Denken auch als eine Reaktion auf die fundamentalistisch-primitive Massenbewegung der Nazis begreifen.
Es bleibt die Frage: Welche Gruppe ist nichts anderem als
dem Menschen verpflichtet?

Was lernen wir für das Thema «Denken über die Zukunft»?

Es besteht kein Zweifel daran, dass für die ganze Welt lebensbedrohende Probleme anstehen, die sehr bald gelöst werden müssen.
  • Es wäre sehr schön, wenn sich der grosse Konsensus über die Weltausbreiten würde. Wenn die Mehrheit der Menschen einsichtig würden und zu einem den Problemen angemessenen, vernünftigen, unegoistischen Handeln fände. Man muss sich wohl darauf einrichten, dass dies nicht zustande kommen wird, dass die Aufrufe dazu verhallen werden.
  • Es sieht so aus, als ob die Vielfalt des Denkens das Schicksal der Menschheit sei. - Diese Vielfalt bedeutet leider Resistenz gegen das Konstruktive, den vernünftigen Konsens.
    • Sie bedeutet aber auch Resistenz gegen Destruktion. Selbsthemmung wirkt der Ausbreitung von Katastrophen entgegen. Vielfalt bedeutet Resistenz gegenüber zentralistischer Manipulation. Weltherrschaft ist im Guten und Schlechten sehr unwahrscheinlich.
    • Die Sensibilität für anlaufende Katastrophen ist immer irgendwo regional besonders hoch, deshalb sind Warnsignale zu erwarten.
    • An die Stelle von Hegels Schraubstock - der unguten Wahl zwischen Gehorsam und Verantwortung mit löchrigem Wissen - tritt die regionale Erprobung, das Experiment, das Lernen. Generell ist die Natur nicht auf die Vermeidung von Katastrophen konzipiert. Das System ist an sich fehlertolerant, nicht fehlervermeidend. Die Natur ist darauf eingerichtet, aus Ereignissen zu lernen. Oder andersherum: Systeme, die nicht lernfähig waren und, mehr noch, ihre Lernfähigkeit weitervererbten, hatten in der Evolution nie eine Chance. Bei dieser Gelegenheit des lokalen Experimentierens in der Vielfalt möchte ich erneut mein Vertrauen in den common sense, in den gesunden Menschenverstand betonen.
      Was uns bleibt, ist das Ausnutzen der Vielfalt unserer Möglichkeiten, hier und jetzt, all der Entfaltungsmöglichkeiten in der offenen, demokratischen Gesellschaft. Es bleibt der Glaube an den Sinn auch der unvollkommenen Vernunft, an den Sinn des Fehlererprobens und Lernens in vielen kleinen Schritten.


Vom Gesetz des Dschungels zum Gesetz der Hochtechnologien


Inhalt dieses Kapitels:

Zuerst eine Zusammenfassung:
  • Makrowelt und Mikroweit: das Wesen der Hochtechnologie

    Das Wesen des Lebendigen liegt im Wechselspiel unserer anschaulich be-wussten, körperlichen Welt mit der verborgenen, molekularen Mikroweit der Enzymchemie, der Schaltungen im Hirn und der genetischen Programme. Die Hochtechnologie - Computertechnik und Mikrobiologie -beherrscht sowohl künstliche als auch die natürlichen Mikroweiten und damit den ganzen Bereich des Lebendigen.
  • Drei Phasen in der Geschichte der Menschheit

    Das Dasein der Hominiden war natürlich in die Urwelt eingebettet. Auf einer gewissen Stufe entfremdeten die unerwarteten Möglichkeiten der Vernunft den Menschen von der Natur. Ein Daseinskampf entfachte sich. Mit der Hochtechnologie haben die Menschen die Natur unterworfen, und jetzt suchen sie die bewahrende Koexistenz. Der Mensch ist nicht mehr durch die Natur, sondern durch sich selbst bedroht.
Makrowelt und Mikroweit: das Wesen der Hochtechnologie
Die Welt ist ihrem Wesen nach weder eine flache Scheibe noch eine Kugel, sondern eine Zwiebel. Sie ist in Schichten gebaut. Innerhalb jeder Schicht sind viele intensiv genutzte Verbindungen. Von Schicht zu Schicht dagegen laufen nur wenige Fäden. Die zwiebelige Welt hat Schichten wie: subatomare Teilchen, Atome, Moleküle, Zellen, Kleinorganismen, Organe, komplexe Lebewesen, Arten, politische Gruppierungen, Planetensysteme, Galaxien, das Universum.
Wenn ich einen Fussball kicke, dann wirkt dies in drei Schichten: In der Normalwelt fliegt der Fussball durch ein Fenster und wird konfisziert. In der Mikroweit entstehen Spannungen im molekularen Gefüge, der einzelne Kick ist belanglos, beim millionsten Antritt kommt der katastrophale Bruch. In der Makrowelt überträgt sich der Reaktionsimpuls auf die Weltkugel und verändert ganz wenig deren Rotation - dies wiederum hat Wirkungen auf das ganze Universum.
Die eigentliche Wirkung erzielte ich in der Normalwelt, dort wo die Möglichkeit der unmittelbaren Rückkoppelung besteht. Die Schichten bilden sich deshalb, weil die Wirkungen jeder Aktion innerhalb derselben räumlichen und zeitlichen Massstäbe besonders stark sind, vor allem aber wegen der Rückkopplungen. Zwischen den Schichten besteht wenig Verbindung. Die Wissenschaftler beschäftigen sich denn auch immer nur mit «ihrer Schicht». Chemiker haben ein rudimentäres Wissen über Atome und würden sich schämen, auch über subatomare Teilchen zu sprechen.
Das Geheimnis des Lebens besteht im Zusammenwirken des Leibes in «unserer Makrowelt der Organe mit Relationen nach dem Metermass und Bruchteilen der Schallgeschwindigkeit» einerseits und der «Mikroweit der Moleküle mit Relationen der Zehntausendstelsmillimeter und Bruchteilen der Lichtgeschwindigkeit» anderseits.
Oberhalb des Einzelwesens gibt es kein Leben, jeder Mensch ist in seiner Haut mit sich allein. Unterhalb der Molekularchemie gibt es auch kein Leben. Die Atome sind für die Lebensvorgänge völlig gleichgültig. Zitat: «…cutting the human into little pieces, you find, what you are loo-king for: little machines. Chemistry.» (Wenn man den Menschen in kleine Teile schneidet, findet man, was man sucht: kleine Maschinchen. Chemie.)
Der Tod eines Lebewesens ist das Aussetzen des Zusammenwirkens der Makro- und der Mikroweit.
Unsere Sinne und unsere Motorik betreffen einzig die Makro weit. Unser Denken ist ganz darauf bezogen. Wir können uns weder die räumlichen noch die zeitlichen Vorgänge der Mikroweit vorstellen. Unser Denken gleicht dem Eintippen am Computer. Weder der Denker noch der Computer-Operator kontrollieren die Mikrovorgänge im Hirn oder in der Elektronik. Das menschliche Denken besteht im Prinzip aus folgender Sequenz:

  • Problem in der Makro-Vorstellungswelt formulieren
  • In die Mikroweit senden.
  • Übersetzen in Funktionen der Mikroweit.
  • In die Makrowelt zurücksenden.
  • In der Makro-Vorstellungswelt bewusst werden.
Dasselbe tun wir mit einem Taschenrechner:
  • Man tippt etwas ein.
  • Die Tastensequenz wird in eine künstliche Mikroweit gesendet.
  • Die Signale werden in Mikrocode übersetzt.
  • Das Problem wird im Mikrocode verarbeitet.
  • Das Resultat wird in Anzeigesignale übersetzt.
  • Die Signale werden in die Anzeigeeinheit (Makro) gesendet, dort zünden sie Anzeigen, die wie Zahlen ausschauen.
Auf diesen Wegen wird ein Problem tausendfach verkompliziert. Die Frage: «Wie viel gibt 7 + 6?» erfordert leicht hunderttausend einzeln und fehlerlos gesteuerte Bitsprünge, bis schliesslich ein Bild erscheint, das wie eine «Dreizehn» ausschaut. Im Hirn könnte das ähnlich sein. Die Hochtechnologie des Computers bietet folgendes:
  • Künstliche MikroStrukturen
  • molekulare Grössenmassstäbe
  • Bruchteile der Lichtgeschwindigkeit
  • Lebensdauer: Trillionen von reproduzierbaren Vorgängen
  • Fehlerraten: kleiner als 1 pro Trillion
  • Kommunikation und Problemübersetzung zwischen Makrowelt und Mikro Strukturen. Unter diesen Umständen ist es gleichgültig, wenn ein Problem im Transfer zwischen Makro und Mikro hunderttausendfach verkompliziert wird. Der Nachteil wird durch Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit wettgemacht.
Die Sachzwänge der Chips

Vor vierzig Jahren konnte man auf einem kleinen Kristall eine Schaltfunktion anbringen - einen Transistor. Irgendwann brachte jemand zwei Funktionen auf demselben Kristall unter - sein Freund schaffte drei. Dann gab es kein Halten mehr. Eine Million Funktionen auf einem Chip sind heute guter Durchschnitt. Die Chips sind Gegenstand einer unglaublich stürmischen Entwicklung. Es gibt jedoch keine Chipsmacher. Der Mensch kann keine Chips herstellen. Der Mensch kann bloss Maschinen herstellen, die ihrerseits Chips herstellen.
Chips sind per definitionem Massenprodukte und nicht Kunstwerke. Man stellt sie in Multimillionenmengen her. Die Natur ist den Weg gegangen, eine Vielfalt von Tierarten für jede erdenkliche ökologische Nische zu schaffen. Das komplizierteste Wesen, der Mensch, ist überraschenderweise aber nicht spezialisiert, sondern im Gegenteil - dank seiner Vernunft - ein Universalwesen mit fast unbegrenzter Anpassungsfähigkeit.
Dieselbe Strategie hat sich bei den Chips aufgedrängt. Der Zwang zum Serienprodukt legte die Konstruktion von Universalchips nahe. Das Konzept dazu: extern programmierte Mikroprozessoren. Wiederum hat dies seinen Preis. Die Universalität dank Programmierbarkeit bedeutet eine ungemeine Verkomplizierung der Strukturen. Es lohnt sich aber trotzdem. Wie bei der Reproduktion der Lebewesen sind in der automatischen Fertigung von Mikrotechnik die Produktionskosten wenig von der Komplexität abhängig. Letztlich kosten Superchips fünf Dollar.
Die Mikrobiologie

Die Computertechnik schafft sich ihre künstlichen Mikroweiten. Gleichzeitig arbeitet die Biotechnik an den natürlichen Mikroweiten. Sie hat die Fähigkeit erlangt, gezielt Einzelmoleküle zu manipulieren. Täglich vermehrt sich das Wissen um die Funktionen des genetischen Materials und verbessern sich die Fähigkeiten, solches Wissen zu erarbeiten. In absehbarer Zeit wird das Erbgut der Menschen vollständig kartografiert sein.

Die Gesetze des Hochtechnologie

Ein Automobil ist wesentlich ein Ding der Makroschicht: Räder, Chassis, Motor, Bezug zu Strasse und Petrochemie. Es erfüllt eine überschaubare Funktion. Es ist eine Maschine. Demgegenüber verbinden Computer Vorgänge der Makroschicht mit Vorgängen in einer Mikroschicht. Es besteht eine unvergleichlich grössere Komplexität. Die strukturellen Ähnlichkeiten zu lebenden Organismen sind grösser als die Ähnlichkeiten mit Maschinen. Computer leben nicht. Sie haben jedoch mit den Menschen die unbegrenzte Verbesserbarkeit gemeinsam, ebenso die «Evolution durch vernünftige Selbstprogrammierung». Computer der nächsten Generation werden mit selbständig lernenden Programmen arbeiten, die so funktionieren wie die natürliche Evolution der Lebewesen. Der Computer macht sich eine neue Programmversion mit einer zufälligen Veränderung (Mutation). Falls die Änderung funktionsfähig ist, wird erprobt, ob das Programm bei den alten Datensätzen besser funktioniert als das Originalprogramm. Dabei werden Computer über die Datennetze mit andern Computern korrespondieren. Falls sich die Änderung bei den Tests bewährt, wird sie eingeführt (Selektion). So werden sich Programme selbständig weiterentwickeln - zweifellos mit denselben gelegentlich fatalen Pannen, denen auch die Natur ausgesetzt ist.


Art Lebensraum Lernzeit Speicherung des Gelernten
Mensch Universell Tage Vernunft, Schrift
Computer Universell Stunden Programme/künstliche Intelligenz
Tier Lebensraum-Nische Jahrtausende Genetischer Code
Maschine Zweckgebunden Lernunfähig Nicht vorhanden


Mit den künstlichen Strukturen der Mikroelektronik und der Kontrolle der natürlichen Mikrobiologie beherrscht der Mensch die Geheimnisse des Lebens und unserer Welt in einer zudem grosstechnisch verwertbaren Form.

Die Rhythmen der Generationenzeiten

Wenn etwas mit Hochtechnologie zu tun hat, dann gilt derzeit die Faustregel: «Alle zwei Jahre mal zwei.» Alle zwei Jahre verdoppelt sich der Speicherinhalt der Chips, sinkt der Preis auf die Hälfte, werden die Produktionszahlen verdoppelt, verdoppelt sich die Präzision der Genmanipulation, verdoppeln sich die Umfange der Programme, halbiert sich die Schulungszeit für die Grundprogramme dank Verdoppelung der Benutzerfreundlichkeit, verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit der Anwenderprogramme usw.
Neue Ideen werden in folgenden Zeiträumen wirksam:
  • Die Generationenzeit in der Informatik ist 5 Jahre.
  • Die Generationenzeit des Menschen ist 20 Jahre.
Drei Phasen in der Geschichte der Menschheit
Man kann die Geschichte auf tausend Arten in Perioden einteilen. Viele dieser Einteilungen sind richtig, viele sagen auch aus, dass wir uns an der Schwelle zu einer neuen Zeit befinden - dem Informatikzeitalter, dem Übergang vom kausalen ins kybernetische Denken, von der Pyrotechnik zur Biotechnik, vom Energie- ins Entropiekonzept, vom Schwerpunkt Mittelmeer zum Schwerpunkt Pazifik usw.

Ich möchte all diesen ausgezeichneten Konzepten noch eine weitere Einteilung in drei Perioden der Geschichte der Erde hinzufügen :
  • Der Dschungel.
  • Als Zwischenstufe die Zeit, während der die vernunftbegabten Menschen die Natur unterwerfen.
  • Die Hochtechnologie. Der Mensch dominiert mit seinen hochtechnologischen Werken die Welt und sucht jetzt die Koexistenz.Sehen wir uns in der Urwelt um. Ich sage ungenau und gerne Dschungel, es ist ein so schönes Wort, und für mich ein Symbol der unberührten Natur in ihrer Gesamtheit. Leben ist Selbstorganisation, die sich dank zwei Prinzipien behauptet: erstens Existenzsicherung, zweitens Erneuerung.
Beide Prinzipien brauchen:
  • Wollen: Es gibt kein Leben ohne vererbten expliziten Lebenswillen.
  • Können: Es gibt kein Leben ohne vererbte Lebenstüchtigkeit.
Alles Leben basiert auf genetisch gespeicherten Programmen. Es sind digitale Codes - um viele Grössenordnungen komplizierter als alle gegenwärtigen Computerprogramme. Ein Unterschied im Wesen ist bisher nicht erkennbar.
Die Existenz ist zweifach bedroht:
  • Von aussen: den Gefahren seitens der Umwelt (jagendem Getier, Naturkatastrophen usw.).
  • Von innen: den Konstruktionsfehlern. Die weitaus meisten Lebensversuche scheitern. Und seit es Leben gibt, sterben ganze Arten an zu spät offenbar werdenden Konstruktionsfehlern.
Und jetzt nochmals von vorn:
  • Das wichtigste am Dschungel ist, dass es den Menschen nicht gibt. Es ist eine ausserordentlich interessante Tatsache, dass Menschenaffen im Dschungel sehr seltene Tiere sind. Entgegen allen Erwartungen ist es für ein Tier kein grosser Vorteil, nur ein wenig intelligenter zu sein als die Tiere in der Umgebung. Die Intelligenz muss offenbar eine bestimmte Stufe überschreiten, bis sie als evolutionärer Vorteil ins Gewicht fällt.
    Nun stelle ich mir vor, dass es in der Evolution «Kippvorgänge» gibt, wo sich etwas sehr schnell entwickelt. Man kann sich vorstellen, dass die Erfindung des Fliegens bei den Flughörnchen so verlief. Wichtig ist mir jetzt nicht die historisch genaue Schilderung, sondern die Idee des «In-eine-Eigenschaft-hineinkippens».
    Zuerst springen irgendwelche Hörnchentiere von Felsen und Bäumen. Wer zufällig einen breiten Bauch hat und lustvoll «rudert», bekommt noch etwas Gleitflug. Irgendwann wird dieses Verhalten benützt, ins Repertoire eingebaut und sozusagen bewusst. Das wirkt auch auf die Umgebung. Die Verfolger passen ihr Verhalten ebenfalls an, und das Tier, das den Gleitflug nebenbei betrieben hat, ist nun gezwungen zu fliegen.
    In einer Umgebung die den Gleitflug erwartet, wird die Verbesserung der Flugfähigkeit lebenswichtig. Die Entwicklung konzentriert sich auf das einzelne Merkmal «Flugfähigkeit», wird sozusagen zielstrebig. Wer nur so halbwegs fliegt, überlebt nicht. Unter vielen Spezies die das Fliegen erproben, überleben jene, die zufällig über anpassungsfähige Arme und Häute verfügen. Die Evolution kippt, die fliegenden Tiere müssen ihre neue Fähigkeit perfektionieren, sie ausschöpfen. Wenn sie sich einmal auf Flugversuche eingelassen haben, sind sie nachher gezwungen, den Luftraum zu erobern. Und genauso, stelle ich mir vor, kippten die Hominiden in die Fähigkeit zur Vernunft.
  • Die Zwischenstufe. Die Intelligenz der Hominiden überschreitet eine kritische Schwelle. Sie kippen in die Vernunft als neuentdeckter Fähigkeit des Organes Grosshirn. Gleichzeitig kippten die Hominiden je doch «aus der' Natur heraus» (Vertreibung aus dem Paradies), und es muss den nackten Affen im «Dschungel» sehr schlecht ergangen sein. Ihre Vernunft musste sich schnell durchsetzen, das Grosshirn sich schnell entwickeln, so dass die Vorteile die Nachteile aufzuwiegen begannen. Subjektiv kumulierte das zur Alternative: entweder die Natur völlig besiegen oder untergehen.Die gesamte Zwischenzeit ist gekennzeichnet durch:
    • Kampf ums Dasein,
    • Gestaltung der Umwelt,
    • Perfektionierung der Vernunft.
    Mit der Sprache schuf sich der Mensch ein Mittel, sich unter anderem mit der nichtgegenwärtigen Welt zu befassen. Das war die Voraussetzung für den Ackerbau und für das Geld. Durch das Symbol «Geld» werden Arbeit, Essen und zukünftige Ernte konvertierbar, bis zum Extrem «Zeit ist Geld». Gleichzeitig entstand die Utopie eines zukünftigen Paradieses als Belohnung, so wie die Ernte die Belohnung für die Investition an Saatgut und Arbeit ist. Die Perfektionierung der Vernunft machte dann einen Sprung, als es gelang, Sprache ausserhalb des Körpers zu speichern und quantitativ und qualitativ zu akkumulieren. Sprache wurde zur Information - ebenfalls gegen Geld konvertierbar. (Mit Steinen hat man zu allen Zeiten die Speicherung von Information vollzogen, wobei dies mit Magie assoziiert wurde. Das reicht von Wegweiser-Steinhaufen zu Kathedralen und Bankpalästen. Das Bild von Armstrong, der auf dem Mond einen Steinhaufen zur Stützung der amerikanischen Flagge aufschichtete, ist unvergessen.) Jetzt erreichte die Spezies Mensch ihre Einzigartigkeit: die unbeschränkte Verbesserbarkeit ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Diese Fähigkeit vermag sich selbst zu verbessern, das Denken kann gar immer besser über das Denken nachdenken. Solche Grenzenlosigkeit teilt der Mensch mit keinem andern Lebewesen - einzig die Computer haben sie ebenfalls.
    In unserer Zeit endet die Zwischenphase. Die Welt ist unterworfen. Der Kampf des Menschen gegen die Natur ist gewonnen. Das Zeitalter der heroischen Eroberer, Entdecker, Erfinder und Pioniere ist beendet.
    Ich meine damit nicht, dass wir Menschen nun gegen Meteore, Vulkane, Viren und so weiter gefeit sind. Ich meine vielmehr, dass wir dank der Hochtechnologie die Grundlagen des Lebens bis «auf den Boden» überblicken. Wenn ein Mensch den Mount Everest bestiegen hat, dann gibt es fortan keinen Berg mehr, der «zu hoch» ist. Und seit ich 1962 auf 300 Meter Meerestiefe tauchte, gibt es keine Stelle mehr auf den Kontinentalsockeln, die dem Menschen «zu tief» wäre. Genauso gibt es in den Grundlagen des Lebens - seien es Gene, seien es virale Enzyme - keine «unentzifferbaren» Moleküle mehr. Es gibt immer noch viele Berge, die nie erstiegen worden sind, es gibt noch keine Therapie gegen Aids. Beides sind aber keine «ewigen Geheimnisse» mehr, sondern (überspitzt formuliert) Fleissarbeiten. Die jetzige Übergangsphase ist durch ungeheure Turbulenzen gekennzeichnet.
  • Die Welt der Hochtechnologie. Wir sind im Zeitalter der Organisatoren, der Verwalter und der Bewahrer. Das aktuelle Thema ist die Koexistenz mit der unterworfenen Welt, das heisst auch deren Erhalt und Rettung. In Japan ist der Umweltschutz erfolgreich, die Luft wird sauberer, man beginnt sich einzurichten. Der Mensch spielt eine dreifache Rolle als Symbiosepartner seiner eigenen Hochtechnologiewerke, als einzigartige Spezies, die mit künstlicher Intelligenz koexistiert, und schliesslich als Teil der Natur.

    Ob die von der Hochtechnologie beherrschte Welt stabil sein kann, das ist die drängende Frage.
Die Fähigkeit, sich zu bekriegen

Die Vernunft ist Vorteil gegenüber dem Dschungel. Genauso wie unter Affen ein kräftiger Körperbau und ein starkes Gebiss gepaart mit Streitlust dem betreffenden Individuum zum Vorteil gereichen, nutzen Menschen intellektuelle Vorteile gegenüber andern Menschen. Je erfolgreicher sich die Spezies Mensch in der Welt durchsetzte, desto raffinierter wurde das Individuum im Sichdurchsetzen gegenüber den Artgenossen.
Etwas vereinfachend kann man sagen, dass der Mensch immer wieder die Erde überbevölkert hat und dass immer die Artgenossen in Konkurrenz um begrenzte Ressourcen gestanden sind. Ortega y Gasset schildert in seinem Buch über die Jagd, wie das jagdbare Wild immer selten gewesen ist. In der Jäger-Sammler-Gesellschaft konnte der Dschungel eine bestimmte, limitierte Anzahl Menschen ertragen. Die Hominiden waren von dieser Zahl weit entfernt, der vernunftbegabte Mensch erreichte sie schnell. Die Erfindung des Ackerbaus und der Viehzucht erlaubte die Verzehnfachung der zulässigen Bevölkerungsdichte. Ich glaube, dass der Mensch immer unter dem subjektiven Eindruck gelebt hat:
  • die Erde sei übervölkert,
  • die Ressourcen seien knapp,
  • die andern Menschen seien seine Konkurrenten.
Dass es immer so war und man bisher mit neuen Techniken die Ressourcen multiplizieren konnte, ist aber kein ehernes Naturgesetz. Das ist wie mit dem Mann der aus dem Wolkenkratzer fällt und sich auf der Höhe des zehnten Stockwerks immer noch darüber freut, dass bis jetzt alles so gut gegangen ist. Im Gegensatz zum Papst glaube ich, dass die schnelle Zunahme der Weltbevölkerung eine grosse Gefahr ist. Auf der positiven Seite sei anderseits vermerkt, dass wenigstens in einigen Ländern die Ernährung mit nur fünf Prozent der Arbeitskraft der Bevölkerung gesichert ist, mithin 95 Prozent Arbeitskraft anders verfügbar sind (Beispiele: USA, Kanada, Schweiz, BRD).
Es mag sein, dass die traditionell kriegerische Haltung der Menschen im notwendigen kämpferischen Sichdurchsetzen in der feindlichen Natur begründet ist und dass sich, nachdem dieser Kampf zu Ende ist, die kriegerische Haltung nach und nach abbauen lässt. Dieser Gedanke hat etwas Tröstliches. Die Menschheit müsste dann wenigstens nur eine begrenzte Übergangsperiode überleben und wäre nicht mit einer «ewig» ansteigenden Wahrscheinlichkeit von Ereignissen bedroht, von welchen jedes einzelne die Welt zerstören könnte. Die alte kriegerische Gesinnung hat ihre Sprache: Für die Unterwerfung der Natur hat der Mensch zum Beispiel die chemische Keule, mit der er Erträge aus der Erde herausprügelt. Man spricht von den landwirtschaftlichen Techniken als Waffen gegen den Hunger.
Unter allen Geschöpfen Gottes ist der Mensch das einzige, das nicht nur im Kampf mit der Umwelt, sondern auch im Kampf mit der eigenen Art steht. Die Perfektion und die Überfülle der Werkzeuge entspricht der Perfektion und der Überfülle der Waffen. Es gibt Forscher, die den Menschen immer noch in einem Konkurrenzkampf mit feindlichen Spezies sehen, ich nenne als Beispiel den ominösen «Hellstroem-Report». Er sieht in den Insekten den Urfeind des Menschen. Wahr ist zweifellos, dass die Insekten bereits 50000 Atombomben auf ihrer Seite haben.

Rekapitulation: Die drei Zeitalter

  • Im Dschungel gibt es den Menschen nicht. Die Verhältnisse sind stabil. Das Lernen erfolgt genetisch. Die Generationenzeit liegt bei Zehntausenden bis Millionen Jahren. Die Individuen sind in der Natur geborgen.
  • In der Zwischenzeit entwickelt sich des Menschen Vernunft. Er erlebt das Gesetz des Dschungel als «sich die Erde mit Kampf und Gestaltung Untertan machen». Er wird zum Mass aller Dinge. Die Generationenzeit ist das menschliche Mass von 20 Jahren. Der Wandel der Zeiten ist erlebbar.
  • Im Zeitalter der Hochtechnologie ist die Natur unterworfen. Die Umwelt ist durch die Dynamik der Werke des Menschen dominiert, deren Generationenzeit fünf Jahre beträgt.
Und das ist das Gesetz des Zeitalters der Hochtechnologie:
  • Bisher war die Natur das Problem des Menschen. Jetzt ist der Mensch mit seinen Werken sich selbst das grosse Problem.
  • Er hat zugleich ein grenzenloses Können und die grenzenlose Verantwortung. Manche Menschen sagen: Der Mensch erweise sich als eines der vielen fehlgeschlagenen Experimente der Natur, und er werde folgerichtig das Schicksal all der bisherigen Fehlkonstruktionen teilen müssen. Die Natur werde gelegentlich mit einer neuen Konstruktion beginnen. Es heisse wenig, wenn ein paar Jahrmillionen verpasst seien. Schlussfolgerungen Es war das Schicksal der Welt, dass die Natur vom vernünftig gewordenen Menschen unterworfen wurde, weil das Konzept «Grosshirn und Vernunft» im Sinne der Evolution unerwartet erfolgreich war. Gerade der Erfolg aber stellt die Welt in Frage.
Für unsere Zukunft sprechen :
  • Der Kampf des Menschen, sich als Spezies in der Natur durchzusetzen, ist gewonnen. Wir können uns der Koexistenz mit der Natur widmen.
  • Mit den Hochtechnologien werden wir die Geheimnisse des Lebens mitsamt ihren sanften, energiearmen Techniken beherrschen.
  • Wir leben in weitgehend offenen Gesellschaften.
  • Die Pluralität der Gesellschaft bietet eine optimale Stabilität.
  • Die Pluralität gestattet Vorwarnungen dank lokal erhöhter Sensibilität.
  • Die Pluralität erlaubt Lernen durch regionales Experimentieren.
  • Wir haben einen hohen Wissensstand und zudem eine nüchterne Einsicht in die Bedingtheiten und Grenzen der Vernunft.
Gegen unsere Zukunft sprechen:
  • Die Pluralität steht dem Konsens, «sich endlich einsichtig zu verhalten», entgegen.
  • Eine einzelne lokale Panne kann den Weltuntergang bedeuten.
  • Beinahe-Pannen werden häufiger.
Der Mensch steht jetzt vor der paradoxen Situation, dass die Vernunft den Menschen in Frage stellen kann und in Frage stellt - umgekehrt kann der Mensch jedoch die Vernunft nicht in Frage stellen. Auf Gedeih und Verderb lebt er mit seiner Vernunft und in einer Welt, die er mit seiner Vernunft in Jahrtausenden von Kampf und Gestaltung umstrukturiert hat.
Es stellen sich dem Menschen die folgenden Grundsatzprobleme:
  • Das Wissen, die Erkenntnis sind strukturell unsicher.
  • Die Menschheit ist durch sich selbst bedroht.
  • Die Bevölkerungszahl scheint sich dem maximal Möglichen zu nähern.
  • Die Nutzung der Ressourcen stösst an die maximalen Grenzen.
  • Der Mensch ist in die Dynamik von unmenschlich schnellen Sachzwängen der Hochtechnologiewelt einbezogen.
Man könnte vielleicht folgende Gedankengänge versuchen:
  • Die Natur ist durch eines ihrer eigenen Gesetze behindert. Sie kann nichts zurücknehmen. Sie kann Organe zurückbilden und modifizieren, aus Füssen Flügel machen. Sie kann aber nicht ein radikal neues Konzept entwerfen. Nehmen wir an - und die Vermutung verdichtet sich -, dass der Mensch in sich genetisch verankerte Wesenszüge (etwa Aggressivität) trägt, die ihn zum Untergang verurteilen. Beispielsweise, weil Urinstinkte der Vorfahren noch wirksam sind. Die Hochtechnologie kann, was die Natur nicht kann: mit Genmanipulation etwas zurücknehmen. Dies könnte das Mittel der Korrektur sein, um Pascals Dilemma «…der Mensch ist nicht mehr Tier, aber noch nicht Engel» zu lösen. Dem im Genom zweifellos gespeicherten Programm der Natur, die maximale Daseinssicherung zu verwirklichen, könnte über den Umweg der Vernunft die noch fehlende Schlusssequenz eingesetzt werden. Ich möchte mich je doch vor jeder Prognostik oder auch nur Empfehlung hüten, ich will hier nur Gedankenbarrieren abklopfen.
  • Marx hat die zunehmende Entfremdung des Arbeiters von seinen Werken vorausgesagt, weil die Maschinen und die Arbeitsprozesse immer komplizierter, zerstückelter und unanschaulicher würden. Für Maschinen war das richtig, bei der Hochtechnologie der Mikrocomputer trifft das genaue Gegenteil zu. Komplizierte Dinge werden auf Menschenmass anschaulich gemacht, verständlich und handhabbar für jedermann. Die Computer sind demokratisch. Der Umgang mit der jungen Generation erfüllt mich mit grosser Zuversicht.
Marx hat die zunehmende Entfremdung des Arbeiters von seinen Werken vorausgesagt, weil die Maschinen und die Arbeitsprozesse immer komplizierter, zerstückelter und unanschaulicher würden. Für Maschinen war das richtig, bei der Hochtechnologie der Mikrocomputer trifft das genaue Gegenteil zu. Komplizierte Dinge werden auf Menschenmass anschaulich gemacht, verständlich und handhabbar für jedermann. Die Computer sind demokratisch.
Der Umgang mit der jungen Generation erfüllt mich mit grosser Zuversicht.
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