Überlebensethik aus der Sicht der Verhaltensforschung
Von Irenäus Eibl-Eibesfeldt
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Ressourcenverknappung, Hunger, Übervölkerung und Krieg sind zu Themen des Alltags geworden. Wir machen uns um unsere Zukunft Sorgen. Ein gewisser Pessimismus spiegelt sich in den Diskussionen. Ich teile ihn nicht, wohl aber teile ich die Sorge - die ein wichtiger Ansporn sein kann -, nach Problemlösungen zu suchen. Sie können nur im Gespräch mit den Vertretern verschiedenster Geistesrichtungen gefunden werden. Solche Gespräche setzen allerdings die Bereitschaft voraus, zuzuhören, vom anderen zu lernen und dabei sogar geliebte Vorstellungen zu revidieren. Ein solches Gespräch darf sich auch nicht scheuen, Tabubereiche zu berühren. Sachlichkeit ist geboten, aber auch Engagement für eine gemeinsame Zielvorstellung - und die ist im Titel unseres Symposiums ja ausgedrückt: Es geht um unsere Zukunft, um das Überleben.
Aber was heisst Überleben? Wodurch scheint es gefährdet? Und was könnte man konkret gegen erkannte Gefahren unternehmen.
Überleben bedeutet zunächst einmal Überleben in Nachkommen, also genetisches Überleben. Natürlich können auch Gedanken überleben, wenn wir sie zu Papier bringen, so wie alle anderen Kulturgüter, all jene Dinge, die Karl Popper als Objekte der Dritten Welt bezeichnet. Vielleicht können wir aber auch darin übereinstimmen, dass es für den Erzeuger eines Gedankens wenig tröstlich wäre, wenn seine Geistesprodukte nur in genetisch Nichtverwandten weiterlebten, ja von einer solchen Population vielleicht sogar instrumenteil zum Schaden des Erfinders genützt würden. Sollten einmal Bewohner von anderen Sternen die Bibliotheken einer ausgestorbenen Menschheit entziffern, dann würde der Gedanke an solche Möglichkeiten kaum beruhigen.
Das lässt sich aber auch für das Verhältnis der Menschenpopulationen zueinander sagen. Dass wir Kulturgüter der ausgerotteten Indianer Nord- und Mittelamerikas, wie Tomaten, Kartoffeln, Mais und Kakao, nutzen, und andere indianische Kulturgüter in Museen pflegen und schätzen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die biologischen Schöpfer und Träger dieser Kulturen vergingen. Europäer, Asiaten, Afrikaner und all die anderen Vertreter der Grossgruppen der Menschheit handeln daher sicher richtig, wenn sie nicht nur ihr kulturelles, sondern auch ihr biologisches Überleben anstreben. Das muss nicht wie bisher im Gegeneinander geschehen. Wir werden uns zunehmend dessen bewusst, dass die verschiedenen Ethien heute in eine globale Gemeinschaft eingebettet und auf Kooperation angewiesen sind - und dass es daher neben den Gruppeninteressen ein Interesse der Menschheit gibt.
Überleben in eigenen Nachkommen ist ein erstrebenswertes Ziel. Der Biologe denkt jedoch auch noch in anderen Zeitdimensionen. Er weiss, dass Arten oft über Hunderttausende von Jahren, ja sogar Jahrmillionen gedeihen, um schliesslich im Artenwandel neue Evolutionsstufen zu erreichen oder auszusterben. Gewinnt eine Art im Laufe des Artenwandels an Differenzierungen, dann sprechen wir von Höherentwicklung. Verliert sie Differenzierungen, dann sprechen wir auch von Involution. Sie geht oft mit einseitiger Spezialisierung einher und beschneidet damit die weitere evolutive Potenz. Entwicklungen, die den Lebensstrom weitertragen, gehen in der Regel von universalistisch veranlagten Arten aus.
Wenn wir Probleme des Überlebens diskutieren, dann denken wir auch an diese Entwicklungen, einschliesslich der Möglichkeit eines Aussterbens oder der Weiterentwicklung unserer Art. Es geht dabei also auch um die Frage der Erhaltung der evolutiven Potenz.
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Die unmittelbaren Gefährdungen
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Was gefährdet nun diese verschiedenen Formen des Überlebens und wie wäre diesen Gefahren zu begegnen? Die uns unmittelbar bedrohenden Gefahren, die aus Überbevölkerung und aus der mit ihr verbundenen Gefahr der Umweltzerstörung und Ressourcenerschöpfung herrühren, wurden oft genug diskutiert. Die Gefahren sind erkannt, aber man steht ihnen mit einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber. Zwar scheint es, als gelänge es einigen Staaten Asiens, wie etwa China, und einigen europäischen Ländern, die Bevölkerungszahl ungefähr konstant zu halten, aber das geschieht auf einem bereits sehr hohen Niveau, so dass ein biologisches Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und Umwelt keineswegs gegeben ist. Die Zerstörung der Umwelt einschliesslich der globalen Vergiftung der Gewässer und einer bedenklichen Veränderung der Atmosphäre schreitet weiter voran. Überdies lebt und vermehrt sich die gegenwärtige Weltbevölkerung auf Kosten nicht ersetzbarer fossiler Brennstoffe. Da dafür bisher kein Ersatz gefunden wurde, zeichnet sich die Möglichkeit eines Bevölkerungszusammenbruchs ab, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellen könnte.
Wirksame Massnahmen dagegen werden jedoch durch die Tatsache behindert, dass Staaten wirtschaftlich und machtpolitisch um Positionen der Dominanz konkurrieren. Diese Konkurrenz spornt an. Sie führt zu technischen Neuerungen, die sich an der Selektion bewähren. Hier phänokopiert die kulturelle Evolution in gewisser Weise die biologische. Sie tut es allerdings auch, indem sie sich in einer Maximierungsstrategie um quantitatives Wachstum in allen Bereichen bemüht: mehr Verbrauch, mehr Autos, mehr Stahl, mehr Konsum. Das ist die Strategie der Lemminge: Ist das Nahrungsangebot reichlich, dann wird gefressen und in Biomasse umgesetzt. Die Tiere vermehren sich, bis ihre Nahrungsreserven erschöpft sind und der Bevölkerungszusammenbruch unvermeidlich ist.
Massensterben und Massenwanderung sind die Folge. Das Ökosystem erholt sich dann wieder, ebenso die Population der Lemminge, ausgehend von jenen besser Geeigneten, die alle Unbilden überlebten. Der energetische Prozess Leben läuft so über seine Träger, die Organismen, weiter. Individuen oder Arten zählen dabei nicht. In Zeiten der Konjunktur schwillt der Strom - bildlich gesprochen - an, tritt über die Ufer und findet in unzähligen Rinnsalen neue Wege. Das Sterben der vielen in Zeiten der Krise schert niemanden, es gibt kein erkennbares Interesse der Natur. Was selektionistisch zählt, sind die Tatsachen, dass der Bevölkerungsdruck Verbreitung bis in Randzonen und so auch Neuanpassungen erzwingt und dass eine scharfe Auslese auf Eignung trimmt. Dazu ist die simple Maximierungsstrategie gut.
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Der Mensch ist kein Lemming
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Wir Menschen allerdings erleben den Wert des einzelnen, da sich in uns die Schöpfung gewissermassen ihrer selbst bewusst wurde. Wir nehmen es nicht gerne hin, wenn auf Konjunkturen Krisen folgen, in denen Mitmenschen zugrunde gehen. Wir versuchen daher, dem planend vorzubeugen, was allerdings oft genug schief geht, dennoch aber der ressourcengefährdenden Maximierungsstrategie vorzuziehen sein könnte. Immerhin kann man aus Erfahrung korrigieren, bevor Menschen zugrunde gehen. Gewiss wären wir überfordert, wollten wir versuchen, die kulturelle Entwicklung zur Gänze zu planen. Es bedarf auch des experimentierenden Vorantastens nach dem Zufallsprinzip der Mutation. Aber wir können Spielregeln einführen, die zu starke Ausschläge in die Extreme verhindern, und wir können Zielsetzungen vornehmen, die unsere weitere biologische und kulturelle Evolution entscheidend bestimmen, entsprechend der Zielsetzung im Guten wie im Schlechten.
Ein vernünftiger Umgang mit der Natur und mit den Ressourcen ebenso wie eine vernünftige Bevölkerungspolitik wird aber, wie gesagt, durch die zwischenstaatliche Konkurrenz behindert. Staaten bzw. Staatengruppen streben in dem Bemühen, die eigene Existenz abzusichern, nach möglichst viel Macht. Die Versuchung, ohne Rücksicht auf Ressourcen auf kurze Sicht maximierend den Gegner auszustechen, ist sicher verlockend. Die zwischenstaatliche Konkurrenz ist in diesem Sinn sowohl Herausforderung zum Verprassen als auch Ansporn zur Innovation.
Hinter all dem steckt die Angst, dem Dominanzstreben der Gegner nicht gewachsen zu sein. Sie speist auch das wahnwitzige Wettrüsten unserer Zeit. Dabei ist auf allen Seiten unübersehbar auch der genuine Wunsch vorhanden, im internationalen Verkehr freundliche, kooperative Beziehungen aufzubauen und vom Faustrecht abzurücken. Was steht dem allgemeinen Wunsch aber entgegen?
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Verständigungsschwierigkeiten
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Zunächst einmal das Misstrauen, und das basiert auf anthropologischen Konstanten. Menschen aller Rassen und Kulturen zeigen Mitmenschen gegenüber grundsätzlich eine ambivalente Haltung. Wir alle suchen freundlichen, mitmenschlichen Kontakt, und wir scheuen ihn zugleich. Das führt uns jedes Kind vor, wenn es im Alter von sechs bis acht Monaten einen Fremden anlächelt, dann sich scheu an der Mutter birgt und so zwischen Reaktionen der Zuwendung und ängstlicher Abkehr pendelt. Schlechte Erfahrungen mit Fremden sind keine Voraussetzungen für die Entwicklung der Fremdenscheu. Es handelt sich vielmehr um die Reifung eines biologischen Programms. Der Mitmensch ist sowohl Träger von Signalen, die freundliche Zuwendung, als auch von solchen, die Angst und Abwehr auslösen, und zwar vor aller individuellen Erfahrung. Wir sind dabei so konstruiert, dass persönliche Bekanntheit die Wirkung der angstauslösenden Signale so stark abschwächt, dass wir bekannten Personen gegenüber keine Angst empfinden. Über die längste Zeit der Menschengeschichte lebten die Menschen in geschlossenen Kleinverbänden, in denen jeder jeden kannte und in denen daher eine Vertrauensbeziehung vorherrschte. Ich bin darauf an anderer Stelle näher eingegangen. Hier sei nur noch erwähnt, dass wir heute in anonymen Grossgesellschaften leben, was dazu führt, dass die agonalen Signale des Mitmenschen - jene der Konkurrenz - stärker zur Wirkung kommen, ja dass in einem gewissen Ausmass Misstrauen und Angst das Zusammenleben bestimmen und belasten. Das lässt sich am Verhalten der Grossstadtbewohner ablesen, die zunächst deutliche Verhaltensweisen der Kontaktmeidung zeigen. Dieses Phänomen ist jedermann bekannt, der sich und andere in Hotelaufzügen beobachtet. Man vermeidet es, dem anderen ins Gesicht zu schauen, denn gerade der Blickkontakt wird mit Ambivalenz wahrgenommen. Goffman sprach in diesem Zusammenhang von polite inattention. Sie wird dann weniger höflich, wenn sie dazu führt, dass Menschen selbst an einem Menschen vorbeigehen, der sich in Not befindet, ohne ihn weiter zu beachten.
Im Getriebe der anonymen Gesellschaft maskieren Menschen ferner ihren Ausdruck. Sie geben sich beherrscht und verraten ihre Gefühle nicht, eher gebärden sie sich abweisend. Das ist eine Art Selbstschutz, aus Misstrauen geboren. Wer seine Stimmung verrät, öffnet sich dem Kontakt und wird verletzbar. Wir wahren daher in der Öffentlichkeit unser Gesicht und zeigen insbesondere keine Schwächen. Dies kann zur festen Gewohnheit werden, so dass Menschen schliesslich nicht einmal im Familienkreis ihre Maske ablegen können und letztlich beim Kommunikationstherapeuten Hilfe suchen müssen.
Unsere These, dass in der anonymen Gesellschaft das Meidesystem stärker aktiviert ist als im individualisierten Verband, wird schliesslich durch die Feststellung von Bornstein gestützt, dass Personen um so schneller durch die Strassen gehen, je grösser die Städte sind.
Über Symbolidentifikation und über die Pflege anderer Signale der Zusammengehörigkeit bemüht man sich auch in der anonymen Gemeinschaft, ein Gemeingefühl zu entwickeln und Aggressionen abzuschwächen, die dabei nach aussen gerichtet werden. So kommt es auch in der anonymen Gesellschaft zur Verbundenheit bei gleichzeitig kontrastbetonter Absetzung gegen andere, die durch Angst vor den anderen motiviert sind.
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Krieg - eine kulturelle Erfindung
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Das führte zu kultureller Vielfalt, aber auch zum Krieg, der als Mittel der Identitätsbehauptung von Gruppen ebenso eingesetzt wurde wie zur Eroberung von Ressourcen, insbesondere von Neuland. Wie ich an anderer Stelle begründete, muss man den Krieg als kulturelle Erfindung betrachten. Zwar nützt er gewisse emotionelle Dispositionen zur Aggression, aber er steckt nicht in unseren Genen. Andere biologische Dispositionen, die Aggressionshemmungen setzen und deren subjektives Korrelat wir als Mitleid erleben, müssen zum Beispiel erst ausgeschaltet werden, damit wir Krieg führen können. Das geschieht einerseits über Indoktrination, andererseits durch die Entwicklung von schnell tötenden Waffen. Bereits auf der Stufe steinzeitlicher Jäger und Sammler werden die biologischen Tötungshemmungen abgeschwächt, indem die Mitglieder feindlicher Nachbargruppen zum Beispiel als Jagdbeute bezeichnet werden oder als Menschen minderer oder böser Art. Man verschiebt damit die Auseinandersetzung auf eine zwischenartliche Ebene. Dass nur dann ein Krieg funktionieren kann, das zeigen die gewaltigen Anstrengungen der Dehumanisationspropaganda in modernen Kriegen ebenso wie die Nonfraternisierungsgesetze. Die Bereitschaft des Menschen, Feindschaft über persönliche Bekanntschaft aufzulösen, ist nämlich so stark, dass Kombattanten, die einander in Schützengräben längere Zeit gegenüberliegen, aufhören, einander zu beschiessen und sogar Zigaretten auszutauschen beginnen. Man spricht dann bezeichnenderweise von einer «Demoralisation» der Truppe. Auch wird der biologische Normenfilter, der zu töten verbietet, durch Überlagerung eines kulturellen Normenfilters, der Feinde zu töten gebietet, nicht ganz ausgeschaltet. Es entsteht daher ein Normenkonflikt, der als schlechtes Gewissen erlebt wird. Bereits Freud wies darauf hin, dass manche Bräuche, die erfolgreiche Krieger selbst bei Naturvölkern absolvieren müssen, an Sühnerituale erinnern, und er schliesst daraus, dass auch im Verhalten dem Feind gegenüber demnach nicht nur Gefühle des Hasses, sondern auch der Verbundenheit wirksam sein müssen. Aggression und Liebe stecken in unserem biologischen Programm, nicht aber der Krieg. Er ist ein Produkt der kulturellen Entwicklung, und er könnte daher auch kulturell überwunden werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Funktionen, die er bisher erfüllte - das sind in erster Linie Ressourcensicherung und Absicherung der ethnischen Existenz gegen Dominanz durch andere -, auf andere Weise erfüllt werden. Bemerkenswerterweise wird darüber jedoch auch in den gegenwärtigen «Friedensgesprächen» nicht gesprochen. Man bemüht sich vielmehr darum, gewisse Waffen wie Atomraketen verlässlich zu tabuisieren - aber man diskutiert keineswegs Probleme, die der Konfrontation zugrunde liegen. Man handelt vielmehr so, als wollte man den konventionellen Krieg als Mittel der Politik durch Verpönung bestimmter Waffen, die beiden Parteien gleich gefährlich würden, wieder möglich machen. Man traut dem Frieden nicht und will sich im Krieg messen. Ein Grund dafür ist sicher das zunehmende Misstrauen in unserer Zeit. Zur biologischen Disposition kommen dabei die schlechten Erfahrungen der Geschichte. Verträge wurden in unserer Zeit zu Fetzen Papier degradiert.
Die Lehre Kants, der zu folge man selbst im Krieg auch für den Feind voraussagbar handeln müsse, da sonst ein späterer Friede unmöglich sei, schlug man in den Wind. Man brach Konventionen und etablierte die Lüge als Mittel internationaler Politik. Es bedarf dringend der Entwicklung einer neuen Vertrauensbasis. Aber wie soll sie zustande kommen, wenn mittlerweile die Lüge und der Bruch von Versprechen selbst in der Innenpolitik salonfähig wurden.
Da Misstrauen die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört beziehungsweise agonal ausrichtet, kann nicht klar genug gesagt werden, dass die Lüge im politischen Bereich heute nicht mehr als Kavaliersdelikt angesprochen werden kann.
Ich habe es als selbstverständlich hingestellt, dass man den Krieg zu verurteilen habe. Auch das muss ich noch kurz begründen, sind wir doch alle im Grunde Nachfahren erfolgreicher Krieger. Alle unsere Vorfahren waren Eroberer, denn von denen, die unterlagen, blieb im allgemeinen nicht viel übrig. Es könnte einer also argumentieren, der Krieg sei zwar schmerzlich, aber im Grunde doch eine sehr effiziente Methode der Konfliktaustragung zwischen Gruppen. Dem ist zu entgegnen, dass er zwar zugegebenermassen ein wirksames Instrument zur Durchsetzung von Eigeninteressen sein kann, aber sicher nicht das einzig mögliche, noch das denkbar beste. Dabei kommen Wertungen zum Tragen, die auf den schon angesprochenen biologischen Normen basieren. Unser Gewissen drängt uns danach, andere Lösungen zu suchen. Die Sehnsucht nach dem Frieden ist nachweislich älter als die Atombombe, obgleich der Friede aus Angst als neues entscheidendes Motiv hinzukommt.
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Gefordert — ein Denken in grösseren Zeiträumen
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Eine wichtige Voraussetzung zur Lösung der angesprochenen Probleme ist, dass wir in anderen Zeitdimensionen zu denken beginnen. Politiker denken von Wahl zu Wahl, Familienväter haben insofern einen etwas weiteren Horizont, als ihnen noch am Wohlergehen der Kinder und Enkel liegt. Für weiter in die Zukunft ausgreifende Zeitspannen reichen weder das emotioneile Engagement noch das Vorstellungsvermögen. Dass Menschen noch in tausend, ja hunderttausend Jahren leben könnten, das kommt keinem in den Sinn. Nur Biologen und Geologen sind es gewohnt, in solchen Zeitabschnitten zu denken. Dabei hängt unser Überleben entscheidend davon ab, dass wir ein in künftige Generationen übergreifendes Überlebensethos entwickeln, dass wir uns auch für die noch nicht Geborenen emotioneil und intellektuell engagieren. Durch Aufklärung müsste das zu erreichen sein. Es ist uns ja schliesslich auch gelungen, aus dem Sippenethos ein in die Kleingruppe übergreifendes Gruppenethos zu entwickeln, das es uns ermöglicht, uns mit Menschen zu identifizieren, die wir nicht kennen. Es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass wir im Begriff sind, eine generationenübergreifende Gesittung zu entwickeln.
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Offen bleiben für die Evolution
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Die Zielsetzung «Überleben» allein reicht nach meinem Dafürhalten jedoch nicht aus. Die Zielsetzung sollte auch die Erhaltung der evolutiven Potenz ins Auge fassen. Viele Arten starben durch Spezialisierung aus. Sie waren perfekt an eine bestimmte ökologische Nische angepasst, vermochten aber wegen der extremen Spezialisierung nicht, weiteren Umweltänderungen in ihren Anpassungen zu folgen und starben daher aus. Neue Entwicklungen gingen, wie schon erwähnt, immer von Arten aus, die weniger spezialisiert, also universeller veranlagt waren. Aus einer fünffingrigen Extremität kann sich wohl ein Huf, niemals aber aus einem Huf eine fünffingrige Extremität entwickeln. Perfekte Anpassungen führten oft in Sackgassen, und sie sind häufig von Involution - der Einschmelzung von Differenzierungen - begleitet, wie im Extremfall die Entwicklung einiger Parasiten aus der Klasse der Krebstiere lehrt. Perfekte Anpassung kann demnach nicht das Mass für langfristige Überlebenstüchtigkeit sein. Es geht für uns Menschen darum, uns weitere kulturelle und biologische Entwicklungsmöglichkeiten offenzuhalten. Die Chancen für uns Menschen sind einmalig. Wir sind extreme Universalisten im körperlichen wie im geistigen Bereich. Es gibt sicher Säuger, die schneller schwimmen, laufen, besser klettern als wir. Kein Tier wird jedoch im Wettstreit einen Menschen besiegen, wenn die Forderung aufgestellt wird, hundert Meter zu sprinten, mit Kopfsprung in einen Teich zu springen, drei Gegenstände gezielt aus vier Metern Tiefe heraufzuholen, hundert Meter zu schwimmen, an einem Seil am anderen Ufer hoch zu klettern und anschliessend zehn Kilometer zu wandern, ein Wettkampf, den sich Konrad Lorenz ausdachte, um die menschliche Universalität zu illustrieren. Dazu kommt noch die Ausstattung mit ausgezeichneten Sinnen, der hochentwickelte Verstand, die Greifhand, mit der wir uns die künstlichen Organe der technischen Zivilisation schaffen, und die Sprache. Jeder von uns ist ein solcher Universalist, und darauf begründen sich unsere Zukunftschancen. Es gilt daher, die Individualität und Weltoffenheit des einzelnen zu erhalten - die Weichen, so scheint es, werden bald gestellt.
Als Faktoren, die unsere in individueller Freiheit begründete Universalität bedrohen, sind in erster Linie die vom Menschen selbst geschaffenen Institutionen zu nennen. Diese Einrichtungen neigen nämlich dazu, ein Eigenleben zu entwickeln, sich unserer Kontrolle zunehmend zu entziehen und damit vom Diener zum Herrn zu werden. Gewiss steht jede Organisation zunächst im Dienst einer das Gemeinschaftswohl fördernden Aufgabe. Eine Organisation zur Trockenlegung von Feuchtwiesen braucht man, wenn es zu viele Feuchtwiesen gibt und deren Trockenlegung für die Landwirtschaft Hilfe bringt. Eine Organisation dieser Art entwickelt jedoch ein Eigenleben. Sie wächst und gewinnt an Macht und Einfluss. Personal wird eingestellt, ein Maschinenpark angeschafft, der sich amortisieren muss. Irgendwann kommt allerdings der Zeitpunkt, da werden Feuchtwiesen rar, und ihre Trockenlegung dient nicht mehr dem allgemeinen Wohl. Setzen hier nicht rechtzeitig Kontrollen ein, dann muss man aus Schäden lernen.
Bei Moorwiesen mag das noch angehen. Die gleiche Dynamik, angetrieben vom Macht- und Überlebensstreben der von diesen Organisationen unmittelbar Abhängenden, steht hinter dem Strassenbau, den Elektrizitätswerk-Erbauern, den Automobilproduzenten, der Schule, der Verwaltung. Sie alle unterliegen dieser systemimmanenten Eigendynamik, in deren Verlauf sie irgendwann ihr Wirkungsoptimum überschreiten. Die Strassenbauer werden sich bemühen, jeden Waldweg zu zubetonieren, die Elektrizitätswerke sind bestrebt, möglichst jeden Bach aufzustauen, die Schulen, ihre Schüler noch länger zu verschulen, anstatt sie früher an die Universität zu entlassen, wie das wohl wünschenswert wäre. Bei der Rüstung kommt noch dazu, dass man mit einem Konkurrenten wettrüstet, den man fürchtet. Die daraus resultierende Wahrnehmungsverzerrung lässt den Gegner immer bedrohlicher erscheinen, und in der Absicht, rüstungsmässig gleichzuziehen, kommt es zu dem wohlbekannten Phänomen des gegenseitigen Sich-Aufschaukelns.
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Zu einer besonderen Gefahr wird die systemimmanente Dynamik der Organisation ferner im Bereich der Verwaltung, da sie die Freiheit und Universalität des einzelnen unmittelbar bedroht, indem sie ihn in ein höheres Ganzes zu integrieren und unterzuordnen trachtet. Das entspricht einem allgemeinen biologischen Trend: Über Integration und Subordination der Teile entwickeln sich höhere Organisationen, Organismen ebenso wie Insektenstaaten. Gebilde dieser Art erweisen sich durchaus als nahezu perfekt angepasst. Nur ist zugleich ihre Potenz zu weiterer Evolution eingeengt. Gelänge es, über entsprechende Sozialtechniken zunächst kulturell den perfekt in den Staat integrierten Menschen heranzuziehen, dann würde wohl auch seine biologische Entwicklung nachziehen - und mit dem Verlust der individuellen Freiheit und der konstitutiven Universalität würden wohl auch die Chancen zu weiterer Evolution, zu geistiger Souveränität beschnitten.
Wir sind auf diesem Weg leider bereits ein gutes Stück vorangekommen. Orwell und Huxley haben die Möglichkeiten aufgezeigt, und zu beiden Entwicklungen gibt es Ansätze. Wie ich andernorts ausführte, dürfte die Entwicklung eher nach dem Modell von Huxleys «Schöner neuer Welt» verlaufen. Die Entmündigung des Bürgers im Sozialstaat schreitet munter voran, und sie wird von den Betroffenen akzeptiert, da Menschen gerne auf Kindesstufe regredieren und sich bemuttern lassen. Das System kommt unseren hedonistischen Anlagen entgegen, während Orwells Modell auf gewaltsamer Unterdrückung basiert, gegen die der Mensch gottlob zu rebellieren neigt.
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Individualität und ethnische Vielfalt als Überlebensstrategien
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Wir vermögen durchaus einige Gefahren zu erkennen, die unser Überleben bedrohen. Hilft uns das, können wir unsere Geschicke aus Einsicht steuern? Von Hayek meint, wir müssten alles den selbstregulierenden Kräften überlassen, die auch die bisherige kulturelle Evolution bestimmten. Kultur könne man nicht planen. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Wir können uns aber, wie gesagt, Ziele setzen, und ein solches Ziel wäre das Überleben und zumindest kulturell die Weiterentwicklung eines souveränen, sozial und schöpferisch intelligenten, verantwortlichen, kooperativen Menschentyps. Nach meinem Dafürhalten hat er gesellige, aber als Individuen profilierte, universalistisch veranlagte Menschen zur Voraussetzung, und diese ist im Grunde gegeben. Ihre Erhaltung sollte eines unserer Anliegen sein.
Um das zu erreichen, bedarf es weiterer Zielsetzungen. Die von Karl Popper propagierte offene Gesellschaft, in der dank eines Klimas der Verstehensbereitschaft viele Ideen nebeneinander gedeihen, wäre so ein Ziel. Dem würde ich die Erhaltung der ethnischen Vielfalt als weiteres Zwischenziel zur Seite stellen. Denn jede Ethnie vertritt ebenfalls ein Kollektiv von besonderen Ideen und Anpassungen. Ethnischer Pluralismus trägt zum Überleben bei, denn jede Kultur experimentiert mit einer speziellen Überlebensstrategie. Und in ihrer Gesamtheit vergrössern die Kulturen die Anpassungsbreite der Menschheit. Ganz abgesehen davon, würden Biologen den Untergang von Kulturen als Differenzierungsverlust so beklagen wie den Artentod. Das hat auch ästhetische Gründe. Aber mit solchen darf man in unserer sachlichen Welt nicht operieren.
Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst bleibt, dass alle diese rational im Dienst einer höheren Zielsetzung festgelegten Ziele auf Annahmen basieren, die sich unter Umständen als falsch erweisen können. Es muss daher grundsätzlich die Bereitschaft bestehen, Hypothesen, die sich nicht bewährten, über Bord zu werfen und neue Ziele zu setzen. Damit sprechen wir aber ein Problem an, das sich der rationalen Problemlösung entgegenstellt, nämlich unsere mangelnde Bereitschaft, Hypothesen aufzugeben, selbst wenn sie sich nicht mehr als tragfähig erweisen. Hypothesen dienen uns nämlich als Orientierungshilfen. Bereits der steinzeitliche Mensch projizierte sie als Ordnungsgerüste in diese Welt, um sich an ihnen zu orientieren und so Sicherheit zu erlangen. Im Rahmen seiner Welterklärung kann er dann handeln und ist nicht mehr passiv einem Schicksal unterworfen. Buschleute der zentralen Kalahari erklären Krankheiten zum Beispiel mit unsichtbaren Pfeilen, die Feinde oder Dämonen in den Körper der Erkrankten pflanzen. Daraus folgt für sie, dass man diese Pfeile in Trance durch Extraktionszauber wieder entfernen kann. Das nimmt Angst. Hypothesen vermitteln so Sicherheit. Man trennt sich daher ungern von ihnen. Sie entwickeln sich häufig zu Glaubenssystemen, die dann noch als Erkennungszeichen der Gruppenidentifikation dienen. Die fatale Neigung, Hypothesen aus dem Gebiet der Ökonomie und Soziologie zu Weltanschauungen zu erheben, ist wohl genügsam bekannt.
Überzeugungen treten leider all zu oft an die Stelle von Wissen. Die Neigungen zum Bekennertum gefährdet die geistige Freiheit. Wir neigen dabei zu ideologischer Abschliessung in Gruppen. Dem kommt sicher unsere Veranlagung entgegen, Zusammengehörigkeit an gemeinsamen Merkmalen zu erkennen - und diese uns oft als Symbole der Identifikation eigens zu schaffen. Unsere Überzeugungen sind ein Teil dieser Identität, und die wollen wir uns nicht nehmen lassen. Daher sind Diskussionen, in denen soziale Probleme berührt werden, im allgemeinen so mühsam und fruchtlos. Unser Verstand regiert, wenn wir uns mit Problemen der ausserartlichen Welt auseinandersetzen. Geht es darum, soziale Probleme zu lösen, verteidigen wir mit Emotionen vorgefasste Meinungen, als würde unsere Identität bedroht. Wir fürchten wohl darüber hinaus auch, unser Gesicht zu verlieren, wenn wir die Meinung eines anderen akzeptieren, eine archaische Angst vor Dominanz durch Mitmenschen, die zu den anthropologischen Konstanten gehört - aber darauf kann ich hier nicht näher eingehen. In diesem Bereich über Selbsterkenntnis Selbstbeherrschung zu erwerben, scheint mir eine der dringlichen Aufgaben.
Dogmatische Grundeinstellungen werden ferner durch die menschliche Neigung gefördert, in Kategorien wahrzunehmen und zu denken. Das ist für unsere Orientierung in der Welt unerlässlich und steckt in den uns vorgegebenen Programmen der Wahrnehmung und des Denkens. Das Bedürfnis nach Klarheit führt dazu, dass wir gerne in Gegensatzpaaren nach dem Schwarzweissprinzip ordnen, im politischen Bereich in links und rechts. Und können wir jemanden so einordnen, dann sind wir auch zufrieden. Nur mit der liberalen Mitte haben wir Schwierigkeiten, denn die lässt sich nicht so leicht unterbringen. Wir unterscheiden Gut und Böse und neigen selbst bei den Tugenden zur Polarisierung. Dabei sind es einmal die Tugenden des agonalen Systems wie Mut, Einsatzbereitschaft, Selbstaufopferung, Loyalität, die oft im Verbund mit elitärer Selbstüberheblichkeit einseitig und auf Kosten der Tugenden der Menschlichkeit kultiviert werden. Als Reaktion auf die dadurch mitbewirkte Katastrophe werden gegenwärtig die Tugenden insbesondere der Nächstenliebe einseitig und bis zu einem gewissen Grad auch auf Kosten der staatstragenden Tugenden kultiviert, ja zum Programm erhoben, womit es gelingt, selbst diese Tugenden ihres emotionalen Wertes und Sinnes zu entleeren und zur Untugend zu verkommen zu lassen. Der Phase europäischer Selbstüberheblichkeit folgte zugleich eine Phase der Selbstherabsetzung. Sie hat eine Identitätsauszehrung zur Folge und erschwert es jungen Europäern, sich mit ihrer Kultur zu identifizieren. Bescheidenheit und Selbstkritik wären wohl angebracht und nützlich. Selbstherabsetzung und unentwegte Selbstbeschuldigung führen dagegen zur Selbstzerstörung.
Ein bisschen Selbstbesinnung als Beitrag zum Überleben täte uns not. Der Welt würde sicher wenig geholfen, würde ausgerechnet die abendländische Zivilisation der Selbstauflösung verfallen, denn bei allen Schattenseiten, die nicht zu leugnen sind, handelt es sich doch, um mit Popper zu sprechen, um die selbstkritischste und reformfreudigste Zivilisation der Welt. Und nur in ihr wurde, wie Popper hervorhebt, die moralische Forderung nach persönlicher Freiheit weitgehend anerkannt und weitgehend verwirklicht.
Nach wie vor sind wir die Vorkämpfer für diese Werte, auf denen sich unsere Zukunftschancen begründen. Wir sollten uns daher nicht selbst aufgeben. Ein neues europäisches Selbstbewusstsein wäre durchaus wünschenswert. Es könnte auch helfen, durch Bewusstmachung des verbindenden kulturellen Erbes die unheilvolle europäische Spaltung zu überwinden und so zum Frieden beizutragen.
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Eine Reihe von sozialen Anlagen, die im Laufe der Stammesgeschichte entwickelt wurden, erschweren die vernünftige Lösung einiger Gegenwartsprobleme. Ihre Bewusstmachung ist eine Voraussetzung für jene Selbstkontrolle, deren wir bedürfen, um einigen Herausforderungen der Neuzeit zu begegnen und ein generationenübergreifendes Ethos zu entwickeln, das das Überleben künftiger Generationen freier, universalistisch veranlagter Menschen und damit die Potenz zu weiterer Entwicklung sichert.
Machtstreben und das daraus resultierende Wetteifern erschweren den vernünftigen Umgang mit Ressourcen. Wir streben danach, einander in Gruppen wetteifernd zu übertrumpfen, wobei wir Strategien der Maximierung einsetzen. Angst vor dem Dominiertwerden heizt das eigene Dominanzstreben gewissermassen als präventive Strategie auf.
Das Streben nach einer Weltfriedensordnung wird durch das auch auf angeborenen Dispositionen beruhende zwischenmenschliche Misstrauen behindert. Es könnte erzieherisch aufgelöst werden, doch hat gerade unser Jahrhundert den Vertragsbruch im internationalen Verkehr und neuerdings auch die Lüge im Bereich der Innenpolitik geradezu salonfähig gemacht. Es ist hoch an der Zeit, diesen Entwicklungen gegenzusteuern.
Die Anonymität der zwischenmenschlichen Beziehungen fördert das Misstrauen. Die ständige leichte Angstmotivation induziert die Bereitschaft, sich führen zu lassen, und macht damit auch ideologieanfällig.
Die evolutive Potenz des Menschen ist unter anderem durch die systemimmanente Dynamik der vom Menschen selbst geschaffenen Organisationen bedroht, insbesondere im Bereich der Verwaltung, da diese sich bemüht, den einzelnen in das höhere Ganze zu integrieren. Besonders jene Sozialtechniken, die die hedonistische Veranlagung des Menschen nutzen - wie insbesondere seine Bereitschaft, sich in infantile Abhängigkeit zu begeben und sich umsorgen zu lassen -, haben dabei Erfolg.
Der verstandesmässigen Bewältigung der Gegenwartsaufgaben steht schliesslich unsere mangelnde Bereitschaft entgegen, Hypothesen über Bord zu werfen, da diese uns Sicherheit bieten und bei der eigenen Identitätsfindung der Menschengruppen als Erkennungszeichen dienen.
Schliesslich wird das freie Denken und damit jeder Dialog durch unsere Neigung erschwert, zu kategorisieren und dabei nach Gegensatzpaaren zu ordnen. Dabei werden selbst Tugenden polarisiert und übertrieben.
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